Kreuzberger Chronik
September 2020 - Ausgabe 222

Kreuzberger
Albert Plankemann




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von Horst Unsold

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Begegnen die Gäste Albert in dem Lastenfahrstuhl, der mit unendlicher Langsamkeit in den vierten Stock des Gewerbehofs hinaufgezogen wird, wo sich in den Räumen einer ehemaligen Metallwarenfabrik das Hotel Transit befindet, dann glauben sie, der Mann mit dem kurzärmligen, buntbedruckten Hemd, den halblangen Haaren und den Bermuda-Shorts sei einer von ihnen: ein Urlauber. Einer jener Gäste, die man daran erkennt, dass sie, endlich von Krawatten, Jacketts und gebügelten Hemden befreit, zu jeder Tages- und Nachtzeit auffallend leger gekleidet daherkommen. Wenn sie ihm wenig später hinter dem Tresen der Hotelrezeption wiederbegegnen, sind sie erstaunt.

Albert Plankemann ist unkonventionell. Wenn die Gäste mit einer Bitte oder Frage an die Rezeption kommen, dann verzieht er zunächst kaum eine Miene und hört schweigend zu. Egal, wie ausführlich sein Gesprächspartner gerade das Problem mit dem Schlüssel oder dem Kopfkissenbezug erörtert. Er wartet ab. Auch wenn ein Gast spät abends oder mitten in einer dieser langen Kreuzberger Nächte angetrunken vor ihm steht und vielleicht ein längeres Gespräch sucht über Gott oder die Welt oder die Frauen oder die Männer, dann steht er da und hört zu. Das ist sein Job. »Ich muss ja erst einmal feststellen, ob wir überhaupt zusammenpassen. Ob wir die gleiche Sprache sprechen. Ob er meinen Witz versteht, ob er überhaupt Humor hat und ob er etwas zu sagen hat. Ich habe meine Lehre in München schließlich nicht umsonst bei einem Starfrisör gemacht. Bei Ulrich Graf, zu dem kamen die Damen morgens mit dem Privatjet aus London oder Genf angeflogen, um sich die Haare machen zu lassen, und am Mittag flogen sie wieder zurück. Irgendwann musste ich da kündigen. Ich konnte nicht den ganzen Tag immer nur Blödsinn reden!«

Der Unterschied zwischen der Arbeit hinter dem Hoteltresen und der hinter dem Damenkopf ist der, dass der Frisör den Damenkopf nicht einfach im Frisierstuhl liegen lassen und gehen kann wie in diesem Sketch mit Karl Valentin. »Im Hotel kann ich das ein bisschen steuern. Wenn mir einer zu viel Blödsinn erzählt, dann ziehe ich mich irgendwie elegant aus der Affäre.« Dann klingelt plötzlich das Telefon oder sein Blick fällt auf die Uhr und er erinnert sich daran, dass er noch die Dame auf Zimmer Nummer 23 wecken muss. Wenn aber jemand plötzlich über Ulysses zu erzählen beginnt, den Albert bereits zwölf mal begonnen und nie zu Ende gelesen hat, oder über Fotografie oder Punkmusik oder vielleicht sogar über die Reclamausgabe des Faust, dann könnte ein Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. Dann könnte es zu ausgedehnten Tresengesprächen kommen, ebenso wie bei den spät heimkehrenden Frauen, die aus dem fernen Süddeutschland oder Westdeutschland und in letzter Zeit sogar aus Ostdeutschland angereist sind, um einen der alternativen Kreuzberger Workshops zu Themen wie Meditation, Astrologie oder Feldenkrais-Therapien zu besuchen. Manchmal entstehen sogar langjährige Freundschaften, und es kommt vor, dass spät nachts das Telefon an der Hotelrezeption klingelt und Albert in dieser immer gleichen, nicht zu freundlichen und nicht zu schroffen Art sagt: »Das Hotel Transit. Guten Tag!« Und dann ist es einer seiner Gäste, der längst wieder zuhause in Ulm, Finkenwerder oder Groß Bieberau sitzt, aber noch ein bisschen mit diesem Mann plaudern will, dem er zum ersten Mal im Fahrstuhl begegnete, als er das bunte Hemd mit Motiven aus der Sixtinischen Kapelle trug.

Albert Plankemann kennt sich aus. Nicht nur hinter dem Tresen oder über dem Aristokratinnen-Kopf. Er ist ein Profi fürs Leben. Er hat sich seine Brötchen mit den verschiedensten Jobs verdient, er hat derart vieles begonnen und wieder aufgegeben, ist schon den unterschiedlichsten Menschen begegnet, sodass er eigentlich immer mitreden kann. »Ich habe schon vieles ausprobiert und schon ziemlich viele komische Sachen gemacht: Mal wollte ich Musiker werden, mal Theater-Schauspieler, Opernsänger, Maler, Autor, einmal sogar Bundeskanzler! Ich war bei der CDU, der jungen Union, der FDP und der SPD und sogar bei den Falken, das war so eine kleine Splittergruppe der Jusos. Ich wollte nicht unbedingt den Wallraff spielen, aber man muss sich in diese Kreise hineinbegeben, um über sie reden zu können!« Man muss das Leben erst einmal kennen lernen, wenn man darüber reden möchte.

Das war mitunter anstrengend, in Ulm zum Beispiel, als er gerade zwanzig war, und von sieben Uhr morgens bis zwei Uhr Mittags seinen Zivildienst in der Leukämiestation der Uniklinik leistete; von sechs bis neun Uhr abends im Abendgymnasium saß und von zehn Uhr nachts bis zwei Uhr morgens in der Sonderbar hinter der Theke stand, so lange, bis er die 140 wichtigsten Klassiker unter den Cocktails schon aus dem Gedächtnis mixen konnte. Obwohl Albert vieles begann und wenig beendete, hat er doch immer Erfolg gehabt. Im Frisörsalon ebenso wie mit der Punk-Band Essen mit Spaß, wo er neben Karol Gaier von den Goldenen Zironen spielte, oder im Ulmer Theater, wo er den Junkie, der sich in einer Ecke der Bühne einen Schuss setzte, so lebensnah spielte, dass das Publikum zu flüstern begann, weil es glaubte, es handele sich um einen verirrten Bühnenarbeiter. Er war in der Statistenrolle so gut, dass die Hauptrolle nach der Premiere zu nörgeln begann: »Der stiehlt mir ja die ganze Schau!« - Er war immer engagiert, auch in der Leukämie-Station, wo er den Todgeweihten so nahe kam, dass sie ihm ihr Leben erzählten: »Da kamen Erinnerungen hoch, Bilder von Landschaften, Szenen, so rührend und schön, dass ich aufstehen und rausgehen und weinen musste.«

Im Film »Das Meer« von Andreas Wunderlich, 1990









Albert Plankemann war Schauspieler, Krankenpfleger, Barkeeper, Maler, Musiker, Hotelangestellter. Und es schien, als gebe es keine Linie, die diese Stationen miteinander verband und die zu irgendeinem Ziel führen könnten. Also kehrte der dem ausschweifenden Nachtleben in und um Ulm herum den Rücken und zog irgendwann nach Berlin, noch immer nicht wissend, wohin die Reise gehen sollte. Arbeitete zunächst wieder hinter dem Tresen, im Café Altenberg in der Oppelner Straße. Viel Schlaf fand er in Berlin immer noch nicht, die Kreuzberger Nächte waren sogar länger als die Münchner. Nicht nur hinter, sondern auch vor dem Tresen. Im Steps, unter der schon legendären Pension Kreuzberg in der Möckernstraße, brach er sogar seinen persönlichen Rekord und stand von zwei Uhr Mittags bis morgens um neun am Tresen.

Und dort, im Steps, drei Stufen im Souterrain, traf er auch Isa, Ulli und Jörg, die die Pension Kreuzberg führten und in der Hagelberger Straße gerade das Hotel Transit eröffneten. Inzwischen sind es 27 Jahre, die Albert Plankemann im vierten Stock der Hagelberger Straße an der Rezeption verbracht hat. Erfolgreich. Geschätzt. Ein Profi. Ein Mann, der mit den Gästen reden kann. Heute scheint es, als wären der Frisör Graf und die Leukämiestation notwendige Zwischenstopps auf dem Weg zur Hagelberger Straße gewesen. Denn Plankemann sah sich immer - ob als Zivildienstleistender im Krankenhaus, im Theater oder am Tresen - als einen, der etwas zu geben hatte, und wenn sich Albert Plankemann kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag ein erstes Resümee erlauben darf, dann fällt das - trotz aller Erfolge - bescheiden aus: »Ich bin ein gewissenhafter Dienstleister!«

Das ist auch dann nicht viel anders, wenn er fotografiert. Wenn er seine Kamera auf einen Rostflecken richtet. Und darin ein Bild aus Dantes Göttlicher Komödie wiedererkennt. Niemand, der das schillernde, schon in der Kamera durch Alberts Voreinstellungen vollkommen verfremdete Bild sieht, käme auf den Gedanken, dass es sich hier um den eisernen Arm eines alten Baggers handelt. Ebenso wenig wie man auf den Gedanken käme, dass dieses Bild ein Bild aus Dantes Göttlicher Komödie sein könnte. Aber genau das ist der Grund, weshalb Albert Ankemann fotografiert: Er fotografiert, um anderen ein Stück seiner Welt zu überreichen, das sie selbst nicht sehen können. Auch als Fotograf sieht sich Albert als Dienstleister. Das fällt auf. Das ist unkonventionell. Beinahe hätte er 2020 als einziger Fotograf eine Ausstellung bereichert, in der Künstler wie John Behan oder David Dunne ausstellen sollten. Dann aber ließ eine weltweite Epidemie das Ausstellungsprojekt scheitern.


Dantes Hauptwerk jedenfalls soll auch Albert Plankemanns Hauptwerk werden. Sein »Lebenswerk« sozusagen. Der Fotograf möchte zu jedem dieser alten Gesänge aus der Hölle und dem Paradies des Dante Alighieri ein Bild schaffen. Das Ganze soll einmal eine große, farbenprächtige Sammlung werden, denn Plankemann ist »ein farbenfroher Mensch«. Einer, der die Schönheit liebt. Ein Sammler des Schönen. Das können farbenprächtige Bilder sein ebenso gut wie die letzten Erinnerungen Todkranker an ein schönes Leben.

Auch die vielen Reclamhefte in seiner Wohnung gehören zu dieser Sammlung. »Das war ja auch eine schöne Idee, mit Heften für 20 Pfennige Literatur und Bildung jedermann zugänglich zu machen.« Wahrscheinlich deshalb begann Plankemann irgendwann damit, von seinen sonntäglichen Streifzügen durch Antiquariate und über Flohmärkte kleine Reclamheftchen mitzubringen. Irgendwann stand Alberts Sohn staunend vor dem Regal und fragte den Vater: »Gibt es da eigentlich ein Verzeichnis für?«

Das gab es nicht, denn 1944 hatte eine Bombe das Verlagsgebäude getroffen und sämtliche Unterlagen über die bis dahin schon 7000 Bände, die seit 1867 erschienen waren, vernichtet. Nach dem Krieg teilte man das Land, es gab plötzlich Reclam-Ost und Reclam-West, hinzu kamen ständige Neu-Ausgaben, so dass die Sache immer komplizierter wurde.

Dennoch begann Albert Plankemann mit der Erstellung eines Gesamtverzeichnisses, recherchierte im Internet, durchstöberte Antiquariate und trug eine erstaunliche Sammlung zusammen, verteilt über den gesamten Flur und zwei Zimmerwände seiner Wohnung in der Nähe des Urbanhafens, »insgesamt 80 Meter«. Die Sammlung der kleinen Hefte, in denen vielleicht auch Philipp Reclam schon so etwas wie einen Dienst für die Menschheit - wären womöglich Albert Plankemanns größte Dienstleistung geworden. Doch vor zwei Jahren plötzlich erschien im Verlag tatsächlich das erste offizielle Gesamtverzeichnis. »Meine Fehlerquote lag bei 0,5 Prozent!« Darauf ist der Sammler stolz.

Natürlich sammelt Albert Plankemann trotzdem weiter, schließlich ist er ein alter »Sammler und Jäger«. Es vergeht kein Wochenende, an dem er nicht mit neuen Bänden heimkehrt. Über 10.000 dieser Bücher haben inzwischen bei ihm Unterschlupf gefunden. Eine schöne, farblich sortierte Sammlung. Passend zu den farbenfrohen Bildern, die er fotografiert, zu den schillernden Geschichten, die er erzählt, zu den bunten Hemden, die er trägt. Falls er nicht gerade eine seiner 400 knallbunten Krawatten angelegt hat, die nur zu einfarbigen Hemden passen. Albert Plankemann ist eben ein unkonventioneller Mensch. •

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