Kreuzberger Chronik
September 2020 - Ausgabe 222

Kanzlei Hilfreich

Strack, die Vierte


linie

von Kajo Frings

1pixgif
Es gab Ganoven, deren Einfallsreichtum Hilfreich amüsierte. Mitunter hatte sogar dieser Strack witzige Ideen.


Herr Strack beschäftigte eine Zeit lang eine Gruppe von Jugendlichen, die Spaß am Autofahren hatten. Die Jugendlichen stießen nicht nur auf den Kreuzberger Festlichen Tagen im Autoscooterparcour vorsätzlich aufeinander, sondern auch auf der Straße. Vor allem in Kreuzberg.

Dort gab und gibt es noch immer eine besondere Form der Vorfahrtmissachtung. Denn in der Bergmannstraße galt und gilt noch immer einerseits Hauptstraße vor Nebenstraße, andererseits aber Rechts vor Links. Nicht selten also stieß hier eine Schrottkiste, die Vorfahrt hatte, auf einen von Links kommenden Pkw, der diese Vorfahrt missachtete. Dabei gab es zwei Varianten. 1: Der Schuldige beging Fahrerflucht. Es stellte sich heraus, dass das Tatauto gestohlen war; 2: Der Schuldige behauptete, der Vorfahrtberechtigte habe sich langsam der Kreuzung genähert und ihm durch Handzeichen die Vorfahrt gegeben, dann aber im letzten Moment Gas gegeben.

Das Ergebnis war in beiden Fällen das gleiche: Der Vorfahrtsberechtigte machte seinen Schaden gegenüber der Haftpflichtversicherung geltend, mit einem Sachverständigengutachten, das den Wert des Fahrzeuges weit überhöhte. Das ging gut, bis der Polizei auffiel, dass der Fahrer des vorfahrtberechtigten Fahrzeugs immer ein Seitenfenster geöffnet hatte, woraus man schloss, dass der Fahrer einen Unfall provozieren und für den Fall einer klemmenden Tür das Fenster als Notausstieg nutzen wollte.

Als Ende 1989 die Mauer fiel und die Fahrzeit mit dem Zug nach Frankfurt an der Oder nur noch 90 Minuten betrug, ersann Herr Strack einen neuen Geschäftszweig, in dem keine Jugenldichen, sondern eher ältere Alkohliker zum Einsatz kamen.

Einer dieser Mitarbeiter mietete sich ein Auto, parkte es in der Gneisenaustraße und setzte sich in eine der kleinen Türkenkneipen mit den blonden polnischen Bedienungen. Er bestellte gleich beim Hineingehen am Tresen ein Herrengedeck, vergaß aber vorsorglich Wagenpapiere und Autoschlüssel auf der Theke. Als plötzlich Schlüssel und Papiere verschwunden waren, trank er vor lauter Kummer drei Stunden lang Herren-Gedecke. Bis Schlüssel und Papiere wieder dalagen. Dann allerdings war das Auto weg und er erstattet Anzeige. Dass zwischenzeitlich irgendjemand mit dem Auto zur polnischen Grenze gefahren war, um Schlüssel und Papiere zu verfielfältigen und dann die Originale per Zug wieder zurück nach Berlin zu schaffen, reimte sich Jens Hilfreich erst zusammen, als er auf Wunsch von Herrn Strack einen dieser Freunde verteidigte, die drei Stunden in einer Kneipe sitzen und sich betrinken mussten. Und nun sollte Hilfreich also dafür sorgen, dass es bei einer Geldstrafe blieb. Die zahlte Herr Strack aus seiner Versicherungskasse. Ebenso wie das Anwaltshonorar. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2020, Berlin-Kreuzberg