Kreuzberger Chronik
September 2020 - Ausgabe 222

Hausverbot

Barrikaden im Nova


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von Michael Unfried

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Das Nova ist nicht neu. Im Nova sitzen auch keine neuen Leute, so wie gegenüber im Mitterhofer mit seinen gedeckten Tischen im eingezäunten Vorgarten und seiner gutbürgerlichen Küche. Im Nova sitzen alte Leute. Leute, die seit ewigen Zeiten hier wohnen und für kleines Geld große Biere trinken. Seit über zwanzig Jahren schon, seit Tatjana, die Kellnerin, das Lokal irgendwann übernommen hat, sitzen sie da, im Winter drinnen - am Tresen, an den Tischen mit den Aschenbechern, am Kicker oder am Billardtisch - und im Sommer draußen auf der Straße vor den Bäumen, auf den auch schon ziemlich alten und ziemlich großen Holzbänken, die sie einmal irgendwo aufgetrieben haben und die jedem stattlichen Park zur Ehre gereichen würden: Dreisitzer, Viersitzer, sogar drei Meter lange und kompfortable Fünfsitzer sind darunter. Und so fühlt sich jeder im Nova sofort wie zuhause.
So zuhause, dass man jeden Tag hier verbringen könnte. Gute Tage ebenso wie schlechte Tage. Tage, an denen man vielleicht besser wirklich zuhause bleiben sollte, weil man eine so schlechte Laune verbreitet, dass man sich garantiert keine Freunde machen kann. Tage, an denen es sogar passieren kann, dass Tatjana bei all ihrer in vielen Jahren erworbenen Geduld am Ende tatsächlich der Geduldsfaden reißt. So wie bei Musik-Reiner. »In Sachen Musik war der ganz weit vorne. Aber er konnte furchtbar nerven, wenn er zu viel getrunken oder sonst irgendwie zu viel hatte.«

Deshalb hatte ihm Tatjana bereits zwei Mal die Tür gewiesen und ein temporäres Hausverbot verhängt. Natürlich stand er viel früher wieder am Tresen als abgesprochen, aber Tatjana »vergisst ja auch ganz gerne mal was.« Das ging dann eine ganze Weile gut. Bis es eines Tages wieder einmal eskalierte und die Kellnerin dieses legendären Abends ihm zum dritten Mal die Tür wies.

Doch es war Winter, es war ungemütlich da draußen, und der alte Stammgast wollte sich mit dem Platzverweis partout nicht abfinden. »Ich meine, man soll ja nicht schlecht über Tote reden, und der Reiner ist ja nun vor ein paar Jahren gestorben - Gott hab ihn selig. Aber an diesem Abend war er wirklich verdammt schlecht drauf.« Reiner war schon eine Weile verschwunden, da rumpelte es, und als die Gäste zur Tür hinausschauen wollten, sahen sie, dass Reiner mit all seiner Wut im Bauch die stattlichen Bänke zu einer unüberwindbaren Barrikade aufgetürmt und ihnen den Ausgang versperrt hatte.«

Die Polizei musste anrücken, um die Gäste zu befreien und den Musiker zur Ruhe zu bringen. Von da an blieb Musik-Reiner seinem geliebten Stammlokal bis zuletzt fern. Und jetzt, wo Tatjana das alles fast schon vergessen hat und längst wieder ein Auge zudrücken würde, kann er nun leider auch nicht mehr kommen.

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