Kreuzberger Chronik
März 2020 - Ausgabe 217

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Unermüdlichen


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von Michael Unfried

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Sie geben nicht auf, seit 1978. Ihre Vorgänger und Vorbilder, die Kämpfer der Märzrevolution von 1848, sind lange tot. Die Bürgerinitiative mit Hauptsitz in Kreuzberg aber verteidigt die alten Ideale bis heute. Und das scheint dringender denn je.

Seit fünf Jahren fährt er diese Strecke von Kreuzberg über den Potsdamer Platz bis zur Ständigen Vertretung Baden Württembergs. Er fährt die Strecke mit Rad, Hut, Schal und Mantel, aber er hält sich nicht an Verkehrsregeln. Er beansprucht Sonderrechte für Senioren und nutzt auf stark befahrenen Straßen ohne Radspur gerne den Gehweg. Sollten ihm Fußgänger in die Quere kommen, betätigt er die freundliche Zweitonglocke, die laut, aber herzlich alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Dann ruft er, ohne die Geschwindigkeit zu verringern, mit freundlicher, aber selbstbewusster Stimme: »Ich weiß, dass ich zu Unrecht auf dem Fußweg fahre, aber ich bin leider sehr in Eile....« - So bahnt er sich seinen Weg, Volker Schröder, seit mehr als vierzig Jahren schon: Freundlich, aber das Ziel deutlich vor Augen und durch nichts zu bremsen.


Volker Schröder ist der heimliche Präsident, der undesignierte Vorsitzende und der unumstrittene Kopf und Sprecher der womöglich ältesten Berliner Bürgerinitiative, die schon seit 1978 die Fahnen einer Revolution hochhält: der Märzrevolution von 1848. Doch wenn die treuen Gesinnungsgenossen der Aktion 18. März heute noch an den vor 170 Jahren verlorenen Kampf um mehr Bürgerrechte erinnern, dann geht es ihnen nicht um Nostalgisches, nicht um eine Erinnerung an den Geruch von Pulverdampf und Straßenschlachten. Wenn sie sich in den Kopf gesetzt haben, an die Ideale einer niedergeschlagenen Revolution zu erinnern, dann nur deshalb, weil der Kampf um die damaligen Ziele bis heute nicht gewonnen ist. Weil es bis heute Bewegungen gibt, die an den Grundfesten der Demokratie nagen. Deshalb erinnern sie mit einer alljährlichen Gedenkveranstaltung vor dem Brandenburger Tor und auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain an die Märzrevolution, beschwören in Reden die alten Ideale und legen Kränze nieder. Deshalb treffen sie seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten in jedem Herbst zusammen, um über die Gedenkveranstaltung und die »Zeitung« zu sprechen, eine großformatige Gedenk- und Mahnschrift, die alljährlich in den ersten Märztagen erscheint und das Volk zum Brandenburger Tor locken soll.

Ganz am Anfang, 1978, waren sie zu viert, eine winzige Splittergruppe von KPD-Sympathisanten, die sich die Unabhängigkeit von UDSSR und USA auf die Fahnen geschrieben hatte und für ein geeintes Deutschland mit einem gemeinsamem Gedenktag eintrat: Den 18. März. »Die KPD«, erinnert sich Schröder, der Letzte aus der Reihe der Gründungsmitglieder, der heute noch aktiv ist, »war die einzige politische Partei im linken Lager, die für eine deutsche Einheit plädierte. Das ist heute längst vergessen!« Man traf sich sich in Charlottenburger Hinterzimmern und warb am Arbeitsplatz, an der Uni und in den Kneipen mit Flugblättern und Unterschriftenlisten für Mitkämpfer.

Doch gelang es den vier Außenseitern mit ihrer Forderung nach einer Einigung Deutschlands honorige Persönlichkeiten anzuwerben: Als die Aktion 18. März in der Frankfurter Rundschau eine Anzeige schaltet, tauchen unter den Unterstützern auch der Sohn Willy Brandts, der Schriftsteller Martin Walser oder Ingeborg Drewitz, die damalige Vizepräsidentin des westdeutschen Pen-Clubs, auf. Drewitz hatte, gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Berlins, Heinrich Albertz, sogar die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen. In riesigen Lettern forderten sie in ihrer Anzeige »Konservative, Christen, Antifaschisten, Sozialisten, Kommunisten, Parteilose, Liberale und Unabhängige« dazu auf, »gemeinsam für ein demokratisches, friedliebendes und vereintes Deutschland« einzustehen.

Dieses Ziel wurde am 9. November 1989 erreicht, aber auch der Platz vor dem Brandenburger Tor hat einen neuen Namen erhalten und erinnert heute an den 18. März. Bei der Gedenkveranstaltung legen Vertreter aller politischen Parteien Kränze nieder. Doch damit nicht genug: Noch immer sitzt der steinharte Kern der Bewegung im holzvertäfelten Frankensaal der Baden-Württembergischen Landesvertretung und kämpft für einen nationalen Gedenktag. »Ein Gedenktag«, so schreiben sie in einem ihrer Flugblätter, »verändert nicht die Welt. Aber Symbole zeigen, was uns wert und wichtig ist.«

Der Reihe nach gehen die Versammelten die schlanken fünf Punkte der Tagesordnung durch. Es geht um die Frage, ob der Dichter Ludwig Uhland, 1848 Mitglied der Nationalversammlung in der Paulskirche, zum thematischen Schwerpunkt im Heft werden soll; ob man den 18. März 1990, den Tag der ersten freien Wahlen des wiedervereinigten Deutschland, dem 18. März 1848 beiseite stellen sollte, da die beiden Termine ohnehin ständig »kollidieren«. Dann geht es um die Liste der Redner vor dem Brandenburger Tor. Einen Moment bleibt die Diskussion bei Frank Walter Steinmeier hängen, doch schon zu oft hat die Prominenz erst zu- und kurzfristig wieder abgesagt. Schmunzelnd werden stattdessen die in die Diskussion geworfenen Namen verschiedener Literaturnobelpreisträger aufgenommen, die sich zum 18. März bekennen könnten: Peter Handke, Herta Müller, Bob Dylan...

Der heimliche Vorsitzende allerdings merkt an, dass es sich mit den Popstars der Literaturgemeinde ähnlich verhalten könne wie mit den 18 Schauspielern und Schauspielerinnen, die er um ein Statement in der Zeitung gebeten hatte. »Wir haben das schon mal mit bekannten Politikern gemacht, und das hat auch wunderbar geklappt. Aber dieses mal hat von den Schauspielern nicht einer - wirklich nicht einer! - geantwortet.« Womöglich hatte Schröder mit Namen wie Lars Eidinger, Nina Hagen, Veronica Ferres und Jan Josef Liefers allerdings auch gerade jene erwischt, deren Terminplaner randvoll waren.

All diese Tagesordnungs-Punkte hat die erfahrene Mannschaft aus Politologen, Publizisten und Historikern in wenigen Minuten abgehandelt, nur einmal beißt sich die Diskussion fest wie in den Siebzigern, als Studenten noch bis Tagesanbruch rauchten und diskutierten. Es ging um einen Redaktionsbeitrag des Autors Christoph Hamann, der sich darüber empörte, dass ausgerechnet die AFD ihren Sitzungssaal im Bundestag »Paulskirchensaal« taufte. Nach jenem Ort also, in dem der zuvor erwähnte Uhland einst die Ideale der Demokratie verteidigte. Augenblicklich teilte sich der scheinbar unspaltbare Kern der Truppe in zwei Lager: Die einen wollten in ihrer Revolutionsschrift keine Zeile für die umstrittene Partei opfern und sie gerne totschweigen. Die anderen bestanden auf den Grundsätzen von 1848 und damit auf eine freie Meinungsäußerung. Alles andere sei »Zensur! Da können wir unser erstes Plakat von damals auch gleich zerreißen!«, warf Roland Wehl in die Runde. Es ging so leidenschaftlich zu wie in vergangenen Zeiten, am Ende aber wurde nach dreißigminütiger Debatte Hamanns Vorschlag mittels demokratischer Abstimmung mit sieben zu fünf Stimmen abgelehnt. Die AFD wird also in der Revolutionszeitung der Aktion 18. März nicht auftauchen.

Wenig später sitzen die Kampfgenossen in kleinen Gruppen beieinander am langen Tisch und diskutieren über Gauland, Brexit, Peter Handke, Bretzel, Pilzsuppe und die Weine, die von der Landesregierung spendiert wurden. Während die anderen diskutieren, löffelt Volker Schröder am Ende des Tisches einsam seine Suppe, bindet sich den Schal und fährt zurück nach Kreuzberg, zielstrebig und klingelnd wie auf dem Hinweg. Die Zeit drängt, es sind nur noch fünf Monate bis zum März. Die Beiträge für die Zeitung müssen zusammengestellt werden, und auch die Redner stehen immer noch nicht fest.

Zuhause schreibt Schröder einen Brief an den Bundespräsidenten: »Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Herr Steinmeier, mit Grüßen von Erik Bettermann und Susanne Kitschun erlaube ich mir, Sie im Namen der Aktion 18. März um ein Grußwort vor dem Brandenburger Tor zu bitten...- In der Hoffnung, dass es uns gelingt, den Geist des Völkerfrühlings und der Märzrevolution in die Herzen und Köpfe der Menschen zu tragen, verbleiben wir mit märzlichen Grüßen - Volker Schröder.«

Schröders Optimismus ist nicht unbegründet, schließlich hatte Steinmeier im März letzten Jahres noch in der ZEIT geschrieben: »Der 18. März zeigt die demokratische Entwicklung vom Streben nach bürgerlicher Gleichheit bis hin zu freien Wahlen und erinnert an jenen Vorfrühling, der damals Menschen in ganz Europa erfasste. Bis zum Jahr 2020 .... sollten Bund und Länder die Frage beantworten, ob sie einen solchen Gedenktag erstmals gemeinsam begehen wollen.« Damit spricht er der Bürgerinitiative aus dem Herzen. Doch am 2. Dezember traf die Antwort ein: »Der Bundespräsident ist auch 2020 sehr gerne bereit, zu Ihrer traditionellen Gedenkfeier vor dem Brandenburger Tor zur Würdigung der Revolution von 1848 am 18. März 2020 einen Kranz zu senden...«

Immerhin hatte einer der Schauspieler inzwischen zugesagt: Edgar Selge! Im nächsten Jahr soll er versuchen, Kollegen für die Sache zu gewinnen. Zum Dank dafür wird er in die kleine Galerie der Unterstützer aufgenommen und steht nun in einer Reihe mit honorigen Persönlichkeiten wie Günter Lammert, Martin Walser oder Gregor Gysi.

Anfang Februar ist erste Seite der Märzzeitung fertig. Der Grafiker Manfred Butzmann hat das Titelbild zur Verfügung gestellt, Claus-Peter Clostermeyer einen wunderbaren Beitrag geschrieben, in dem er davon träumt, wie am 18. März auf geschmückten Plätzen im ganzen Land »gegessen und getrunken, gesungen und getanzt wird«. Inzwischen ist auch schon sicher, dass anstelle des glattrasierten Bundespräsidenten der bärtige Ex-Bundestagspräsident Thierse sprechen wird, der seit Jahren als leidenschaftlicher Unterstützer der alten Revolutionäre gilt. Und dass die rothaarige Petra Pau von den Linken und die blonde Linda Teuteberg von der FDP das Wort ergreifen werden, ebenso wie der parteilose Geschichtsprofessor Etienne Francois.

Sicher ist auch, dass sie sich am 18. März vor dem Brandenburger Tor treffen werden, um mit dem Bürgerlied daran zu erinnern, wie gültig die Ideale der 48er-Revolution noch heute sind. So wie das zuletzt auch eine Schülerin des Robert Blum Gymnasiums tat. Emily Patzer schloss ihre berührende Rede mit den Worten: »Ich erinnerte mich während des Schreibens dieser Rede an die mahnenden Worte, die ein Zeitzeuge der Geschehnisse am 18. März an Jugendliche richtete. Ich habe diese nicht mehr vergessen können. Er sagte: Ihr tragt keine Verantwortung für die Vergangenheit. Aber für die Zukunft.« •


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