Kreuzberger Chronik
Dez. 2020/ 2021 - Ausgabe 225

Reportagen, Gespräche, Interviews

Was für ein Jahr!


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von Michael Unfried

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2020 wurden einige politische Entscheidungen getroffen, die das Gesicht des Kreuzberger Südens nachhaltig verändern: Dazu gehören die Umgestaltung der Bergmannstraße, die Bebauung der Bockbrauerei und der Bergmann-Friedhöfe.Wir gestatten uns einen Rückblick auf Themen, die wir schon lange verfolgen.


Seit den Siebzigerjahren mit ihren Besetzerkneipen träumt der Senat davon, eine Sperrstunde einzuführen wie in jeder anderen ordentlichen Stadt Deutschlands auch. Aber die Berliner Kneipenkultur war längst zu einem Aushängeschild der Stadt geworden, der Widerstand der Studenten und Kommunarden zu groß, um die Träume der damaligen Lokalpolitiker Wirklichkeit werden zu lassen. 2020 aber hat Michael Müller, oberster Bürgermeister der Stadt Berlin, die am 13. Dezember 1945 von den Sowjets aufgehobene Sperrstunde wieder eingeführt. Auch wenn diese Maßnahme aus gesundheitlichen Gründen ergriffen wurde und nur eine vorübergehende Ausnahmeregelung sein sollte: Es passt zur Laufrichtung der konservativen Politiker des 21. Jahrhunderts und ist denkwürdig.

Ebenso hartnäckig verfolgt das amtierende Stadtoberhaupt die Idee der Bebauung des Tempelhofer Feldes, das inzwischen weltweit für Furore sorgt und nicht nur Berliner aus allen Stadtteilen, sondern Touristen aus aller Welt anzieht. Insbesondere in Zeiten der Hygienemaßnahmen gibt es kaum eine größere Auslaufzone für die eingesperrten Städter als diese große Wiese. Dessen ungeachtet möchte Ex-Bausenator Müller sein langjähriges Lieblingsprojekt unbedingt verwirklichen und einen zwanzig Meter hohen Zementkranz um Ber-lins grünes Herz legen. Im September dieses Jahres sagte Müller vor der Industrie- und Handelskammer zur geplanten Bebauung der Elisabeth Aue und des Tempelhofer Feldes: »Diese Flächen werden wiederkommen!« Schließlich können nirgends derartige Quadratmeterpreise erreicht werden wie am Rand von »Berlins Hydepark.«

Auch der Evangelische Friedhofsverband spekuliert und erhofft sich Mehreinnahmen im christlichen Klingelbeutel durch die Umwandlung von Grünland in Bauland. In einer Nacht- und Nebelaktion brachte er in den letzten Tagen des Jahres 2019, als Zeitungen und Rundfunksender bereits im vorweihnachtlichen Winterschlaf waren, eine Baugenehmigung durch die Kontrollorgane des Berliner Senats, obwohl ihm kurz zuvor eine Liste mit Unterschriften von fast 4000 Kreuzbergern überreicht wurde, die eine Bebauung der Friedhöfe an der Bergmannstraße verhindern wollten. Insbesondere ging es den Kritikern um den Naturschutz, den Erhalt einer idyllischen Stadtlandschaft und einen pietätvollen Umgang mit den letzten Ruhestätten. Auch der Landesdenkmalrat hatte das Neubauprojekt auf der historischen Friedhofsanlage äußerst kritisch beurteilt, eine Veröffent- lichung der Stellungnahme - wir hatten seinerzeit angefragt - durfte jedoch erst nach der Entscheidung auf Senatsebene erfolgen. Anfang 2020 kam das denkwürdige Dokument auf der Homepage des Landesdenkmalrates zum Vorschein. Wir zitieren, wenn auch zu spät, gerne in voller Länge:

»Bei dem zur Diskussion stehenden Neubauprojekt Wohnen für Geflüchtete des Evangelischen Friedhofsverbandes handelt es sich um ein fünfgeschossiges Gebäude mit Unterkellerung und einer Länge von ca. 55 Metern, das ca. 38 Wohneinheiten für 165 Personen aufnehmen soll. Es ist am südlichen Ende des Friedhofes entlang der Jüterboger Straße vorgesehen und soll sich mit zwei kurzen Seitenflügeln 17 Meter in die Tiefe des Friedhofes erstrecken. Die zugehörigen Freiflächen reichen bis zu 45 Meter in den Friedhof hinein. Ein B-Plan liegt nicht vor, der Friedhofnutzungsplan sieht Friedhofsfläche vor, der Friedhofsentwicklungsplan die Umnutzung zur Grünfläche.


Das Baufeld resultiert nicht aus städtebaulichen Überlegungen. Es überlagert eine der als Alleen ausgebildeten Hauptachsen des Friedhofs und ist aus der Ermittlung von Flächen bestimmt, auf denen keine Pietätsfristen im Wege stehen. Der Denkmalwert des Friedrichs-Werderschen Friedhofs und der angrenzenden Friedhöfe ist unstrittig. Ein Baukörper des geplanten Ausmaßes und der vorgesehenen Positionierung wird die Lesbarkeit und Substanz des Gartendenkmals beeinträchtigen. Der Landesdenkmalrat macht darauf aufmerksam, dass der geplante Neubau an dieser Stelle städtebaulich nicht hinreichend durchdacht ist und auf die Struktur des Friedhofs keine Rücksicht nimmt. Da es sich nicht um eine temporäre Maßnahme handelt, sondern letztendlich um eine generelle Umwidmung in Wohnbauflächen, sind keine Ausnahmetatbestände erkennbar.

Der LDR anerkennt grundsätzlich das Engagement des Friedhofsverbandes, bei der Schaffung von Wohnraum für Geflüchtete mitzuwirken. Er räumt auch ein, dass die Bebauung nicht mehr benötigter, auch denkmalgeschützter Friedhofsflächen in Einzelfällen berechtigt sein kann. Er regt in diesem konkreten Fall jedoch an, für den geplanten Neubau einen alternativen Standort zu finden.« Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Ebenso wenig Aufmerksamkeit wie der evangelische Friedhofsverband seinen Schäfchen schenken die derzeit regierenden Bezirkspolitiker ihren Wählern. Besonders deutlich wurde dies am Beispiel der Umgestaltung der Bergmannstraße, welche die Presse schon 2016 beschäftigte und dort für Spott und Hohn sorgte. Auch auf der Straße waren sich die Kreuzberger, abgesehen von den Mitgliedern einer Radfahrerlobby, die ihre Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Autofahrern mit Radschnellwegen und Überholspuren in den Griff bekommen möchte, über die Sinnlosigkeit dieser Investition einig. Doch der Widerstand jener, die der Bergmannstraße in über 30 Jahren mit ihren Läden, Kneipen und Cafés erst jene Gestalt verliehen haben, die ihr zu Ruhm und wirtschaftlichem Erfolg verhalf, gegen eine Umgestaltung oder »Verunstaltung« ihrer Straße wurde nicht ernst genommen. 1,5 Millionen Euro hat die Politik in den mehrere Jahre andauernden Schauprozess, etliche Bürgerversammlungen und die umstrittene Testphase investiert. Dennoch ist es ihr nicht gelungen, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen: Im September 2020 hat der langjährige Sprecher der Gewerbetreibenden, Michael Becker, sein Amt niedergelegt. Damit schied der letzte Parteilose aus der vermeintlichen Bürgerbeteiligungsfraktion aus. Die sogenannte Steuerungsrunde sei »eine Farce«, sagte Becker dem Tagesspiegel, denn die Besetzung dieser Runde bestand aus Vertretern des Senats und des Bezirks sowie Mitgliedern eng mit der Politik verstrickter Verbände wie etwa dem ADFC. Hinzu kamen die Sprecher der Planungsbüros, die an dem Projekt beteiligt sind und dort ihr Geld verdienen. Neben dieser kompakten Mannschaft erscheinen die Sprecher der Gewerbetreibenden, der Seniorenvertretung oder der Behinderten wie vereinsamte, stimmlose Statisten.

Was im Herbst 2020 für zwei Wochen im Rathaus in der Yorckstraße öffentlich als Ergebnis jahrelanger Diskussionen präsentiert wurde, ist ein Beweis für die Verwirrungstaktik von Bezirk und Senat. In 20 Schautafeln wurde mit vielfarbigen Punkten, Pfeilen und Kreisen eine schematische Darstellung des demokratischen Entscheidungsprozesses suggeriert, die so übersichtlich ist wie ein Ameisenhaufen. Nur ein einziges Mal in der jahrelangen Auseinandersetzung und nur in einer einzigen Frage war laut dieser Darstellung bei den vielen Diskussionen der Widerstand gegen das Projekt größer als die Zustimmung. Insgesamt wird eine Zustimmung zu den Umbauplänen von 44 Prozent behauptet, lediglich 22 Prozent hätten die Umgestaltung abgelehnt. Das ist unglaubwürdig.

Zwei weitere Großbaustellen in unserem Bezirk haben 2020 viel von sich reden gemacht: Auf dem Grundstück hinter der geschichtsträchtigen Kaserne des 1. Garde-Dragoner-Regiments, das sich die senatseigene Immobiliengesellschaft sichern konnte, als die Bebauungspläne eines Privatinvestors auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung stießen, soll nun gleich eine ganze Reihe von Hochhäusern entstehen. Erste Pläne zeigen Gebäude, die nicht nur die historischen Bauten der alten Reitertruppe überragen, sondern auch das schmucklose Kreuzberger Rathochhaus an der Yorckstraße. Die Pläne stehen in ihrer Überdimensionierung denen des Privatmannes um nichts nach, im Gegenteil: Es sieht aus, als hätten die Bürgerproteste vom Regen auf direktem Weg in die Traufe geführt.

Während die Zukunft des Dragoner-Areals noch ein Entwurf auf dem Papier ist, haben auf der zweiten Großbaustelle in Süd-Kreuzberg die Abrissarbeiten bereits begonnen. Die Bauwert begann im Frühjahr mit der Fällung einiger Eiben, die bereits Schatten spendeten, als die Berliner im historischen Schankgarten am südlichen Stadtrand die Sonntage mit Biertrinken verbrachten. Der große, illegal gefällte Ahorn wurde von der Polizei als Beweismittel gesichert und musste dort liegen bleiben, bis der Tathergang aufgeklärt war. Inzwischen ist keine Spur mehr von dem fast Zweihundertjährigen zu sehen. Auch der markante Schornstein aus dem Jahre 1869, ein »bauliches Meisterwerk«, gehört jetzt der Vergangenheit an. Die Proteste gegen die Bebauung des alten Brauereigeländes an der Fidicinstraße, eines der letzten Schlupfwinkel der Kreuzberger Alternativkultur, konnten die Pläne der Bauwert nicht durchkreuzen, die auf ihrer Website schreibt: »Es ist uns ein großes Anliegen, die Bevölkerung des Kiezes und insbesondere die Nachbarn und jetzigen Mieter offen und objektiv zu informieren, was auf dem Gelände geschehen soll.« Auch das klingt angesichts des hartnäckigen, jahrelang anhaltenden Schweigens der Baufirma bei Anfragen von Mietern, Anwohnern, Journalisten und auch Politikern zu Plänen und Absichten des Bauherrn verlogen.

Bergmannfriedhöfe, Bockbrauerei, Tempelhofer Feld, Dragoner-Areal: die Kreuzberger Großbaustellen werden unser ohnehin schon viel zu dicht bebautes Stadtviertel noch einmal nachhaltig verändern. Nicht zum Guten. Sie nehmen uns die Luft. Sie nehmen uns die letzten Freiräume. Wir wünschen uns dennoch ein gutes neues Jahr.















Sämtliche Bilder: Heinz Kleemann


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