Kreuzberger Chronik
Dez. 2020/ 2021 - Ausgabe 225

Hausverbot

Die Inder und das unfreundliche Paar


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von Sybille Matuschek

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Inder sind sehr, sehr freundliche Menschen. Besonders, wenn sie ein Restaurant besitzen und gerade Kundschaft ihr Lokal betritt. Anders als etwa die Italiener, die auf Fragen ihrer deutschen Gäste zum Risotto oder zur Panna Cotta stets wortkarg antworten, während sie die gleiche Frage ihrer Landsleute mit einem Ausbuch wahrer Hymnengesänge auf die Steinpilze oder die Austern beantworten - auch anders als die Franzosen, die schon auf der frankophonen Speisekarte keine Gelegenheit auslassen, ihren Gästen klar zu machen, dass diese von der Kultur des Kochens, Essens und Trinkens nicht die geringste Ahnung haben. Und auch anders als die Griechen, die sich für die Wiege der Kultur schlechthin halten, treten die Inder ihren Gästen mit Bescheidenheit gegenüber. Begleitet von einem stets freundlichen Lächeln und dezent angedeuteten Verbeugungen überreichen sie der Kundschaft die Speisekarte, fragen nach ihren Wünschen, servieren auf leisen Sohlen und ohne das Tischgespräch zu stören, um nach dem Mahle wahrhaft besorgt zu fragen, ob es denn auch gemundet habe.

In der Regel quittieren die Gäste die höfliche Bedienung mit viel Freundlichkeit. Doch es gibt Ausnahmen. Ausnahmen wie das Ehepaar, das eines Tages den kleinen Inder jenseits der Gneisenaustraße heimsuchte. Schon beim Betreten des Gastraumes verzog der silbergraue Herr an der Seite der blondierten Dame den Mund. Zuerst nahmen sie am hintersten Tisch in der Ecke Platz, bis sie bemerkten, dass sie neben der Toilette saßen und dass es auffällig nach einer Mischung aus Rosenwasser und Desinfektionsmitteln duftete. Dann wählten sie einen Fensterplatz neben der Tür, durch die ständig neue Gäste und kalte Luft hereinkamen. Zuletzt saßen sie an einem kleinen Tisch zwischen zwei anderen, gut gelaunten und lauten Paaren.

Der Kellner, der alles lächelnd beobachtet hatte, nahm die Bestellung auf, servierte dem schweigsamen Paar das grüne und das rote Curry und wagte nicht, die Herrschaften bei der Nahrungsaufnahme mit Fragen nach weiteren Wünschen zu stören, sondern hielt sich dezent im Hintergrund. Da hob der Silbergraue plötzlich die rechte Hand und deutete mit dem Zeigefinger der Linken auf eine Stelle in der Speisekarte - ähnlich wie ein Schiedsrichter bei einem Foul. Die beiden Inder gaben augenblicklich das Lächeln auf, warfen sich einen kurzen Blick zu und nahmen ihre Positionen ein: Der eine schritt zum Ausgang und öffnete vorsorglich schon einmal die Tür, während der Kellner an den Tisch trat und, höflich und mit leicht angedeuteter Verbeugung fragte: »Ja bitte....?«

»Ich hätte gerne noch so ein Mango-Lassi wie hier auf der Karte- aber mit Eis. Ginge das?«, lächelte der Gast. Es dauerte eine Weile, bis der höfliche Kellner sein Lächeln wiederfand.

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