Kreuzberger Chronik
Dezember 2020 - Ausgabe 225

Geschäfte

Klempner Schulze


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von Ina Winkler

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Nicht am Ku´damm, sondern in der Blücherstraße steht die Badewanne mit der Glastür. Eine Art »Tiefeinsteiger« nicht für ältere Radfahrer, sondern für ältere Damen oder Herren, die das kleine Türchen in der Badewannenwand öffnen, einsteigen, hinter sich wieder verschließen und das Wasser aufdrehen. Beim Aussteigen empfiehlt es sich, das Wasser vorher abzulassen, um das Badezimmer nicht zu fluten. Bestaunt wird die neue Badeerfindung von etwa einhundertzwanzig quietschgelben Badewannen-Entchen in allen möglichen Varianten, die der Sohn des Klempners zu sammeln begonnen und im gesamten Laden verteilt hat.

Das spektakuläre Sanitärfachgeschäft in der unspektakulären Straße ist vielen Kreuzbergern noch unbekannt, obwohl sich Schulze seit 1979 nicht von der Stelle gerührt hat. Und obwohl die Erfolgsgeschichte der Firma eine uralte Geschichte ist, die vor drei Generationen mit Gerhard Schulze, dem Sohn des deutschen Radrennmeisters, begann, der zwei Jahre nach Kriegsende plötzlich wieder in der Tür stand, wenn auch auf zwei Krücken. Manfred, sein Sohn, gerade fünf Jahre alt geworden, sagte erst einmal »Onkel« zu ihm.

Gerhard, so die Legende, war noch in der Lehre, als sich eine schöne Frau zum jungen Klempnerlehrling auf den Badewannenrand setzte. Fortan wich sie nicht von seiner Seite, und so wurde irgendwann Manfred geboren. Wenige Wochen später störte der Krieg das junge Familienglück, Gerhard zog an die Front, und als er zurückkam, stand er immer noch ohne Meisterbrief da. Doch nach dem Krieg war vieles möglich: Schulze begann mit zehn Blecheimern, die er im Keller zusammenlötete und bei den Bauern gegen Naturalien eintauschte. Dann baute er sich einen hölzernen Beiwagen für sein Motorrad, pinselte Klempnerei Schulze darauf, packte sein Werkzeug hinein und begann damit, die vom Krieg zerstörten Dächer der Stadt zu reparieren. An den Wochenenden räumte er den Beiwagen wieder aus, setzte den Sohn hinein und die Frau auf den Sozius, und fuhr mit ihnen ins Grüne.

Auf dem Bahngelände vor der Monumentenbrücke - dort, wo heute die roten Hochhäuser stehen - richtete er sich sein Lager und seine Werkstatt ein und begann damit, das Dach des Olympiastadions, die Kasernen der Alliierten und die Hallen der BVG mit Blech vor dem Regen zu schützen. Innerhalb kurzer Zeit hatte sich die Dachklempnerei Schulze einen Namen gemacht. »Mein Vater war ganz einfach immer der Günstigste!«, grinst sein Sohn Manfred.












Da es so viel zu tun gab, musste Manfred nach der Schule mithelfen. Wenn er nicht gerade im Feuerwehrlöschbecken am Kreuzberg schwimmen lernte, auf dem Sportplatz Tennisbälle einsammelte, damit sich die feinen Herren in ihren weißen Hosen nicht bücken mussten, und wenn er nicht gerade »auf Kohle ging« und 80 Kilo schwere Säcke in Keller und Wohnungen schleppte - »da konnte man Geld verdienen!« - dann half er seinem Vater dabei, die Nachkriegsstadt wieder wasserdicht zu machen.

1960 hatte Manfred den Lehrlingsbrief in der Tasche, fünf Jahre später den Meistertitel. Er hing 15 Meter über dem Erdboden und montierte die Rinnen unter der Halenseebrücke, im Januar, »es war eiskalt!« Es dauerte nicht lange, da war er Dozent an der Abendschule, »Ehrenmeister« und Bezirksmeister von Kreuzberg, saß im Vorstand der Innung und war trotz alledem »jeden Tag um 17 Uhr pünktlich bei Tisch«, um mit seiner Frau und den Kindern zu Abend zu essen.

Die Rohrzange hatte Manfred längst aus der Hand gelegt, in der Blütezeit der Firma hatte Schulze zwanzig Angestellte, darunter zwei Meister, die Dächer deckten, Rohre flickten und verlegten, Badewannen, Waschbecken und Armaturen montierten. Meister Schulze persönlich beschäftigte sich nur noch mit den Entwürfen für Sanierungen und Umbauten, ansonsten kümmerte er sich um die Häuser, die er im Laufe der Jahre zusammengespart hatte.

Das erste kaufte er mit 24, ein Zweifamilienhaus in Tempelhof. Der Vater meinte, er sei größenwahnsinnig, »wahrscheinlich hatte er recht.« Das nächste war schon ein richtiges Mietshaus, in der Wrangelstraße mit Stuckfassade und allem Drum und Dran. Ein Schmuckstück. Er hat es sorgfältig restauriert, aus Leidenschaft, aus Berufs-ethos. Ebenso wie die anderen fünf Häuser. Er ist stolz auf sie, weil er sie mit seiner Hände Arbeit erwirtschaftet hat. Ehrlich verdient.

Eigene Häuser standen eigentlich nicht auf dem Plan, sie wurden ihm ständig angeboten, damals, in den Sechzigern, als Berlin noch zu Russland gehörte. Wenn Schulze mit den Hausbesitzern überlegte, wo man die Toilette hinbauen könnte und wo die Küche, dann fragten sie irgendwann: »Sagen Sie, wollen Sie das Haus nicht kaufen?«

Und dann begann Schulze zu überlegen. »Aber wir verdienen unser Geld noch immer mit ordentlicher Arbeit!«, sagt Gerhards Enkelsohn, Martin, Klempner der dritten Generation. Auch wenn die genaue Berufsbezeichnung jetzt »Anlagenmechaniker« ist. Natürlich klettert Martin nicht mehr auf den Dächern herum, auch Martin baut Bäder. Der Beruf des Dachklempners ist am Aussterben, »die klassischen Klempnerarbeiten haben sich ja längst die Dachdecker unter den Nagel gerissen.«

»Genau genommen«, sagt sein Vater, »machen wir jetzt die Arbeit von Architekten.« Dass Installateure, Zimmerer und Maurer vom Hausbau mehr verstehen als viele Architekten, sagt er nicht. Das ist den Leuten vom Bau eh klar: Installateure können mit Bleistift und mit Zange umgehen. Die Architekten nur mit dem Bleistift. •

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