Kreuzberger Chronik
November 2019 - Ausgabe 214

Strassen, Häuser, Höfe

Die Schule am Waterloo-Ufer


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von Werner von Westhafen

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Wo genau das Erziehungshaus für Knaben vor dem Halleschen Thore lag, das 1825 gegenüber der Plamannschen Erziehungsanstalt eröffnete, ist auf den alten Karten nicht auszumachen. Das Grundstück, auf dem es stand, war groß und lag zwischen dem Landwehrkanal und der 1. Garde-Dragoner-Kaserne, dem jetzigen Dragoner-Areal. Womöglich stand es gleich hinter der Brücke, wo heute ein großes, aber schmuckloses Einrichtungskaufhaus den Blick fängt.

Sicher ist, dass die Schule vor dem Halleschen Tor ein Gegen-entwurf zur Plamannschen Erziehungsanstalt war, die noch vor dem Kanal innerhalb der Stadtmauern lag und eine Eliteschule war, in der die Söhne ehrbarer Familien nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen ausgebildet wurden. Dichter wie Friedrich Friesen und Politiker wie Otto von Bismarck waren ihre prominentesten Schüler. Doch auch das neue Erziehungshaus für Knaben, das von Christian Rothers gegründetem Verein zur Erziehung Sittlich Verwahrloster Kinder eingerichtet wurde, hatte einen Prominenten. Am 18. Oktober 1824 erschien in der Königlich privilegierten Berlinischen Zeitung von Staats und gelehrten Sachen aus dem Verlage Vossischer Erben ein Beitrag über den Schüler mit dem merkwürdigen Namen Harry Maitey:

»Wenn er zum Singen eingeladen wird, ziert er sich fast eben so sehr, wie unsere jungen Damen, und hat auch die andere böse Gewohnheit, daß man ihn, wenn er erst angefangen hat zu singen, gute Worte geben muß, ehe er aufhört. Beim Singen setzt er sich auf einen Stuhl und macht mit seinen Händen lebhafte Bewegungen, wobei es mir bemerkenswerth schien, daß er mit der rechten Hand sich oft an das Herz schlug, während er mit der Linken die rechte Seite nie berührte. Sein Gesang beschränkte sich auf vier bis fünf Töne, und die Worte schienen vornehmlich aus den Lauten ae, i, und o zu bestehen.Seine Stimme hat nichts Schnarrendes, man könnte sie eine angenehme Tenorstimme nennen, doch machte der Vortrag des Gesanges mit diesen sonderbaren Bewegungen ganz den Eindruck, als ob man einen Irren sah.«

Der beschriebene Fremdling war der besondere Zögling von David Traugott Kopf, dem Leiter der neuen Erziehungsanstalt. Kein geringer als der Chef der Preußischen Seehandlung und Gründer der Schule, Christian Rother, hatte Harry Maitey Knopfs Obhut übergeben, damit der Südsee-Insulaner gutes Deutsch und gute Sitten lerne. Aus dem jungen Mann, den die ersten preußischen Weltumsegler 1823 in Honolulu an Bord der Mentor nahmen, um ihn dem Chef der Preußischen Seehandlung als Souvenir zu überlassen, und der den neugierigen Berlinern Wochen lang als erster lebendiger Südsee-Insulaner in einer Ausstellung präsentiert wurde, sollte ein ordentlicher Preuße werden.

Das Programm der Schule war streng und umfangreich, unterrichtet wurden Mathematik, Naturkunde, Religion, Lesen und Schreiben. Die Nachmittage verbrachten die Schüler mit Garten- oder Küchenarbeit, auch ins Handwerk wurden sie eingeführt. Der Unterricht begann im Sommer bereits um fünf Uhr morgens, und es muss ein außergewöhnlicher Anblick gewesen sein, wenn der junge Mann, der im vornehmen Haushalt der Rothers am Gendarmenmarkt mit Blick auf das Schauspielhaus und die Neue Kirche wohnte, mit seinen »langen Haaren, den modischen Bartkoteletten, geblümt farbiger Weste und karierten Hosen« nun jeden Morgen die Friedrichstraße entlang nach Süden bis zum Belle-Alliance-Platz wanderte. »Am Ende des Platzes«, schreibt Maiteys späterer Biograph Stoffregen-Büller, »geht Harry zur südlichen Stadtausfahrt (...) durch das recht bescheidene, säulenflankierte Hallesche Tor mit seitlichem Durchlass für die Fußgänger. Hinter dem Zollhaus beginnt nach Überqueren der Brücke (...) eine, außer von Windmühlen und Holzlagerplätzen, kaum bebaute Gegend. Hier (...) liegt das Schulgebäude.«

Nach dem ersten Schuljahr war die Familie Rother des Mannes aus der Südsee, der noch immer mit Unschuldsmiene jene grobe Matrosensprache verwendete, die er an Bord des Weltumseglers gelernt hatte, womöglich überdrüssig und gab ihn bei Direktor Kopf in Pension, der ihm im zweiten Stock der Schule ein Zimmer mit Blick auf den Kanal einrichtete und zu den Mahlzeiten an den häuslichen Tisch lud. Maitey genoss Sonderrechte und den persönlichen Schutz des Königs, sogar Berlins Gelehrtenkoryphäe Alexander von Humboldt verließ die Berliner Innenstadt und setzte seinen Fuß auf späteren Kreuzberger Boden, um bei dem schwer erziehbaren Insulaner seine Hawaiianisch-Kenntnisse aufzufrischen.

Nach Jahren intensiven Deutschunterrichtes verließ der Insulaner das Hallesche Tor, um in der Kirche am Gendarmenmarkt auf den Namen Heinrich Wilhelm Maitey getauft zu werden und seine Arbeitsstelle auf einer kleinen Flussinsel bei Potsdam anzutreten: der Pfaueninsel. Er wohnte und arbeitete nun beim Dampfmaschinenmeister Friedrich, der mit seiner Maschine jene Kolben der Wasserpumpen in Bewegung setzte, die das sandige Eiland in der Havel in eine Insel mit Palmenhaus und exotischen Tieren verwandelte. Abends saß Heinrich Wilhelm vor der Hütte in der Sonne und schnitzte Miniaturen aus Elfenbein und Perlmutt, die später das Schloss des Zaren von Russland dekorierten. Im Alter von 26 Jahren heiratete der Schüler vom Halleschen Tor die Bürgerin Dorothea Charlotte Becker, eine achtzehnjährige Frau, die angesichts der 300 Taler, die Maitey jährlich vom König erhielt, auch an den merkwürdigen Tätowierungen ihres Mannes keinen Anstoß fand und mit dem ersten Südsee-Insulaner Preußens bis heute ein kleines Grab mit Blick auf den Wannsee teilt. •

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