Kreuzberger Chronik
November 2019 - Ausgabe 214

Geschichten & Geschichte

O ewich ist so lanck! (8):
Wolfgang Krolow



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von Eckhard Siepmann

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Wer verwirrt nun auf dem meere die schiffe mit der anrede parapluie, wer isst nun mit der phosphoreszierenden ratte am einsamen barfüssigen tisch?, rätselte der Dada-Dichter Hans Arp vor 100 Jahren. Ähnliches fragten sich Wolfgang Krolows Freunde nach seinem plötzlichen Tod Ende September dieses Jahres. Was war geschehen? Der Kiez hatte seine Seele ausgehaucht. In die Trauer mischte sich Ratlosigkeit.

Krolows nahe Grabnachbarn auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof profitieren und heißen ihn auf unterschiedliche Weise willkommen: Die Romantiker Tieck und Schleiermacher, der Situationist HP Zimmer, die Frühfeministin und Schillergeliebte Charlotte von Kalb umgeben ihn, als suchten sie das Gespräch.

Geboren wurde Wolfgang Krolow 1950 in einem 870-Seelen-Dorf im Pfälzer Wald. Mit 18 verließ er den Wald Richtung Indien. Dort kam er nie an, aber er lernte in Syrien, in Persien und Afghanistan die Poesie und die Drogen des Orients kennen. Später zog er nach Berlin, studierte Fotografie an der HdK und landete 1977 am Chamissoplatz.

...wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst - so Nietzsche 1882. Wolfgang Krolow verwebte auf einzigartige Weise Poesie und Leben, im täglichen Gewusel wie in der Fotografie. Auf Einladung der albanischen Regierung fotografierte er in dem damals ansonsten eher verschlossenen Land. Bei einem Abendspaziergang mit Freunden schwirren Glühwürmchen durch die Sommernacht. Mit einer ausladenden Hutbewegung fängt Krolow einige Dutzend ein und setzt den Hut wieder auf. Über Gespräche und ein paar Flaschen Raki und Boza geraten die Feuertierchen in Vergessenheit. Gegen Morgen zurück ins Hotel. Krolow nimmt den Hut ab - und ein Schwarm Glühwürmchen geistert durch die schummrige Empfangshalle.

Foto: Ernst Volland










Eine Freundin erzählt: »....was ich mit und bei ihm erlebte, war nicht von dieser Welt und spielte doch in ihr.... Szenerie: Frühmorgens - vor 13 Uhr! - klingelts an der Krolowtür - er fordert mich im Halbschlaf auf, die Tür zu öffnen - ich tappse dorthin und öffne und steh nackig vor einem älteren, seriös gekleideten Mann - dem Herrn Gerichtsvollzieher -, der mir gar nicht erstaunt und freundlich »Guten Morgen« wünscht. Er folgt mir in den Krolowschen Flur und nimmt in der Küche Platz. Krolow erhebt sich irgendwann von der Matratze, geht im Adamskostüm in die Küche und bereitet dem Herrn Kaffee. Beide verstehen sich gut und das Kuckuck-Kleben wird aufgeschoben... So entstand aus jeder Begegnung eine Geschichte, die im Nachhinein zum Lebensgeschenk wurde.«

Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde - Hölderlin 1808. - Ein Output der dichterischen Verfassung Krolows war die Poesie seines fotografischen Werks. In dreißig Jahren schuf er ein vieldimensionales Gedächtnis des Chamissokiezes, seines Elends, seiner Verrücktheiten, seiner Menschen. Poetische Bilder, die zugleich dokumentarisch und zeitlos sind. Als Anarchokommunist – so seine Selbsteinschätzung - sah er in seiner Fotografie ein Mittel, das Selbstbewusstsein des Widerstands zu fördern – den Mut der Hausbesetzer, Klassenkämpfer, Feministinnen. Sein fotografisches Ingenium reichte dabei weit über den Kiez aus – über den Balkan bis an die Wolga. Im ehemaligen Stalingrad fotografierte er, wie eine Donald Duck-Puppe vom Fluss her auf die Stadt zuschreitet – heiter-unheimliche Symbolisierung des Niedergangs der Sowjetunion.

Krolow konnte nerven wie Sau. Betrunken verfiel er oft in einen Hochmut, der schwer erträglich war. Freundinnen traktierte er mitunter übel. Sie verhimmelten ihn trotzdem.

1987 brachte er das Boulespiel an den Chamissoplatz. Die legendären Abende am »Mäuerchen« zogen bald Menschen aus ganz Berlin an. In den anschließenden nächtlichen Gesprächen bei Mario im Chamisso erwies sich Krolow als Hohepriester des dadaistischen Unsinns. Sprüche wie »Bob Dylan ist auch nicht mehr der, der er niemals war« perlten ihm nur so von den Lippen. Nonsense als metaphysisches System war tief eingelassen in das krolowsche Wesen, schützte ihn vor Verengung und Verhärtung und inspirierte seine Umgebung.

2005 traf ihn ein Gehirnschlag, jetzt saß er im Rollstuhl. Die Digitalisierung seines Mediums und die Gentrifizierung Kreuzbergs belasteten ihn zusätzlich – sein Medium und sein Kiez entglitten ihm. Ein Grundlebensgefühl stoischer Gelassenheit rettete ihn letztlich vor der Verzweiflung, die sein Leben begleitete und seine Alkoholzugewandtheit förderte. Geistreich und heiter blieb er bis zuletzt.

Einige Wochen vor seinem Tod kam es zu einer Autoexplosion vor Krolows Haus. Die mehr als 10 Meter hohen Flammen schlugen gegen die Fenster seiner Parterrewohnung. Wolfgang Krolow, der nicht flüchten konnte, wäre in den Flammen wohl umgekommen, wenn die Scheiben wegen der Hitze geborsten wären.

Dadaist Hans Arp 1919 vorausschauend über Wolfgang Krolow: Jetzt vertrocknen unsere Scheitel und Sohlen und die Feen liegen halbverkohlt auf dem Scheiterhaufen. Seine Büste wird die Kamine aller wahrhaft edlen Menschen zieren, doch das ist kein Trost und Schnupftabak für einen Totenkopf.

Eine Freundin schwärmt: »Ich denke, viele Menschen haben ihre eigene, einzigartige Geschichte mit ihm erlebt. Er war der charmanteste Charismatiker der Welt. Füllte alle Räume. Und jetzt bestrahlt sein Glanz den Himmel.«

SHINE ON, YOU CRAZY DIAMOND!

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