Kreuzberger Chronik
November 2019 - Ausgabe 214

Kanzlei Hilfreich

Verlustängste


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von Kajo Frings

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Es gab Fälle, die machten selbst Jens Hilfreich beinahe sprachlos

Eine Mandantin erschien mit der Einleitung: »Ich hab da ein Problem. Hoffentlich können Sie mir helfen. Ich muss dazu etwas ausholen....« Da sie aussah, als hätte sie in den letzten Tagen nur geheult, hörte er sie an.

»Ich bin jetzt 40, meine Eltern sind 27 Jahre älter. Ihre Renten reichten zum Leben, die Eigentumswohnung war abgezahlt. Mein Vater saß in seinem Sessel, löste Kreuzworträtsel oder sah Sportschau. Meine Mutter machte den Haushalt. Er beschwerte sich über jeden Krümel auf dem Küchentisch, machte aber nichts sauber. Es gab keine Gespräche mehr zwischen ihnen, dennoch bestand er auf gemeinsamem Abendessen und gemeinsamem Ehebett. Dann ein Sturz im Bad und mein Vater hatte einen Oberschenkelhalsbruch. Als er aus der Reha kam, war er schmerzgeplagt und immer nur am Meckern. Nichts konnte meine Mutter ihm recht machen. Ich überredete die beiden, ihre Eigentumswohnung zu verkaufen und in ein Heim zu ziehen. Sie hatten dasselbe Zimmer. Aber mein Vater wurde immer bösartiger.

Vor ein paar Wochen erzählte mir meine Mutter, dass sie sich entschlossen hätte, diese Welt zu verlassen. Sie hätte ihr Testament gemacht und mich als Alleinerbin eingesetzt. Sie werde ab sofort nichts mehr essen und nichts mehr trinken. Eine Woche später beschwerte sie sich, sie werde zwangsernährt: Ich esse und trinke den ganzen Tag nichts mehr. Dein Vater packt dann tagsüber Essen in eine Tupperdose und kommt nachts an mein Bett und hält mir die Nase zu. Wenn ich voller Angst durch den Mund atme, stopft er mir das Essen rein, so dass ich schlucken muss. Bis die Dose leer ist. Dann gießt er Wasser nach. Jede Nacht!

Ich hab dann mit dem Heim geklärt, dass meine Mutter verlegt wird. Jetzt hat mein Vater einen alten Rechtspfleger auf seinem Zimmer, mit dem er gemeinsam das Heimpersonal terrorisiert. Mein Vater erfindet Vergehen der Pflegerinnen, schreibt Drohbriefe, Aufforderungen zur Abgabe strafbewehrter Unterlassungserklärungen oder er droht sogar mit Strafanzeigen wegen Unterlassung sexueller Hilfe-leistungen.

Vorgestern schlief meine Mutter endgültig ein. Als mein Vater das erfuhr, stürmte er in ihr Zimmer und sammelte all ihre persönlichen Sachen ein. Da muss er wohl eine Kopie des Testaments gefunden haben. Jedenfalls bekam ich gestern Post von seinem Zimmernachbarn. Hier, lesen Sie: … habe ich Sie aufzufordern, Auskunft zu erteilen über den Wert des Nachlasses …. -

Verstehen Sie, Herr Anwalt: Meine Mutter ist noch nicht unter der Erde, da macht ihr Mann schon Pflichtteilsansprüche geltend!«

»Dann unterschreiben Sie mir mal ´ne Vollmacht«, sagte Jens Hilfreich. »Eines kann ich Ihnen versichern: Wenn es Himmel und Hölle gibt, werden sich Ihre Eltern im Jenseits nicht treffen.« •

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