Kreuzberger Chronik
November 2019 - Ausgabe 214

Hausverbot

Der Bayern-Dieter


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von Hans W. Korfmann

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Es war irgendwann zwischen 1972 und 1974 in der Baruther Straße, Ecke Zossener. Im Leierkasten. Der Wirt hieß damals nicht mehr Kurt Mühlenhaupt, sondern Bernd Schulz. Schulz war einer der wenigen aus der Kreuzberger Kneipenszene, der nie einen Beinamen erhielt. Aus Werner wurde Fummel-Werner, aus Helmut Klavierhelmut, und aus Paul Socken-Paule - je nach ihren Beschäftigungen, Vorlieben oder Begabungen -, aber Bernd Schulz war immer nur Bernd Schulz. So wie Jürgen Grage immer nur Jürgen Grage hieß.

Einer von Schulzens Stammkunden war der Bayern-Dieter. Der Bayer soff »wie ein Fass ohne Boden. Aber Zahlen war nicht sein Ding. Dafür war er soooooon Ochse.....« Schulz muss die Arme weit auseinanderstrecken, um die Breite der Bayernschultern wenigstens halbwegs andeuten zu können, wenn er seine Geschichte erzählt.

Der Bayer ließ also ständig anschreiben, weshalb Bernd irgendwann schlechte Laune bekam und sagte: »Pass auf. Bis zum Hunni ist´s ok. Aber drüber geht nix mehr. Haste verstanden?«

Bayern-Dieter nickte. Bis der Hunderter voll war. Dann ging er. Ohne zu zahlen. Eines Tages aber kam er wieder, »der Laden war rappelvoll. Und Bayern-Dieter rief schon von weitem: »Heute zahl ich, aber mach mir erst mal ´n Bier.«

Bernd zapfte, aber nach dem dritten Bayernbier sagte er: »Jetzt reich doch mal den Hunderter rüber.« Als der Bayer zickig wurde, ging Bernd einmal um den Tresen rum und sagte: »Jetzt raus hier!«.

Das hörte Bayern-Dieter wahrscheinlich nicht gerne. Jedenfalls lag Schulz so schnell hinterm Tresen, dass er bis heute nicht weiß, wie das eigentlich passierte. Aber er rappelte sich noch einmal hoch, und weil er weiß, dass ein richtiger Wirt sich so etwas nicht gefallen lassen darf, weil sonst niemand mehr sein Bier bezahlen würde, geht er noch mal zu dem Schwergewichtler hin und sagt: »Mann, Alter, Du verschwindest jetzt hier, und zwar auf Nimmerwiedersehen, ist das klar!« Und tatsächlich verließ der Bayer jetzt das Lokal und ließ sich einige Wochen lang nicht mehr sehen.

Aber eines Abends, - »fast hatten wir den schon vergessen!«, stand er wieder da. »Draußen vor der Tür war eine Baustelle gewesen, da hatten sie gerade die Bordsteine neu verlegt. Und da kommt der Bayern-Dieter mit so nem riesigen, meterlangen Bordstein unter dem Arm herein, als wär´s ein Bauklötzchen, und legt uns den genau vor den Tresen. Und geht wieder.

Wir haben mit vier Leuten versucht, das Ding da wegzukriegen. Nix zu machen! Der lag da noch den ganzen Abend. Danach hab ich den Bayern nie wieder gesehen. Aber irgendwann erzählte mal einer, der sei jetzt Landrat in Straubing geworden. Manmanman...« •

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