Kreuzberger Chronik
Mai 2019 - Ausgabe 209

Reportagen, Gespräche, Interviews

Jenseits der Parklets


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von Ina Winkler

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Während alle über Sinn oder Sinnlosigkeit der Parklets reden, schließen die ersten Geschäfte. Das Drama in der Bergmannstraße sind nicht die Stadtmöbel, sondern die Investoren.

Während vor aller Augen gerade die Zukunft der Bergmannstraße manifestiert und - ungeachtet der Bürgerproteste - der Asphalt aufgerissen wird, um stählerne Sitzbänke und Fahrradständer in die Fahrbahn zu zementieren, schreitet die Zeit, beinahe unbemerkt, auch in den Häusern und Hinterhöfen unaufhaltsam voran.

Allein in einem Jahr gaben vier Läden auf. Der Souvenirladen Heimat Berlin verlor seine Heimat in der Nummer 19; Der Fotoladen in der 15, der vor drei Jahren mit großem Täterätä eröffnete, machte Platz für den Nobeltrödel von Oxfam; die Dependance von Knofi mit ihrem kleinen Café in der Nummer 12 musste schließen, weil die Hauseigentümer 7000 Euro Miete verlangten. Und bereits im Sommer musste Stefan Neitzels Fahrradstation nach zwanzig Jahren ihr Domizil in der Nummer 9 aufgeben. Der Laden, Eigentum der Gewobag, steht seitdem leer. Offensichtlich verlangt auch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft von ihren Kunden längst keine sozialverträglichen Mieten mehr, sondern spekuliert auf finanzkräftige Investoren aus dem Ausland.

Foto: Dieter Peters
Die Bergmannstraße, international bekannt geworden für ihre Alternativkultur aus Indienshops, Trödelläden, Kneipen und Cafés, ist in der Hand von Großinvestoren gelandet. Die viel zitierte »Kreuzberger Mischung« mit ihren Hinterhofbetrieben, die friedliche Koexistenz der »einfachen Leute« in Seitenflügeln und Quergebäuden neben den Bewohnern der stuckverzierten Vorderhäuser gehört der Vergangenheit an. Jetzt sind es vor allem Touristen, Geschäftsleute und Immobilienhändler, die es in die Straße zieht.

Während sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die gelben Parklets konzentriert, spielt sich das eigentliche Drama in den Hinterhöfen ab. Die Bockbrauerei in der Fidicinstraße mit über vierzig Gewerben ist verkauft, das Dragonerareal mit seinen Automobilwerkstätten und Handwerksbetrieben hinter dem Finanzamt ist ein stadtbekanntes Streitobjekt. Auch die Sarotti-Höfe am Mehringdamm sind längst verkauft, wo einst kleine Gewerbe und die untere Berliner Mittelschicht unterkamen, sind gut zahlende Hotelgäste eingezogen.


Foto: Dieter Peters
„Die machen die Atmosphäre kaput!“ Geschlossener Laden in der Bergmannstr. 19)










Der neue Eigentümer der Sarotti-Höfe ist der Sohn eines Investors, dessen Ölporträt heute im Abgeordnetenhaus hängt, in einer Reihe mit Staatsmännern, die sich um die Stadt verdient gemacht haben: Willy Brandt, Johannes Rau, Walter Scheel... Daneben Heinz Berggruen. Jener Mann, der seinen millionenschweren Kunstschatz der Stadt Berlin vermacht hat. Also zeigte sich die Stadt auch Berggruens Sohn gegenüber großzügig und unterstützte ihn 2010 beim Kauf der Warenkaufhauskette Karstadt. Allerdings enttäuschte der Sohn die Politik und die Angestellten der Kaufhäuser, die sogar auf Löhne verzichtet hatten, um Arbeitsplätze und Warenhäuser zu erhalten, als er 2013 entgegen seiner Versprechungen mit dem Verkauf einzelner Filialen begann.

2011 hat sich Berggruens Sohn auch die Bergmannstraße Nr. 102 und 103 angeeignet, gleichzeitig mit 23 anderen Häusern in Berlin, für insgesamt 130 Millionen Mark. Die Häuser in der ersten Reihe sind imposant, die Traljen des Treppengeländers kleine Kunstwerke, die hölzernen Wohnungstüren mit ihren gewaltigen Rahmen 1996 vom Vorbesitzer so aufwendig restauriert, als sollten sie im Museum ausgestellt werden. Hinter ihnen residieren Zahnärzte, Schönheits- chirurgen und Anwälte, Designer und Werbeagenturen, die von der vermeintlich noblen Adresse profitieren. Viel Publikumsverkehr herrscht jedoch nicht im Vorderhaus, eher gespenstische Stille.

Die Pförtnerloge am Hofeingang zeugt von bewegten Zeiten, als Lieferanten und Kunden beim Portier nach Stockwerken und Aufgängen fragten. Heute betreten Touristen und Büroangestellte die zwei Gewerbehöfe mit den hohen Fensterreihen und glasierten Kacheln. Produziert wird hier nichts mehr, nur noch verkauft: Kosmetika und Hygieneartikel, Kleider und Dienstleistungen.

Foto: Dieter Peters
„ Man muss etwas dagegen tun!“ (Protestaktion Anfang März)










Und es wird immer teurer. Bei Colours im ersten Quergebäude, wo man Textilien zum Kilopreis kaufen kann wie Käse oder Mehl, konnte man vor ein paar Jahren das Kilo noch für 14,99 bekommen, heute sind es zwischen 25 und 95 Euro. Es ist zu vermuten, dass der neue Verkaufspreis keine Laune der Kleiderverkäufer war, sondern die Folge einer Mieterhöhung ist. Denn selbst wenn Berggruen nur einen Euro pro Quadratmeter mehr wollte - was so unwahrscheinlich ist wie ein Lottosechser - sind das bei 1000 Quadratmetern schon 1000 Euro.

Der Chef des Restaurants Good Morning Vietnam hat gerade einen neuen Vertrag ausgehandelt, immerhin bis zum Jahr 2029. Es sei jetzt »ein bisschen teurer als vorher«, lächelt der Asiate. Er hat »einige Jahre investiert«, um das im Hinterhof versteckte Restaurant bekannt zu machen. Das kann nur funktionieren, wenn die Küche außergewöhnlich gut ist. Das ist sie, und bislang konnten das nur die Geschmacksnerven feststellen. Doch womöglich wird bald auch der Preis ein Indiz für die gehobene Küche sein. Denn was der höfliche Vietnamese mit »ein bisschen« bezeichnete, ist eigentlich »das Doppelte.«

Die doppelte Miete ist für den Billardsalon mit seinen 17 Pool- und Snookertischen und Preisen zwischen 5,30 und 9,30 pro Tisch und Stunde zu hoch. »Für mich ist das hier vorbei. Berggruen will kernsanieren und dann wahrscheinlich so was um die 24 Euro den Meter.«, vermutet Günter Wolfrum. Es bleiben nur noch Firmen wie Flyeralarm. »Die zahlen halt für ne coole Adresse.«

Als das Ballhaus vor 13 Jahren in den Höfen einzog, war der Hausherr glücklich, überhaupt jemanden zu finden für die 600 Quadratmeter, und vermietete zu einem fairen Preis. So wurde die Bergmann 102 zur Heimadresse der Kreuzberger Billardspieler mit wöchentlichen Hausturnieren, Unterrichtsstunden beim Profispieler, Pool und Snooker, Bier und Wein, Gesprächen am Tresen - ganze Nächte lang. An den Tischen stand die echte Kreuzberger Mischung: »Hier spielt das Finanzamt, die Politik, die Türken, Schwule und Lesben, Künstler und die ganz normalen Nachbarn«. Hier trifft sich das Kreuzberger Volk. Mitte Mai wird das Klicken der Kugeln für immer verstummen. Im Juni gibt es noch eine Abschiedsfeier, dann ist Schicht. Einer der Stammspieler kam auf die Idee, mit den tonnenschweren Tischen Barrikaden vor der Bergmannstraße zu errichten. Um das ganze Unheil abzuhalten.

»Ich fall´ schon wieder auf die Beine, ich fang was anderes an!«, sagt Günter Wolfrum und ist, was ihn selbst betrifft, optimistisch. Aber nicht, was die Zukunft der Straße betrifft. »Man muss etwas dagegen unternehmen. Diese Bergruens machen doch die ganze Atmosphäre kaputt.«

An der Kasse des Drogeriemarkts im Erdgeschoß ist man gelassen und dementiert: »Det is schon mal een Gerücht!«, dass dm hier ausziehen müsse. Es ginge nur um Umbauten. Doch die Gerüchte über Schließungen und Mieterhöhungen in der Bergmannstraße werden so schnell nicht verstummen. Irgendetwas ist ja schließlich immer dran an diesen Gerüchten. •


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