Kreuzberger Chronik
Mai 2019 - Ausgabe 209

Hausverbot

Das Wasserglas


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von Erwin Tichatschek

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Es war ein später Abend in den Siebzigerjahren, die Nulpe war voll bis in die hinterste Ecke, als der Klavierstimmer hereinkam, an der Seite seine portugiesische Frau. Weil die Nulpe nicht das erste, sondern das letzte Lokal war, das die beiden an diesem Abend betraten, bestellte die Dame an der Seite des Klavierstimmers nur ein Glas Leitungswasser.

Aber Reneé hatte alle Hände voll zu tun. Der »wollte Geld verdienen, für ein Glas Wasser hatte er an diesem Abend keine Zeit!« Auch nicht, wenn es die Portugiesin an der Seite jenes Mannes bestellte, der ihm ständig das Klavier stimmen musste, das von den Künstlern nicht unbedingt sanft behandelt wurde.

Die Portugiesin aber verstand das leider nicht. Sie lebte in dem festen Glauben, dass ein Wirt seinem Gast ein Glas Wasser nicht verwehren dürfe – ein geschriebenes Gesetz ihres Heimatlandes, von dem Reneé allerdings noch nie etwas gehört hatte. Die temperamentvolle Frau aus dem Süden wurde allmählich unfreundlich, sie begann zu schimpfen, noch immer in der Hoffnung, endlich ihr Glas Wasser zu bekommen. Doch nichts dergleichen geschah. Da nahm sie ein Glas, das auf dem Tresen stand, und warf es am Wirt vorbei in das Regal mit dem Hochprozentigen.

Jetzt endlich kam Reneé hinter seinem Tresen hervor, bahnte sich einen Weg zwischen all den Betrunkenen hindurch, die das kaputte Glas nicht im Geringsten interessierte, bis er endlich vor der Portugiesin stand und sie bei den Schultern nahm. »Aber die zappelte natürlich und ließ sich keinen Zentimeter in Richtung Tür bewegen.«

Das war der Augenblick, da der Mann, der lieber mit Fingerspitzengefühl die Klaviaturen von Flügeln und Klavieren bearbeitete, eingreifen und den Wirt grob bei den Schultern packen musste. Nun war aber Reneé um einiges größer als der Pianist, weshalb sich Ernesto motiviert fühlte, einzugreifen. Ernesto war ein zwei Meter großer Brasilianer, Sohn deutscher Auswanderer, der verschüttet worden war und dabei sein halbes Gedächtnis verloren hatte. Einige Jahre stand er mit seinem Leierkasten am Mehringdamm, bis ihm auffiel, dass seine Frau die Drehorgel genauso gut bedienen konnte wie er. Die viele Freizeit, die er dadurch gewann, verbrachte er in der Nulpe.

Es dauerte nicht lange, da fanden sich die drei streitenden Männer draußen auf der Straße wieder, und es dauerte auch nicht lange, da ballte der Klavierstimmer, der vor langer Zeit einmal deutscher Jugendmeister im Turnen gewesen war, die feinfühligen Finger zur Faust und schlug blitzschnell zu. »Und der Reneé, der hatte halt so eine große Nase, da konnte man gar nicht danebenhauen. Aber jetzt war die Nase natürlich ziemlich kaputt. Und so bekam ich leider Hausverbot in meiner Lieblingskneipe!« •


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