Kreuzberger Chronik
April 2019 - Ausgabe 208

Geschichten & Geschichte

O ewich ist so lanck! (2):
August Kopisch alias Don Augusto



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von Eckhard Siepmann

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Wer sich in einer Vollmondnacht auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof auf die Lauer legte, der sähe gegen Morgen eine Schar winziger Männlein einer Grabstätte zustreben. Mit Schaufeln, Scheren und Besen ordnen und reinigen sie das Grab und verschwinden, ohne andere Tote eines Blickes zu würdigen, leise summend in das Morgengrauen. Wem geschieht diese Ehre, und warum?

Szenenwechsel. Im Jahr 1749 kam es im schlesischen Breslau zu einem ungeheuren Knall mit lodernden Feuern. Ein Blitz hatte sich ausgerechnet den Turm als Ziel ausgesucht, in dem die Stadt Tonnen von Sprengstoff aufbewahrte. An die hundert Häuser flogen in die Luft, 60 Anwohner bezahlten das Feuer-Werk mit dem Leben. Genau 50 Jahre später gebar die Gattin eines reichen Kaufmanns der Stadt ein Knäblein, das zu einem Virtuosen der Darstellung von Vulkanausbrüchen, dramatischen Sonnenuntergängen und anderen spektakulären Ungereimtheiten werden sollte. Seine Eltern nannten ihn August.

141 Jahre später benannte man ein winziges Sträßchen in Kreuzberg nach ihm. Sogar ein Ehrengrab erhielt er. Und doch: Kein Mensch kennt Kopisch. Und das ist um so seltsamer, als jeder mindestens eine Machenschaft dieses Unbekannten kennt, die meisten sogar zwei!

August Kopisch verliebte sich schon als Kind in die Malerei, zum Missbehagen seines auf Wirtschaftlichkeit bedachten Vaters. Mit 16 verließ er sein Elternhaus, trieb sich für vier Jahre auf den Kunstakademien in Dresden, Prag und Wien herum, liebäugelte mit der Dichtkunst und bezirzte seine Flammen mit Gitarre und Klaviergeklimper.

Und dann das Unglück: Im Winter 1820/21 brach er sich beim Schlittschuhlaufen die rechte Hand. Die wurde steif – das war´s mit der Malerei, jedenfalls fürs erste. Und kaum hatte er sich damit getröstet, dass ihm ja noch die Dichterei übrigbliebe, da ereilte ihn ein neuer Schicksalsschlag: Er verliebte sich unglücklich in ein Mädchen seiner näheren Verwandtschaft, da lief überhaupt nichts. Langsam hatte er die Nase voll von Deutschland und reiste in den sonnigen Süden. Erste Station war Rom – um diese Zeit das El Dorado junger malender deutscher Romantiker mit langen Haaren und klammen Finanzen.

Kopisch schätzte kaum deren etwas blutleere Kunst, lungerte aber gerne mit ihnen auf der Spanischen Treppe und im nahen Café Greco herum. Dann trieb es ihn weiter nach Süden, er landete im furiosen Neapel, und das ließ ihn nicht mehr los. Der Vesuv tat ihm den Gefallen, zeitgerecht auszubrechen, und der bengalische Feuerschein sollte des Breslauers weiteres Leben mit Leuchtkraft erfüllen. Er kletterte auf den glutspeienden Berg, um dessen Farbenspiel studieren zu können, unbesorgt um Leib und Leben. Und was er da sah, machte ihm wieder Mut zur Malerei. Um sich der Farbintensität der Natur annähern zu können, startete er chemische Experimente. Mit Erfolg. Seine Palette barg eine Leuchtkraft, die zuvor unbekannt war. Daher taugten auch die alten Namen nicht mehr: »Mutterflammenlichtblau«, »Chrysograsbrillantfeuergrün«, so nannte Kopisch »seine« Farben. Die Zeitgenossen waren begeistert angesichts des Glühens und Loderns, die Kunstwelt geschockt: Sein bekanntestes Gemälde, Die Pontinischen Sümpfe bei Sonnenuntergang, das jetzt in der Alten Nationalgalerie hängt, verdammte ein Kritiker als »schwül, drückend«, ja »pathologisch«. Ein »aufgebrochenes Geschwür« sei diese Sonne, der Himmel »entzündet«.

Um seine Brötchen zu verdienen, verkaufte Kopisch Gemälde des Vulkans und spazierte als Fremdenführer durch die Straßen Neapels, sammelte und übersetzte begeistert neapolitanische Volkspoesie, bis eines Tages sein Landsmann Wilhelm IV. nach Neapel kam und an den Fremdenführer »Don Augusto« geriet. Er wurde fortan sein Gönner.

Gemeinsam mit dem romantischen Maler Ernst Fries besuchte er Capri, das damals ein verschlafenes Inselchen war. In ihrer Pension hörten sie zu vorgerückter Stunde von einem Loch in der meerumspülten Felswand um Capri, hinter dem Hexen und Dämonen hausten. Die aufgeklärten Nordeuropäer bekamen große Ohren und fanden nach langem Hin und Her zwei willige Führer in die Unterwelt. Die mutige Schar, Haifischen und Fabelungeheuern trotzend, schwamm mit rauchenden Wachsfackeln durch den engen Höhleneingang. Was sie dort überwältigte, hat Kopisch in einer Erinnerung festgehalten: »Ein tiefes Bassin, überwölbt von tropfstein-gezierten Felsen, das Wasser ein wallender Himmel, dessen blaues Licht die Decke darüber zauberisch erhellte. Am hochroten Saume funkelten die Brandungen umher, und spielten die Farben aller Edelgesteine. Zum Eingange herein aber schimmerte das helle Tageslicht, und breitete gleich einem Monde seinen Schein über das Wasser.« Anders formulierte hundert Jahre später Bertolt Brecht: Capris »verfluchte blaue Limonade« zog auch ihn in ihren Bann. Und nach ihm noch Abermillionen aus aller Welt.

Und als hätte sich der Breslauer damit nicht schon genug in das Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben, dichtete er 1836, zurück in der alten Heimat, auch noch einen Hit der Weltliteratur: Die Heinzelmännchen von Köln. »Wie war zu Cölln es doch vordem / Mit Heinzelmännchen so bequem!« Er übersetzte Dantes Göttliche Komödie, schrieb einen detaillierten Bericht über die jeweiligen Aufenthalte Friedrichs II. an jedem Tag seiner Regierung, verfasste zwei Dramen. Er erfand das Pleorama, eine maritime Variante des Panoramas, und einen Ofen für Reisende, und legte er 1853 in Berlin nach einem Schlaganfall den Löffel aus der Hand. Sein Grab zieren nicht selten Heinzelmännchen, die nach einiger Zeit wieder verschwinden; aber anders als in Köln kommen sie in Kreuzberg unverhofft in neuer Gestalt zurück. •

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