Kreuzberger Chronik
April 2019 - Ausgabe 208

Hausverbot

Das Glas Osborne


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von Hans W. Korfmann

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Als Hansi im Mehringhof seinen Siebzigsten feierte, machten ihm 300 Gäste die Aufwartung. Er saß auf einer Art Thron, die Gratulanten flanierten vorüber und reichten ihm nacheinander die Hand oder das Sektglas: Politische Weggefährten, Kollegen aus dem Kneipenkollektiv, verflossene Liebschaften, Freunde und Stammkunden aus dem Matto am Chamissoplatz, dessen Wirt er gewesen war. Als er am nächsten Morgen seinen Kaffee im Atlantic trank, sagte er: »Und das Schönste war, dass sogar die da waren, die im Matto Hausverbot hatten!« Nur Andreas fehlte. Er konnte nicht, er war schon tot. »Aber der wäre auch nicht gekommen, wenn er noch leben würde. Der hat noch ´ne Rechnung offen bei mir.«

Es war ein friedlicher Abend damals im Matto, man sprach über Fußball, da kam Andreas herein, »schon vollkommen breit«. Taxi-Manne sagte später, Hansi hätte ihm nicht noch dieses Wasserglas Osborne vor die Nase stellen sollen, das hätte ihm den Rest gegeben. Jedenfalls wurde Andreas irgendwann so laut, dass Hansi sagte: »Jetzt musste gehen« und ihn zur Tür hinaus schob und abschloss.

Doch Andreas vertrug das Ausgeschlossensein nicht. Wenig später krachte es. Der kleine Mann hatte es fertiggebracht, diesen »riesigen Blumentopf vorm Laden mit irgendwelchen Glöckchen oder Röschen« hochzuheben und in die Tür zu werfen. Hansi fluchte, ging hinaus, wo Andreas mitten auf der Kreuzung stand und drohte, ihn umzubringen. Hansi sagte: »Es ist besser, wenn du jetzt sofort gehst!«

Aber Andreas hörte nicht, und es dauerte nicht lange, da rollten die beiden über das harte Berliner Kopfsteinpflaster. Es war erstaunlich, was für Kräfte so ein Glas Osborne freisetzen konnte, Hansi hatte seine liebe Mühe, bis er endlich rittlings über Andreas saß. Das Paar war jetzt von einem Kreis aus Kneipengästen und Nachbarn umgeben, die sich »beschwerten, weil ich meinen Gast so unfein behandelte.«

Die Polizei kam und stellte Hansi zur Rede, »da bin ich aufgestanden und hab ihn den Bullen überlassen. Aber kaum war der frei, ging er auf die Bullen los. Und die haben den dann verdroschen, manman!«

Hansi hatte eigentlich Anzeige erstatten wollen wegen der kaputten Tür, aber zwei Wochen später stand der blonde Bewährungshelfer bei ihm vorm Tresen. Ob man sich nicht einigen könne? Es gäbe da so einen Fonds, den Täter-Opfer-Ausgleich, aus dem man die Tür bezahlen könne. Andreas würde in einer gemeinnützigen Einrichtung die Wände streichen, der Lohn für seine Arbeit würde in den Fonds und von dort in Hansis Taschen fließen. Und die Tür wäre repariert.

Hansi war ein guter Wirt, er war sofort einverstanden. Allerdings hat Andreas die Wände nie gestrichen. Hansi musste die Tür alleine bezahlen. Trotzdem hätte er mit ihm angestoßen, zum Siebzigsten. Aber nun war er leider tot. •


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