Kreuzberger Chronik
September 2018 - Ausgabe 202

Kanzlei Hilfreich

Hilfreich und die Scheidung


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von Kajo Frings

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Manchen Mandantinnen muss man zuhören- bis zum bitteren Ende

Bertha Reichert wirkte wie eine Endfünfzigerin, war aber laut Ausweis schon 78. »Herr Anwalt, mir reicht et. Ick will mir scheiden lassen.« Hilfreich unterbrach: »Da könnten Sie aber Rentenansprüche verlieren!« Frau Reichert schnaubte. »Dat is mir sowat von ejal. Et jeht mir ums Prinzip. Deshalb erzähl ick mal von Anfang an: Den ersten Mann hatte ich mit 18. Der war ganz nett. Aber denn hat er anjefangen, mir zu hauen. Irgendwann hat et mir jereicht. Hab ich die Faust jeballt und ihm eens uff die Nase jejeben.« Sie wechselte jetzt in eine Art Hochdeutsch. »Also, ehrlich gesagt, ich hatte mir vor dem Schlag schon einen größeren Kieselstein in die Faust gelegt. Jedenfalls, die Nase blutete, und der rennt zu meiner Mutter und beschwert sich. Da hätt er sich beinah von der auch noch eine gefangen. Jedenfalls war erstmal Ruhe. Aber dann fing der wieder an mit Haue. Da hab ich gesagt, wenn er am nächsten Tag noch in meinem Bett liegt, schlag ich ihn tot. Am nächsten Morgen war er weg.

Ick hab damals in ´ner Trikotagenfabrik gearbeitet und wat mit dem Chef anjefangen. Da kam dat erste Kind. Ein Mädchen. Da hat er sich jefreut, aber jeheiratet hat er mir nich. Ick hatte ne eigne Wohnung, da hat er mich dann immer besucht. Dann kam der Junge. Und der hat ordentlich Unterhalt gezahlt, konnte ich mir sogar was von zurücklegen. Aber dann fing der auch an, mich zu schlagen. Das hab ich mir nicht lange angesehen und dann war Schluss.«

Sie holte Luft. »Herr Anwalt, ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar, aber ich muss das erklären, damit Sie verstehen. Danach bin ich wieder auf einen reinjefallen. Der war nett. Und ich wieder schwanger! Denk ich, den heiratest du jetzt. Und das haben wir auch gemacht. Aber seit der in Rente ist und immer nur zu Hause, schikaniert er mich. Und jetzt reichts! Ich schmeiß den raus und lass mir scheiden. Wir leben ja sozusagen schon ein Jahr getrennt in der Wohnung. Ich koch nich mehr für den, ich wasch nich mehr für den. Die Beene kann ich mir ooch alleene warm halten.«

»Gut«, sagte Jens, »wir reichen die Scheidung ein.« - »Ach warten Sie noch bis nächste Woche. Ich hab ihm gesagt, dass ich heute zum Anwalt gehe und mich erst mal beraten lasse...« Das Klingeln ihres Handys beendete den Redeschwall. Sie sah auf’s Display: »Unsere Tochter« und nahm das Gespräch an: »Was? Sicher? Ich komm gleich.«

Sie war kurz verwirrt, fasste sich aber sofort wieder und sagte leicht verärgert: »Wird nix mit der Scheidung. Hat sich in der Wohnung aufjehängt, det feige Aas!«

Dann, nach einer Pause: »Herr Anwalt, wo ich schon mal hier bin: Sie machen doch auch Erbrecht…« •


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