Kreuzberger Chronik
November 2018 - Ausgabe 204

Kanzlei Hilfreich

Umgangswochenende


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von Kajo Frings

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Manchmal gibt Hilfreich auch ungefragt und kostenlos Ratschläge

Es war ein schöner Frühherbsttag. Eiskaltes Lüftchen, aber Sonnenschein. Rechtsanwalt Hilfreich saß vor der Marheinekehalle, dort wo der Brunnen steht und noch Wasser plätscherte. Er döste vor sich hin, als ihn eine aufgeregte Frauenstimme weckte. Sie keifte einen etwa 25-jährigen Mann an, der einem kleinen nackten Mädchen beim Rumplätschern zusah. »Was schauen Sie denn ständig auf das nackte Mädchen?«, fragte sie den Mann und in die Runde der Zuschauer: »Wo ist denn hier die Mutter?«

»Die Mutter ist bei ihrem Freund!«, sagte der Mann. - »Und wo ist der Vater? Man kann doch son Kind nicht nackig allein spielen lassen!« Das Mädchen kam angerannt: »Ich bin nicht allein«, sagte sie und zeigte auf den Mann: »Das ist mein Papa«. Die Frau schaute pikiert. Das Kind war nass vom Spielen am Brunnen und zitterte. Hilfreich holte eine der herumliegenden Wolldecken und gab sie dem Mann. »Ich bin zwar kein Kinderarzt, aber Sie sollten Ihre Tochter mal trockenreiben und ihr was zum Anziehen geben.«

»Die Mutter hat ihr doch wieder nur weiße Klamotten mitgegeben, und wenn sie mit schmutzigem Kleidchen zurückkommt, macht sie Meldung beim Jugendamt. Ich hab heute Umgangstag, und den würd ich gern behalten. Bei mir kann sie wenigstens mal spielen, jede Woche 6 Stunden!« - »Und wenn Sie das Kind mit Husten zurückbringen, was macht sie dann?« fragte Hilfreich. »Kommen Sie, wir gehen rüber zum Laden von den Maltesern, vielleicht kriegen wir da günstig was zum Anziehen.«

Der Malteser sagte zur Kleinen: »Such dir was aus!« Das Mädchen gluckste vor Freude, packte Hose, Hemd und Kapuzenpulli zusammen und rannte zurück zum Sandkasten. Der Vater suchte nach Geldscheinen, die er nicht hatte. Hilfreich zog ihn aus dem Laden und konnte sich ein »Vergelt‘s Gott!« in Richtung des Maltesers nicht verkneifen.

Kurz vor sechs kam das Mädchen angerannt: »Papa, guck auf die Uhr! Gleich kommt Mama. Wenn wir nicht pünktlich sind, gibt‘s wieder Ärger.« Sie zog die neuen Klamotten aus und die weißen wieder an. Sie zog ihren Vater zu einem kleinen Kinderwagen, in den sie hineinkletterte. Der Vater erklärte: »Ihre Mutter will nicht, dass sie und ich uns bei der Übergabe berühren. Daher der Kinderwagen als Übergabestation.« - »Weißt du«, sagte das Mädchen: »ich habe zwei Papas. Der eine war mal mit Mama zusammen, den hab ich zuhause im Sandkasten vergraben. Und mit dem anderen Papa«, sie zeigte auf den Mann, der jetzt den Kinderwagen schob, »spiele ich immer am Wochenende.«

Jens wühlte in seiner Jacke und gab dem Mann seine Visitenkarte. »Ich kenne eine gute Familientherapeutin. Ich red mit ihr, und dann bring ich sie nächstes Wochenende mit. Ach ja - und vergessen Sie die Spielkleidung nicht.« •


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