Kreuzberger Chronik
Oktober 2017 - Ausgabe 193

Kanzlei Hilfreich

Die Sozialarbeiterin


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von Kajo Frings

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Frau Berger war Leiterin einer sozialen Beratungsstelle und mit ihren 60 Jahren kommunikativ und lebenserfahren. Das sahen alle so, außer Renate, ihrer Tochter. Die nannte ihre Mutter »erziehungsunfähig«, »beratungsresistent«, »engstirnig« und »narzisstisch«. So stand es jedenfalls in dem Brief der Tochter an das Familiengericht. Die Mutter hatte nämlich einen Antrag auf regelmäßigen Umgang mit ihrem Enkel Boris gestellt. Und jetzt saß sie bei Jens Hilfreich, damit er ihr gutes Recht erstritt. Sie wusste: »Ein Kind hat ein Recht auf Umgang mit seinen Großeltern. Und zwar mit allen!« Der zehnjährige Boris aber hatte nur Kontakt zur Mutter seines Vaters - nicht jedoch zu Oma Hertha.

Schuld an allem war Renate, die sich von Boris’ Vater getrennt hatte. Ihr neuer Freund war nämlich freikirchlicher, Mecklenburger Veganer - und das war der lebensfrohen Hertha zuwider. Die Vorstellung, dass ihr Boris irgendwo in einem Kaff in Mecklenburg unter Christen, Nazis, Reichsbürgern, Impfgegnern, Veganern und Esoterikern aufwuchs, machte sie rasend. »Da oben möchte ich doch nicht tot überm Zaun hängen!«

Hilfreich schlug vor, es mit einer Mediation zu versuchen, aber auch da rannte er bei Hertha Berger gegen eine Schrankwand. »Renate besteht auf der Therapeutengemeinschaftspraxis Naturheilgut, wo Boris bei Magenbeschwerden nichts als Globuli bekommt. Was er braucht, ist Leberwurst!« Hertha redete sich allmählich in Rage. Um sie etwas einzubremsen, zitierte der Anwalt ein Urteil des OLG Brandenburg: »Das Umgangsrecht der Großeltern nach § 1685 BGB hängt davon ab, dass die Großeltern den grundsätzlichen Erziehungsvorrang des sorgenberechtigten Elternteils respektieren«. Dann fragte er, ob sie sich vorstellen könnte, dass Boris, wenn er bei ihr zu Besuch sei, auch nur vegane Kost bekomme. Ein erneuter Redeschwall umhüllte den hilflosen Anwalt, man müsse Renate das Sorgerecht entziehen. Sie wisse ja schon gar nicht mehr, wie Boris aussehe.

Deshalb habe sie kürzlich einen dieser Gottesdienste besucht und sich in die letzte Bankreihe gesetzt und ganz leise »Boris« geflüstert. »Da hat er sich umgedreht und mir heimlich zugewunken. Sehn Sie!«. Sie deutete auf ihr Smartphone, wo sie die Szene auf einem Video festgehalten hatte. Hilfreichs Nackenhaare sträubten sich wie bei einem russischen Kampfterrier. Er überlegte, was er tun sollte, aber ihm fiel keine andere Lösung ein:

»Sagen Sie mal, Frau Berger, haben Sie sich eigentlich mal überlegt, in welchen Loyalitätskonflikt sie den Jungen stürzen? Sie zwingen ihn doch, die eigene Mutter zu verraten. Ich kann Sie dabei nicht unterstützen. Ich bin definitiv der falsche Anwalt für Sie. Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen suchen.« •


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