Kreuzberger Chronik
Oktober 2015 - Ausgabe 173

Kanzlei Hilfreich

Szenen vom Tatort


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von Kajo Frings

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Ia#Jens Hilfreich ist einiges gewohnt. Manche Szenen aber vergisst er nie.

Der Kindsvater war aus der Haftanstalt Moabit entflohen und hatte sich eine Zeit lang vor den Fahndern verstecken können. Doch wenn die Kinder entflohener Häftlinge Geburtstag haben, sind die Fahnder stets zur Stelle. Sie ergriffen den Vater, als er seinem Sohn zum 4. Geburtstag gratulieren wollte. Die Beamten schalteten sofort das Jugendamt ein.

Das große Berliner Zimmer war leer bis auf das Bett, das aus zwei Matratzen bestand, die auf dem Boden lagen. Darum herum waren die Gitter mehrerer Laufställe auf dem Boden verschraubt. Überall lagen Plastiktüten, die der Vierjährige mit größter Lust zerriss. Plastiktüten. Keine Puppe, kein Legostein, kein Bilderbuch. Auf der Plastikfolie hatten sich Lachen von Kinderpisse gebildet. Es stank. Die Polizei dokumentierte, und das Jugendamt nahm das Kind in Obhut. Die Mutter wurde angeklagt, Jens Hilfreich war ihr Rechtsbeistand.

Er holte die Akte, sah die Fotos der Einsatzkräfte, die verletzten Arme des Kindes, die vernarbten Schnittwunden. Er hatte derartiges bisher nur im »Tatort« gesehen. Er legte der Mandantin die Fotos vor und sagte: »Erzählen Sie mal« . Sie erzählte. Jens Hilfreich sagte: »Okay, dann erzählen Sie das mal dem Gericht«. Er sparte sich lange Schriftsätze, denn Wörter auf dem Papier konnten die hilflose Liebe dieser Mutter nicht widerspiegeln.

Dieser Junge war anders als andere Kinder. Er saugte die Muttermilch nicht, er biss sich fest. Sie stillte trotz Schmerzen. Sobald er krabbeln konnte, riss er die Tapeten herunter. Als er gehen konnte, kletterte er auf Hocker und Bänke, alles was gefährlich war, zog ihn an. Schnell begriff er, dass man mit Messern die Plumeaus aufschneiden konnte, mit Scheren die Bauchhöhlen von Teddybären. Es machte ihm Spaß, Dinge zu zerstören. Und das einzige, was er kaputtmachen konnte, ohne dass es gefährlich wurde, waren die Plastiktüten. Sie kosteten auch nichts. Und weil er den Laufstall, den sie für ihn kauften, sofort wieder eintrat, verschraubten sie ihn auf dem Boden. Und weil er ständig in die Hosen pinkelte, wechselten sie auch ständig die Matratzen. Holten jedes Mal, wenn Sperrmüll war, neue. Aber als der Vater in den Knast musste, war keiner da, der sie holen konnte.

Der Richter hörte zu. Dann kam der Satz, auf den Hilfreich seine Mandantin vorbereitet hatte: »Uns würde ein Freispruch leichter fallen, wenn Sie damit einverstanden sind, dass jetzt das Jugendamt über den Aufenthalt Ihres Sohnes bestimmt.« Sie nickte einverständlich.

Der Vater saß seine Strafe ab und kam nach Hause. Die Mutter wurde schwanger. Als der Arzt nach dem Ultraschall sagte: »Es wird ein Mädchen« , bauten die Eltern den Laufstall ab und säuberten die Wohnung. Der Junge kam in eine Pflegefamilie in ein kleines Dorf in der Lüneburger Heide. Die Pflegeeltern bauten ihm eine Baumhütte.

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