Kreuzberger Chronik
März 2015 - Ausgabe 167

Strassen, Häuser, Höfe

Die Wilhelmstraße Nummer 7


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von Werner von Westhafen

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Die Bewohner der böhmischen »Walachei« am südlichen Ende der Wilhelmstraße waren nicht nur fromm, sondern auch fleißige Arbeiter. Einige von ihnen verdienten sich ihren Unterhalt mit dem »Wollkrämpeln und Flachsspinnen«, andere fanden in »Kirchners Linnenmanufaktur« Arbeit, wo sie nicht nur Leinen weben, sondern auch wohnen konnten. Ein besonders Geschickter unter den böhmischen Webern war Georg Ostry, der zwar »kein schriftgewandter«, aber ein »kluger und thatkräftiger« Mann war, und der sich in den Kopf gesetzt hatte, an der Spree Baumwollstoffe zu weben, die in der besseren Gesellschaft gerade der neueste Schrei waren. Immer mehr Schiffe hatten diese angenehm leichten und bunten Stoffe aus Indien an Bord, die dem steifen Leinen ebenso wie den kratzigen Wollgeweben erfolgreich Konkurrenz machten.

1742 bittet Ostry den König um ein Darlehen von 3000 Thalern zur Anschaffung von Webstühlen, schließlich sei er »der erste Anfänger, der mit seinem wenigen Vermögen Anstalten zum Cattun fabricieren machte«. 11 Jahre später, als in der Wilhelmstraße schon 20 Webstühle stehen und sich die Spinnräder drehen, hat er das versprochene Geld noch immer nicht erhalten und erinnert in einem Schreiben an den zuständigen »Hochwohlgeborenen, Hochzugebietenden, Sehr Gnädigen Herrn« an die zugesagte Unterstützung, lobt seinen »unermüdeten Fleiß« und seine große »Sorgfalt«, mit der er die Geschäfte führe, und klagt über die »große Mühe«.

Dabei laufen die Geschäfte des ersten deutschen Baumwollfabrikanten nicht schlecht. Ostry hat gleich gegenüber dem Gemeindehaus in der Wilhelmstraße 136 das Grundstück mit der Nummer 7 erworben, auf dem ein ganz ähnliches, zweistöckiges Gebäude steht. Im Sommer 1750 hat er zusammen mit sieben Landsleuten das Konsortium »Kubassek & Compagnie« gegründet, eine Kattundruckerei eingerichtet, Tischler, Drucker und Farbstreicher eingestellt. Aus dem Landhaus mit der Nummer 7 wurde allmählich ein Anwesen mit Produktionsräumen, einem Büro und Wohnungen im ersten Stock. Zudem schenkte ihm der König nun auch ein großes Grundstück vor dem Potsdamer Tor zum Bleichen der Stoffe, das 1837 für 12.400 Thaler an die Berlin-Potsdamer-Eisenbahngesellschaft verkauft wird. Heute ist die Wiese, auf der Ostry Stoffe in der Sonne bleichte, Milliarden wert.

Hätte Ostry das geahnt, hätte er vielleicht gelassener reagiert, als ein Mitarbeiter einige seiner Arbeiter abwarb, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Doch Ostry fährt wutentbrannt und »wider alles Abraten« noch einmal nach Böhmen, um in der alten Heimat neue Arbeiter anzuwerben. 1759 wird er als Saboteur verhaftet und stirbt ein Jahr darauf im Gefängnis, woraufhin die Witwe Ostry Haus, Hof und Baumwollfabrik der Brüdergemeine vermacht, um ihren »böhmischen Brüdern« auch weiterhin »Arbeit und Nahrung zu verschaffen«, aber auch zur »besseren Erziehung der bedürftigen Jugend.« Dazu richtete die Gemeinde im ersten Stock des Hauses mit der Nummer Sieben eine »Knäbgenschule« und eine Kleinkinderschule ein, in der auch Kinder andersgläubiger Berliner Familien unterrichtet und »zu ihrem Heiland und Erlöser geführt werden sollen.«

1870 errichteten die Brüder hinter dem Haus einen großen Speicher, dessen Vermietung äußerst rentabel gewesen sein soll. Immer öfter sahen die Schüler die Möbelwagen zum Speicher »mit den mächtigen Torflügeln« fahren. Auf dem großen Grundstück hinter dem Haus wurde neben den Gärten und Lauben ein Turnplatz für die Schüler angelegt. Sie betraten das Haus jetzt durch den Haupteingang mit den steinernen Stufen in der Mitte des Gebäudes, gingen vorbei am Zimmer des Schulvorstehers und des »Kaiserlichen Rates« und stiegen die Treppe zu den Klassenräumen hinauf. Nach Schulschluss rutschten sie das Geländer wieder herunter, das »so breit war wie der Rücken eines Schaukelpferdes«. Das alte Haus mit der Nummer 7 war bereits 150 Jahre alt, als sich im Dezember 1898, einen Tag vor dem Abriss, die Bewohner noch einmal für eine Fotografie vor der alten Fassade versammelten.

Schon im nächsten Jahr stand an der Stelle der alten Kattunfabrik und des Speichers eines der stattlichsten Miethäuser der Wilhelmstraße mit einem großen quadratischen Innenhof, einem gewaltigen Mittelportal und zwei Nebeneingängen, in dem nun »etwa 150 Gemeinmitglieder zur Miete wohnten«.

Anders als das Haus mit der Nummer 136 auf der gegenüberliegenden Straßenseite, das im Krieg vollkommen zerstört wurde, blieb die Nummer 7 von den Bomben verschont. Lediglich die nordöstliche Ecke des Bauwerks wurde getroffen. Trotzdem war noch in den Neunzigerjahren, lange, nachdem das Gebäude wegen einer geplanten Autobahn von der Gemeinde an die Stadt verkauft werden musste, immer wieder vom Abriss die Rede. 1994 verschenkte der Bezirk das Haus an eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, die es 2004 an eine amerikanische Investmentfirma verkaufte.

Das Roulette begann, inzwischen gehört das fast menschenleere Haus, das die böhmischen Einwanderer für ihre Gemeindemitglieder gebaut hatten, der Heimat GmbH, die mit einer ebenso aufwendigen wie behutsamen Restaurierung des Gebäudes begonnen hat. Und wo einst die Einwanderer aus Böhmen, später obdachlose Kriegsflüchtlinge einzogen, werden nun keine armen Leute mehr wohnen.•



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