Kreuzberger Chronik
März 2015 - Ausgabe 167

Die Geschäfte

Am Wüstenrand der Stadt


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von Erwin Tichatzek

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Man hört es schon am Namen, dass dieser Laden in Kreuzberg liegen muss. Nirgendwo in der Stadt verbindet sich das Berliner Idiom so selbstveständlich mit dem Orientalischen wie im wichtigsten Einwandererbezirk der Stadt. Auch wenn Batu manchmal das Gefühl vermittelt, man befände sich in der Wüste, und nicht in Kreuzberg.

»Haben Sie Dextro?«, fragt ihn ein junger, langer Mann mit einem Tetrapack Milch unter dem Arm. »Dextro?«, fragt Batu neugierig, »Dextro ? - Hab ich nie gehört. Was ist das denn?« – »Dextro-Energy«, klärt der junge Mann auf, »Traubenzucker zum Lutschen in so kleinen Packungen. Das ist gut, wenn man Grippe hat oder unterzuckert ist...« – »Kann ich Ihnen besorgen, warten Sie, ich schreibs mir gleich auf.« – »Ach, lassen Sie, damit machen Sie hier kein Geschäft, das kauft doch kaum jemand…«, sagt der Kunde. Aber Batu sagt: »Ich schreibe sowieso alles auf. Ich habe ja erst vor drei Wochen aufgemacht. Ich muss wissen, was die Leute in der Straße so brauchen.«

»Haben Sie Lord?«, fragt ein älterer, schon ziemlich grauer Kunde. »Lord, was ist das?« – »Zigaretten, weiße Packung.« – »Kann ich bestellen!«, sagt der Ladenbesitzer. » Wenn der Großhändler die im Sortiment hat, habe ich morgen auch Lord. Ich muss doch wissen, was die Kundschaft braucht. Ich bin doch für die Leute in der Straße da.«

Batu macht ein ernstes Gesicht, wenn er die Bestellungen seiner Kundschaft auf einen Zettel kritzelt. So, als handele es sich um die Liste für das Postschiff, das nur einmal in der Woche in dem entlegenen Dorf anlegt. Dabei ist Batus Spätshop am Nabel der Welt, gleich hinter der Gneisenaustraße in der Zossener. Ein paar Meter weiter ist der nächste Zigarettenladen mit Kästen voller Bier und Kühlschränken voller Limonaden, mit Zeitungen und einem Telefon, von dem aus man günstig in alle Welt telefonieren kann. Es gibt alles in der Zossener Straße, einen Bäcker, ein Lampengeschäft und einen türkischen Frisör, sogar den Knopfpaul mit seiner gigantischen Knopfsammlung.

Lampen und Haarschnitte verkauft Herr Batu nicht, aber sonst hat er alles, was die Nachbarn in der Straße auch haben: Backwaren, Schokoladen, Kekse, Kaugummis, Zigaretten, Zigarillos, Tabak, Zeitungen und mehrere Kühlschränke und Regale mit Lebensmitteln, Bier und anderen Getränken. Auch in der Mitte von Batus 36 Quadratmeter kleinem Verkaufsareal stapeln sich noch ein paar Bierkästen.

Batu hat alles, was alle anderen auch haben. Aber er noch etwas: Er hat sich nach Kreuzberger Art aus Paletten und Polstern ein paar Sessel zusammengenagelt und zwei schwarze, runde Bartische vor seinen Laden gestellt.
Seine Kundschaft soll schließlich nicht auf der Straße herumlungern wie in Köln oder Frankfurt. Batus Kundschaft kann sich gemütlich mit einem Fläschchen Bier aus dem Laden auf das Sofa setzen und zusehen, wer vorbeikommt auf der Zossener Straße.

»Das ist sehr schön hier abends, da müssen Sie unbedingt auch einmal kommen«, sagt eine kleine, blonde Frau zu dem Mann, der statt der Lord eine Packung Camel gekauft hat. Skeptisch betrachtet der Mann den Windschutz, den Batu aufgestellt hat -»denn hier weht ja jetzt manchmal ein Wind wie in der Wüste!« Vielleicht stellt er, wenn es nachts auch so kalt wird wie in der Wüste, noch ein Kohlebecken hinaus – so wie einst in der Heimat seiner Eltern und Großeltern.

Die blonde Frau sitzt lieber drinnen, auf einem Barhocker am Stehtisch mit Aschenbecher. Sie zündet eine Zigarette an und bläst den Rauch zum Fernseher, der auf einem Kühlschrank steht und gerade einen riesigen russischen Panzer zeigt, der in Richtung Ukraine rollt. Der Fernseher ist ein Relikt aus Batus altem Laden. Jahrelang hat er dort Elektrogeräte repariert, »aber das lohnt sich nicht mehr, für das Geld können Sie sich auch einen neuen kaufen.« Jetzt repariert er Sat-Anlagen, gleich nebenan. Nebenan der Laden gehört ihm nämlich auch. Batu ist ein geschäftiger Mensch, und gesellig ist er auch.

Deshalb sitzt die blonde Frau so gerne bei ihm. Sie heißt Agnes und ist eine echte Berlinerin. So wie Batu. Nur das rollende »R« in ihren Sätzen kommt noch aus Kroatien. Bei Batu gibt es keine sprachlichen Relikte mehr. Agnes kommt hier immer gleich mit jedem ins Gespräch, kann allen von diesem wunderbaren, selbst gebrannten Slibowitz ihrer Verwandtschaft erzählen. Und alle im Späti verstehen was davon, alle hören aufmerksam zu, wenn sie vom Schnaps erzählt! Sogar der Lord-Raucher. Nirgends in diesem schlaflosen Berlin treffen sich so viele Menschen, in keinem Café, keiner Kneipe.

Natürlich gibt es auch ein die Hausfrauentypen, die tatsächlich nur wegen eines Kilos Mehl oder eines Liters H-Milch hereinkommen, der ihnen noch zum Backen für den Kindergartenkuchen fehlt. Sogar Vanillezucker und Backpulver hat Batu im Sortiment. Er hat eben alles, was so ein Postschiff an Bord hat, damit auch die Menschen in entlegenen Gegenden etwas abbekommen von den Errungenschaften der Zivilisation. Und weil so ein Postschiff natürlich auch säckeweise Pakete bringt, ist eine Ecke von Batus Späti so etwas wie eine Postfiliale geworden. Da stapeln sich die Pakete bis unter die Decke. Batu gibt sich Mühe, er hat die vielen Päckchen alphabetisch nach Straßen und Hausnummern sortiert, damit die Kunden ihre Pakete gleich auf den ersten Blick finden können. »Irgendwann«, sagt der Lord-Raucher und kratzt sich am Kinn, »könnten die Schlangen bei Dir so lang sein wie auf der Post!« Batu lacht.•








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