Kreuzberger Chronik
März 2015 - Ausgabe 167

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Flaschen Café


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von Saskia Vogel

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Der abgegriffene Spiegel trägt den Titel »Gegen die Uhr – Die hektische Suche nach dem entschleunigten Leben«. Als Sas das Magazin zur Hand nimmt, fällt ein Marienkäfer aus den Seiten. Er lebt. Hilflos auf dem Rücken liegend rudert er mit den Flügeln. Dann krümmt er sich wie Gregor Samsa zusammen. Noch gestern Abend hat Sas sich genau so hilflos gefühlt wie dieses Insekt. Marlene kommt und will das Käferchen mit Fingernägeln greifen. »Lass es ruhig liegen«, sagt Sas. »Ich habe das kleine Wesen gern.« - »Überall sind hier Marienkäfer«, erzählt Marlene. Manchmal säßen sie auf ihrem Gebäck! Irgendwo müsse ein Nest sein. »Vielleicht müsste ich mal sauber machen«, sagt Marlene. Aber bei den Mayas hätten die Tiere den Status von Göttinnen gehabt. Sas blickt auf ihre zerfurchten Hände, denkt an ihr zerfaltetes Gesicht. Der Marienkäfer liegt regungslos auf der Tischplatte. Eine Göttin ist sie also gestern gewesen, als sie ausgelaugt im Bett lag, denkt Sas. Immerhin!

Marlene ist die Chefin vom »Falschen Café«. Sie ist dreifache Mutter, ihre jüngste Tochter gerade mal zehn Monate alt. Sie schiebt ihren Kinderwagen an Sas´ Tisch, so dass Sas ihr Baby hineinlegen kann. Eine Woche nach der Entbindung habe sie wieder hinter dem Tresen gestanden. Kalten Hund gebacken, Muffins und Schokoladenkuchen. Das Baby unter den linken Arm geklemmt und mit rechts den Teig gerührt. Marlene schlingt die Arme um ihren Oberkörper, verdreht ihre Beine, legt den Kopf schief. So habe sie dagestanden und mit dem Säugling am Körper »nebenbei« noch Gäste bedient, gestillt, dann ihren Ältesten aus der Schule abgeholt. Und am Abend die Steuererklärung gemacht. Anstrengend sei es gewesen. »Aber es musste ja irgendwie gehen«, sagt Marlene. Sie hatte sich ihr kleines Café gerade erst aufgebaut, da konnte sie keine Babypause einlegen. Marlene sieht blendend aus, die dunklen Haare glänzen, die Haut schimmert. Das Multi-Tasking hat sie zumindest äußerlich nicht zum verkrümmten Käferchen werden lassen. Aber leicht sei es nicht gewesen. Sas kann Marlene nur beipflichten. Auch sie braucht derweilen drei Tentakel und fünf Hände, um allen Ansprüchen ihrer Kinder gerecht zu werden.

Sas schaut zur Uhr. Doch die Uhr im Falschen Café läuft spiegelverkehrt. Sas kann nicht sehen, ob es erst halb zwölf oder schon halb eins ist. »Gönnen Sie sich Pausen«, rät der SPIEGEL. Also bestellt sie gleich zwei Ziegenkäse-Aprikosen-Sandwiches. »sekacnap« steht auf der schief an der Wand hängenden Tafel. Und »Frühkcüts«. Manchmal schreibt man sogar spiegelverkehrt im Falschen Café. Alles ist ein bisschen anders als in anderen Cafés, und manchmal regnet es Marienkäferchen. Aber das Falsche Café ist genau das richtige für Sas. Nicht so eine Coffee-Bar aus dem »Schöner Wohnen«-Katalog, in der sie Depressionen bekommt, weil sie sich wie eine alte Wollfluse fühlt. So, als würde sie irgendwie im falschen Leben leben.•


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