Kreuzberger Chronik
März 2015 - Ausgabe 167

Reportagen, Gespräche, Interviews

Katz und Maus


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von Hans W. Korfmann

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Wir sind wie Katz und Maus!«, sagt Elias Aceval über die Beziehung zu seinem Nachbarn, der auf demselben Stockwerk, die Tür gegenüber, wohnt. Das verschmitzte Lächeln, mit dem er das sagt, verrät nichts darüber, wer die Katz, und wer die Maus ist.

Eigentlich ist Acevals Nachbar aber gar nicht sein richtiger Nachbar. In der Wohnung wohnt nämlich eigentlich gar niemand, es befinden sich auch keine Klingel und kein Namensschild an der Tür. In der Wohnung befindet sich lediglich ein Büro. Allerdings das Büro des Hausbesitzers Schmidt. Schmidt hat es gekauft. Ebenso wie die Wohnung des Elias Aceval. Das ganze Haus hat er gekauft, gemeinsam mit drei anderen, »eine Frau und drei Männer sind das«. Die ganze Wilhelmstraße Nummer 7 mit vierzig großen Wohnungen. Und deshalb sollte eigentlich klar sein, wer hier die Maus, und wer die Katz ist.

Herr Aceval ist erst vor ein paar Tagen vom zweiten Stock in die Wohnung neben dem Büro gezogen. Er hätte, so wie alle Mieter, gerne einfach so weiter gewohnt wie bisher, mit seinem Hochbett, der kleinen Küche und dem kleinen Badezimmer. Die neuen Pläne aber sahen im alten Bau eine moderne Wohnküche vor. Also zogen sie vor Gericht, die Katz und die Maus. Aceval sagt, er habe eine Küche und ein Bad gemietet, mit zwei Türen, so stünde es im Mietvertrag. Aber gegen den Einbau neuer Fenster und die Erneuerung der jahrhundertealten Steigleitungen gab es keine triftigen Einwände. Also musste er vorübergehend umziehen.

Nun wohnt Herr Aceval also in einer Umsetzwohnung zwischen vollgepackten Pappkartons, einem Computer auf einem Schreibtisch voller Akten und einem großen Fernglas vor dem Fenster mit Ausblick auf einen Innenhof, in dem ein Kran steht, der Balken, Fenster, Steine und Mörtel für einen gigantischen Dachausbau in die Höhe hievt. Zwischen Baumaterialien und Maschinen liegt die halbe Wohnungseinrichtung eines Mieters, der kürzlich ausgezogen ist. Es ist eine Trostlosigkeit, die Aceval durchs Fernglas betrachtet, von den vier Kastanien, die einst den Hof beschatteten, sind nur noch zwei geblieben.

Keinen einzigen Karton habe er herüber getragen, sagt Aceval. »Wir mussten ihm seine Sachen noch hinterhertragen«, sagt Herr Schmidt. Der Mieter, sagt der Herr Schmidt mit nachsichtigem Lächeln, sei »schon sehr speziell. Wie sie so sind, diese Berliner Altmieter.« Und der Herr Schmidt, sagt Aceval, sei »so ein Ossi« und eigentlich »nur ein Lakai.«

Doch da irrt die Maus. Die Katz ist kein kleiner Lakai. Hans-Jörg Schmidt ist einer der Eigentümer, und er kennt sich aus mit Immobiliengeschäften. Er hat die Schlachthöfe in Prenzlauer Berg verkauft, 50 Hektar, ein ganz großes Stück Stadt. Dabei ist er eigentlich Politologe, hatte kaum mit Architektur zu tun gehabt. Er ist auch keine von diesen amerikanischen Heuschrecken, sondern ein echter Berliner. Er hat einen Bildband von Dieter Kramer auf dem Schreibtisch und kennt die Leute aus der alternativen Kulturszene ebenso wie die regierenden Politiker.
Er ist da nur irgendwie »reingerutscht« in diese Immobiliengeschichten, vielleicht, weil er so charmant plaudern kann und Humor besitzt. Den braucht man in der Branche. Schmidt lässt, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren, keinen Zweifel daran, dass er schon einige gute Glas Wein getrunken hat mit der Prominenz dieser Stadt.

Auch Aceval mit seinem französischen Akzent hat schon das eine oder andere gute Glas Wein getrunken. Freunde werden die Nachbarn trotzdem nicht gleich werden. Denn so lange, wie Schmidt im Immobiliengeschäft ist, so lange ist Aceval Berliner Mieter. Er kam schon 1970 in die Stadt, seit 20 Jahren wohnt er in der Nummer 7, gleich neben dem Weisbecker-Haus. Das ist kein Zufall, »und dann schreiben die mir, dass ich die Wohnung bis Montag, den 8. Januar, räumen und in die Umsetzwohnung ziehen muss. Dabei war der 8. Januar gar kein Montag.« Er weiß: »Die wollten mich nur reinlegen.«

Aceval traut niemandem mehr. Spätestens, seit sie ihm »das Wasser und das Licht abdrehten. Plötzlich war alles weg. Aber ich habe sofort die Polizei geholt, fünf Minuten später hatte ich wieder Strom. Das sind die üblichen Schikanen. Die wollen uns doch nur raushaben!« Neun sind sie noch, die Altmieter. Und alle haben zu kämpfen mit den Unannehmlichkeiten des Lebens auf einer Baustelle. Auch der Nachbar über ihm war in einer Umsetzwohnung, erst vor kurzem konnte er zurück in die eigenen vier Wände. »Langsam beginne ich wieder zu leben!« Werner Heesch, der bislang auf 180 komfortablen Quadratmetern wohnte, musste am Ende von der 4. Etage in die 3. absteigen. Er wird dort bleiben. »Das war das Beste, was ich noch herausholen konnte bei den Verhandlungen.« Aber eigentlich wäre auch er lieber oben geblieben.

Herr Schmidt sieht das alles entspannter. Wo gebaut wird, fallen eben Späne. Und ohne die Umsetzung der Mieter hätte das Haus nicht gerettet werden können. Mehrmals sollte die Nummer 7 schon abgerissen werden.
Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer verschenkte der Bezirk das desolate Gebäude sogar. An die GSW, die, obwohl sie dazu verpflichtet war, zu renovieren und die Mieter zu schützen, keinen Pfennig in das Haus steckte. Es ist nicht ganz abwegig, wenn sich die neuen Eigentümer jetzt als die Retter des Hauses sehen. Andere Investoren hätten es längst abgerissen und einen Zementklotz für 100 Mietparteien auf das Areal gesetzt. Das wäre – zumindest kurzfristig – rentabler gewesen.

Die Renovierung ist aufwendiger als ein Neubau. Schließlich machen sie »hier keine Pinselsanierung!«, sagt Herr Schmidt. Nicht nur sämtliche Leitungen, auch tragende Bauelemente wurden ausgetauscht, das Gebäude wird von Grund auf wieder hergestellt, Fenster in die alten Brandwände eingebaut. Von einer Luxussanierung sprechen die Eigentümer nicht. Eine Luxussanierung ist gar nicht notwendig: Das Haus mit seinen großen Portalen und den geräumigen Zimmern war immer schon ein luxuriöses Haus. Es überzeugt durch seine Substanz und seinen Charme, da sind nachträglich aufgesetzte Dachterrassen und goldene Klingelknöpfe nur noch störend.

So aufwendig und kostspielig die Sanierung auch sein mag: Die neuen Eigentümer werden nicht schlecht verdienen. Da der Neubauanteil im Altbau - den Ausbau des Dachgeschosses mitgerechnet - über 50 % liegt, ist die Wilhelmstraße Nummer 7 künftig nicht mehr an den Mietspiegel gebunden. So kommt es, dass einige der Altmieter im Haus noch sagenhafte Kaltmieten von drei Euro für den Quadratmeter zahlen, während die neuen Bewohner des Hauses mit »etwa 12 Euro« rechnen müssen. Die ganz großen Wohnungen im Haus werden nicht unter 3000 Euro im Monat zu mieten sein.

Doch es hätte die Nummer 7 viel schlimmer treffen können. Die neuen Eigentümer sehen in dem Haus eine langfristige und krisensichere Investition und haben mit ihrer Heimat mbH & Co noch keine Abgeschlossenheitsbescheinigungen zur Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen beantragt. Ein Verkauf von Wohnungen, sagt Herr Schmidt, sei »auch gar nicht beabsichtigt«.

»Noch nicht!«, sagt Aceval. Er ist sicher, dass hier alles von langer Hand und von Anfang an geplant war. Von jenem Tag im August 1994 an, als der Bezirk das Haus gemeinsam mit 22 anderen Kreuzberger Häusern an die »gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft« GSW, und damit an den Senat verschenkte. Insgesamt wechselten in den Neunzigerjahren 631 Häuser auf diese Weise ihre Besitzer und wurden zum Eigentum landeseigener, gemeinnütziger Wohnungsbaugesellschaften wie der Gewobag, der Gesobau oder der Stadt und Land. Zwar erhielten die Gesellschaften die Immobilien nur unter der Auflage, für eine »alten- und behindertengerechte Instandsetzung« der maroden Bauten zu sorgen, dabei auf Luxussanierungen und Umwandlungen in Wohneigentum zu verzichten, doch die Häuser verfielen zusehends. Zehn Jahre lang hatte die GSW laut des geheim gehaltenen »Schenkungsvertrages« Zeit, Renovierungen durchzuführen, doch »die städtischen Wohnungsgesellschaften« (…) haben »

zu Lasten der Mieter gespart« und keine ihrer Verpflichtungen eingelöst. Das bestätigte 2012 auch der damalige Kreuzberger Bürgermeister Dr. Franz Schulz.

Die öffentliche Kritik störte die Wohnungsbaugesellschaften allerdings wenig. Schon 2002 hatte man im Senat darüber diskutiert, die GSW, und damit die größte der Berliner Wohnungsbaugeselschaften, weiter zu verkaufen. Finanzsenator Sarrazin verwies auf die prekäre finanzielle Lage seines Landes Berlin. Zwei Jahre später gehörte die GSW, und damit auch das Haus an der Wilhelmstraße, einer amerikanischen Immobilienfirma, die sich nicht scheut, den dreiköpfigen Höllenwächter Kerberos aus der griechischen Mythologie in ihrem Namen zu zitieren: die Cerberus Capital Management, L.P., mit ihrem Hauptsitz in New York.

Gegen den Höllenhund ist die Katze des Herrn Aceval ein Schmusekater. Die amerikanische Investmentfirma verkaufte einige der Häuser umgehend weiter, andere ließ sie, einzig dem Profit und niemals den Mietern verpflichtet, weiter verfallen. Wieder andere wurden zum Spielball der Immobilienhändler und wechselten mehrmals die Besitzer. Auch das Haus der Böhmen ging durch viele verschiedene Hände, seit der Senat das Gemeindeeigentum an die Amerikaner verkauft hatte. Es ist nicht wichtig, auf welchen Schreibtischen die Bauakten lagen, bis sie endlich bei Schmidt und seinen Compagnons landeten. Entscheidend ist, wieviele in der Zwischenzeit daran verdienten, wieviele den Wert dieses Hauses mit ihren Spekulationen und Weiterverkäufen künstlich in die Höhe trieben, ohne einen einzigen Stein in die Hand genommen, und ohne dem tatsächlichen Sachwert auch nur einen Cent hinzugefügt zu haben.

Das Handelsblatt hat in einem ausführlichen Beitrag die Wertsteigerung der Immobilien aus dem Bestand der GSW-Häuser berechnet. »Was 2004 für 504 Millionen aus öffentlichem Eigentum und politischer Verfügungsgewalt in Privathand überging, wird jetzt für 1,75 Milliarden gehandelt. Eine beachtliche Wertsteigerung…«

Für die Nummer 7 ist die Zeit der Spekulationen nun vorüber. Es wird Ruhe einkehren in dem Haus, der Kran wird abmontiert werden, die Arbeiter werden abziehen, der Herr Schmidt wird sein Büro räumen. Auch die Maus wird zurückziehen in ihre alte Wohnung im zweiten Stock. Und wenn sie sich eines Tages noch einmal treffen sollten, im Hof, im Treppenhaus, auf der Straße, der Mieter und der Eigentümer, die Katze und die Maus, dann werden sie einander vielleicht freundlich grüßen. Auch wenn die Maus womöglich immer noch vermutet, die Katze sei einer der drei Köpfe des Kerberos. •



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