Kreuzberger Chronik
September 2014 - Ausgabe 162

Kreuzberger
Wolfgang Ernst

Was sollte ich denn im Westen?


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Sie machen keine großen Sprünge mehr, Wolfgang und seine Frau Annaliese. Sie ziehen ihre täglichen Kreise, von der Wohnung zur Markthalle und wieder zurück. In die Bergmannstraße und wieder zurück. Sie fliegen nicht mehr, steigen nur noch selten aufs Schiff. Sie gehen jetzt mit kleinen Schritten durchs Leben, Schritten, die im Lauf der Jahre einen gemeinsamen Takt gefunden haben und die sie mit der Monotonie eines Uhrwerkes von Tag zu Tag bringen. Mit der Zuverlässigkeit jenes kleinen Spielzeugmotors, der, einmal aufgezogen, einst schon die Lokomotive der Modelleisenbahn vorantrieb, die auch immer nur im Kreis fuhr. Und die nur eine einzige Weiche hatte, und die führte aufs Abstellgeleis. Damals war die Welt noch überschaubar gewesen.

Aber so würde Wolfgang Ernst seine Geschichte nie erzählen. Er erzählt ohne Schnörkel, ohne Poesie. Er ist kein Dramatiker, er ist ein Pragmatiker. Das sagt auch Annaliese, die seit 33 Jahren immer an seiner Seite ist. Und ein ernster Mensch sei er auch. »Alle, die im Krieg waren, sind ein bisschen ernster geworden«, sagt Frau Ernst.

Und dann erzählt er, wie das Leben war, als es mehr gab als nur den einen kleinen Kreis. Wie es nach der Spielzeugeisenbahn war. Wie man immer wieder die Weichen für ihn stellte. Wie er einberufen wurde, kaum sechzehn Jahre alt. Wie er in Gefangenschaft geriet, erst bei den Amerikanern, wo »das Essen nicht besonders und auch nicht viel« war, dann bei den Franzosen, in Lothringen, wo sie im Bergwerk arbeiteten, immer unter Tage, bewacht von Soldaten der marokkanischen Fremdenlegion. Immerhin bekamen sie im Stollen die doppelte Ration, »geschmeckt hat es trotzdem nicht.«

Auch für Wolfgangs Vater wurden die Weichen gestellt. Achim, der jüngere Bruder, erzählte, wie sie eines Tages einfach in die Wohnung kamen, die Russen. Die Mutter hatte in der Küche, wo es warm war, zwei Stühle zusammengerückt, damit er sich ein wenig hinlegen und ausruhen konnte. Der Vater war krank gewesen. Da kamen sie herein, er solle sich eine Decke nehmen und mitkommen. Er durfte sich nicht von seinem Sohn verabschieden. Sie haben ihn nie wieder gesehen, nie wieder eine Nachricht von ihm erhalten. Erst, als die DDR schon gar nicht mehr existierte, erfuhren sie, dass er in Sachsenhausen gestorben war. Weil in den Vernichtungslagern der Nazis auch nach dem Krieg noch weiter gestorben wurde. »Nur erzählt das heute niemand.«

Vielleicht ist es wirklich der Krieg gewesen, der ihn etwas schweigsam machte. Vielleicht waren es auch die Jahre danach, als er heimkehrte in die zerstörte Stadt. Als er sich in Kreuzberg anmelden wollte, wo die Großeltern ein Haus besaßen. Aber sie fragten ihn: »Wo wohnen Ihre Eltern?« Die Eltern wohnten in Lichtenberg. »Dann müssen Sie sich auch in Lichtenberg anmelden.« Wieder wurde eine Weiche gestellt. Obwohl er es sich später noch anders hätte überlegen können, denn 1955 verließ die Mutter Lichtenberg und zog nach Kreuzberg, ins Haus ihrer Eltern. Achim ging mit, aber Wolfgang war pragmatisch. Er hatte eine große Vierzimmerwohnung in Lichtenberg, mit Bad und Heizung, und ein Boot in Rahnsdorf, - »zuerst ein Paddelboot, am Ende die Seahorse mit Steuerstand, Kochnische und zwei Kajüten. Die Sozialisten sahen das amerikanische Boot nicht gerne«, aber Familie Ernst schipperte damit später jedes Wochenende in den Garten in Schmöckwitz. »Was sollte ich im Westen? Wenn ich in den Westen wollte, fuhr ich eben mit der Bahn rüber, das kostete 20 Pfennige, hin und her.«

Foto: Privat
Ernst blieb der DDR treu. Er hat es nicht bereut. Nur an diesem Sonntag im August, sechs Jahre später, als sie in ihrem Garten in Schmöckwitz am Küchentisch saßen und das Kofferradio davon berichtete, dass über Nacht die Grenzen nach Westberlin geschlossen worden waren, da fluchte er: »Oh, Scheiße!« Und dann spielten die auch noch den »Schlager von Bill Ramsey mit der großen Mausefalle«. Heute lacht Ernst darüber. Damals war ihm anders zumute. Damals hatte man wieder eine Weiche gestellt.

Aber eigentlich, sagt der Pragmatiker, »ging es uns ja ganz gut in der DDR.« Sogar in Prerow, an der Ostsee, sind sie einmal gewesen, zwei Wochen, er und die Annaliese. »Das war wie ein Sechser im Lotto, eine Urlaubswohnung an der Ostsee.« Es mag sein, dass für manche die DDR ein großes Unglück war, aber Ernst hatte des öfteren Glück im großen Unglück.

Das brauchte man in der DDR. Immer wieder. Auch das Elektro-Apparate-Werk war so ein Glück gewesen. Dass er, der Uhrmacher, dort eine Anstellung fand! »Uhren braucht man immer.«, hatten sie gesagt, also hatte er das Uhrmacherhandwerk gelernt. Hatte ein halbes Jahr Probezeit bei Herfurth in der Irenenstraße bestanden und seine ersten 60 Mark im Monat verdient. »Das reichte nicht mal für´n Päckchen Zigaretten, wir hatten ja immer noch Reichsmark.«

Abends besuchte er die Abendschule und erwarb eines Tages sogar den Status eines Diplomingenieurs. Und das war wieder dieses Glück im Unglück, denn das Uhrmacher-Handwerk hatte keine Zukunft in der DDR, es gab keine Ersatzteile mehr für diese alten »Vorkriegsmodelle«, die Buffetuhren, Standuhren, Pendeluhren. »Wenn da etwas zu ersetzen war, dann mussten wir das an der Drehbank nachbauen. Das dauerte. Oder wir mussten uns die Teile im Westen besorgen. Aber das war natürlich strengstens verboten.«

Der alte Herfurth schickte trotzdem ab und zu seine Lehrlinge zu Furnituren-Flume nach Westberlin, bis einer von ihnen am Potsdamer Platz in eine Kontrolle geriet. »Die haben ihm sofort alles abgenommen und dem Chef den Prozess gemacht.« Der Betrieb mit sieben Uhrmachern und drei Lehrlingen wurde enteignet, der Meister zu »zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Das hat er nicht überlebt. Der ist im Gefängnis gestorben. Auf der Beerdigung waren Hunderte von Menschen, eine richtige Völkerwanderung, und auf dem Grabstein stand nur: Warum

Ernst erzählt schnörkellos. Er ist kein Dramatiker, er hält sich an Fakten. Als er sah, dass das Handwerk keine Zukunft hatte, verließ er den Betrieb. Als Ingenieur stand er dann viele Jahre lang beim EAW am Gleichstromkompensator und überprüfte elektronische Messgeräte. Dort traf er eines Tages Annaliese. Vor 33 Jahren, im Elektro-Apparate-Werk. In der pragmatischen Sprache der Deutschen Demokratischen Republik nannte man die Gründung der Familie Ernst eine »Betriebsehe«. Dabei war Annaliese das größte Glück im Unglück.


Im Elektro Apparate Werk
Foto: Privat
Im Elektro-Apparate-Werk. Ganz links: Wolfgang Ernst



Sie hatten Platz in der Vierzimmerwohnung in Lichtenberg, genug, um hinter einem Vorhang im Flur eine Arbeitsecke einzurichten für den Uhrmacher. Dort reparierte Ernst dann Uhren aus der Nachbarschaft. »Hinter dem Vorhang war es immer am Ticken.«, sagt Annaliese, und so verdienten sie noch ein paar Mark dazu, genug, um die Seahorse mit Kraftstoff zu füttern.

So vergingen die Jahre, bis die Mutter in Kreuzberg krank wurde und der Uhrmacher einen Dauerpassierschein erhielt. Doch das Papier, das so viele seiner Mitbürger glücklich gemacht hätte, bedeutete ihm wenig. »Der Westen, die Geschäfte – ach, naja. Das hat mich nicht so interessiert.« Natürlich hat er seiner Annaliese Pralinen, Strümpfe, Kaffee mitgebracht. Und natürlich hat er seinem Bruder in Kreuzberg mal eine Lokomotive oder einen Anhänger für die Modelleisenbahn geschenkt. So eine Modelleisenbahn, wie er auch einmal eine gehabt hatte. Damals, als die Welt noch ein überschaubarer Kreis gewesen war, mit einer Weiche und einem Abstellgleis und einer Lokomotive von Märklin, deren Motor man aufziehen musste, genau wie ein Uhrwerk. »1937, zu meinem zehnten Geburtstag, wurde die Bahn elektrifiziert. Da bekam ich einen Trafo und eine elektrische Lokomotive.« Achim, der kleine Bruder, war noch zu klein für die Eisenbahn, er saß immer nur daneben und schaute zu, wie die Lok ihre Runden drehte. Bis dann, 1939, jemand eine ganz andere Weiche stellte und der Krieg begann. Und irgendwann, als alles vorbei war, wurde die alte Märklin-Eisenbahn gegen ein paar Brote eingetauscht.

Viele Jahre später fand Wolfgang Ernst auf einem Hängeboden den vergessenen Anhänger einer Modelleisenbahn. Spur H0, sagte Achim, der inzwischen Kinder hatte, die eine Modelleisenbahn besaßen. Und als dann eines Tages die Mauer fiel und Wolfgang Ernst mit seiner Annaliese nach Kreuzberg zog, da dauerte es nicht lange, und es geschah, was der Krieg und die Teilung Deutschlands so viele Jahre erfolgreich verhindert hatten: Die beiden Brüder bauten zusammen eine ganz große Eisenbahn auf. Und so stehen sie da, zwei alte Männer, der eine aus dem Osten, der andere aus dem Westen, vor ihrer intakten Modellwelt mit Bergen, Wiesen, Wäldern und Tieren, mit Signalmasten, Bahnhöfen und Passagieren, die sich auf dem Bahnsteig zum Abschied noch einmal küssen. Sie spielen, aber der Mann am Stellwerk sieht ernst aus. Er weiß: Wenn die Weichen nicht richtig gestellt werden, geschehen Unglücke.

Aber so würde Wolfgang Ernst seine Geschichte nie erzählen. •



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