Kreuzberger Chronik
September 2014 - Ausgabe 162

Geschäfte

Brodowskys Zeiten


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von Erwin Tichatschek

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Nie war Zeit so wertvoll wie heute. Bei Brodowsky am Mehringdamm war sie schon immer wichtig.



Foto: Privatarchiv
Bärbel Eisemann war gerade sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal in dem Laden mit den großen Pendeluhren stand. Sie wartete auf Ingrid, die Tochter des Ladenbesitzers, und betrachtete ehrfürchtig die großen, silbernen Räder an dem gewaltigen Tresor. Die Uhrmacher mussten sehr reiche Leute sein.

Hinten in der Werkstatt, vier Stufen hoch, saß der Herr Zehnpfennig, der Uhrmacher. Er saß jeden Tag dort oben, klemmte sich die Lupe vors Auge, tauschte die winzigen Federn aus, ölte Zahnrädchen, reinigte Pendel und Schlagwerke alter Buffetuhren. In dem Zimmer daneben saß Frau Brodowsky und beobachtete durch ein kleines Fenster mit Argusaugen die Geschehnisse im Laden. »Frau Brodowsky war am beeindruckendsten. Noch viel beeindruckender als dieser Tresor«.

Der Herr Zehnpfennig ist nicht mehr da, und der alte Brodowsy, der das Geschäft 1921 eröffnete, auch nicht mehr. Aber der Tresor der Panzer Aktiengesellschaft steht noch unverrückt an derselben Stelle. Er ist schlicht zu schwer, um die Position zu wechseln, ansonsten hätten die neuen Geschäftsführer den Kasten mit seinen sieben stählernen Riegeln vielleicht schon entsorgt. Denn eigentlich »ist er ja etwas überdimensioniert für unsere Preislagen.«

Auch die Schaufenster und die Vitrinen sehen noch aus wie in den Fünfzigerjahren. Selbst die Armbanduhren mit ihren runden oder viereckigen Gläsern, mit ihren Armbändern aus Krokodilleder oder glänzendem Metall, die klobigen Chronometer, die zusammenklappbaren Reisewecker, die großen schwarz-weißen Küchenuhren für die Hausfrau, und die Taschenuhren mit den Gravuren auf ihren silbernen Deckeln – sie alle könnten noch aus den Siebzigern, den Fünfzigern oder sogar den goldenen Zwanzigern kommen, als die Herren ihre Uhren noch in der Westentasche trugen. Auch wenn die Uhren stets mit der Zeit gingen: sie selbst haben sich nie den modischen Strömungen unterworfen, haben dem Lauf der Zeit erfolgreich getrotzt.

In ihrem Innersten aber haben sich die Uhren doch sehr verändert, seit Bärbel Eisemann im Laden stand. Es schlägt ein anderes Herz in ihnen als damals: ein Herz aus Quarz. Es ist keine Unruhe mehr, die den Stillstand verhindert, keine Feder, kein Pendel, sondern es ist ein elektronischer Schrittmacher, ein winziger, unsichtbarer Stromstoß, der den Lauf der Zeit vorantreibt. »Die Batterie«, sagt Herr Krahn, der die Geschäfte heute führt, »hat Vorteile. Sie liefert eine schnelle Zeit«. Man muss sie nicht aufziehen, nicht nachstellen, man »schaut auf die Uhr und hat die Zeit.« Es sei denn, die Batterie ist leer.

Dann hilft auch das Drehen am Rädchen nicht mehr, auf das auch batteriebetriebene Uhren aus nostalgischen Gefühlen nicht verzichten möchten. Aber natürlich gibt es in einem so alten Uhrengeschäft auch noch Uhren mit mechanischen Uhrwerken. »Das ist eine Preisfrage.« Uhren mit der alten Technik sind teurer als die neuen, »das versteht sich von selbst.« Dafür lassen sie sich aber auch immer wieder reparieren. Viele Jahre lang machte das der Uhrmacher Zehnpfennig, der noch beim alten Brodowsky gelernt hatte. Doch 1996 legte er die Werkzeuge aus der Hand, und jetzt nimmt sich eine Frau der alten Uhren an. Mit der gleichen Professionalität und der gleichen Liebe zum Detail wie ihr Vorgänger. Wenn der Aufhänger eines Pendels gebrochen ist, lässt sie sich die Uhr kurz beschreiben, und schon zieht sie einen Ersatz aus der Schublade.

Foto: Privatarchiv




Foto: Dieter Peters




Foto: Privatarchiv


»Wenn der nicht passen sollte, dann kommen Sie noch mal her.« Aber im Grunde ist sie sicher, dass er passt.

Auch der Herr Krahn, der die einfachen Reparaturen übernimmt, beugt sich mit der Gewissenhaftigkeit eines Chirurgen über die Armbanduhr, die ein eiliger Herr auf den Ladentisch legt:

»Können Sie mir helfen?« Krahn zieht seine Stirn in Falten – »Jaa – ähemmm- « inspiziert den Verschluss des Armbandes, »also, najaa – hmm…«, schaut dann endlich auf und sagt: »Es könnte sein, dass wir noch etwas finden in unseren Schubladen. Sonst muss ich das bestellen.«

»Wie lange?«, fragt der Kunde und wippt mit dem Fuß. »Das dauert in der Regel so drei bis vier Tage.« – Der Fuß wippt immer schneller. »Und wie lange dauert das Nachschauen?« – »Kommen Sie doch in einer halben Stunde noch mal vorbei.«

Der Kunde schaut auf eine der vielen Uhren, die an den Wänden hängen, in den Vitrinen liegen, in den Regalen stehen. Alle großen Zeiger stehen auf der gleichen Position, zeigen scheinbar die gleiche Zeit: 14 Uhr 21. Die kleinen Zeiger aber drehen ihre eigenen Kreise, und einige von ihnen gehen exakt eine Stunde nach, sind in der Winterzeit stecken geblieben. Es ist eine dieser Uhren, die der eilige Kunde sich in auswählt, als er sagt: »Ich komme um Zwei.« In der Hoffnung, eine Stunde gewonnen zu haben.

Nie waren Uhren, nie war Zeit so wichtig wie heute, waren Stunden so viel wert. Immer öfter geht es um Sekunden. Und obwohl die Zeit heute auf jedem Handy, jedem Fotoapparat, auf jedem Computer abzulesen ist, sind die Armbanduhren nicht aus der Mode gekommen. Denn nichts ist so schnell wie ein Blick aufs Handgelenk. •






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