Kreuzberger Chronik
Mai 2014 - Ausgabe 158

Strassen, Häuser, Höfe

Die Fanz Klühs Straße


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von Werner von Westhafen

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Franz Klühs haben die Sozialdemokraten fast vergessen. Ebenso wie das Konzentrationaslager am Tempelhofer Feld.



Foto: Rathausarchiv Berlin-Charlottenburg
Es ist eine rostige, unscheinbare, leicht übersehbare Skulptur aus Eisen, die an das einstige Konzentrationslager am Columbiadamm erinnern soll. Dass auch hier, unweit des Flughafens und mitten in der Stadt, Menschen durch Gewalt und Folter ihr Leben verloren, und dass auch hier kaum jemand es bemerkt haben will, ist bis heute unglaubhaft.

Doch hier kamen Menschen ums Leben. Einer von jenen, die an den Spätfolgen des Terrors am Columbiadamm starben, und die beinah ebenso vergessen wurden wie das KZ am Columbiadamm, war ein Redakteur der sozialdemokratischen Zeitschrift »Vorwärts«. Als das journalistische Parteiorgan von den Nationalsozialisten 1933 konfisziert wurde, gerieten die Redakteure ins Visier der Gestapo, unter ihnen auch Franz Klühs, der stellvertretende Chefredakteur. Die neuen Machthaber hatten erfahren, dass Klühs Verbindungen zu den ins Exil geflüchteten SPD-Funktionären pflegte, geheime Zusammenkünfte der Parteimitglieder in Prag organisierte und dem illegalen Bundesvorstand der Partei angehörte. Mehrere Wochen lang haben sie den überzeugten Sozialdemokraten verhört und gefoltert und ihn aus seiner Zelle im Keller ins gefürchtete »Vernehmungszimmer« geführt, wo zur Dekoration an der Wand die Ochsenpeitschen hingen, an denen noch »getrocknetes Blut und Haare klebten«, wie es später einer der Häftlinge beschreibt.

Als Klühs nach einem Jahr in verschiedenen Gefängnissen der Prozess wegen Hochverrats gemacht wird, berichten deutsche Medien kaum darüber. In einer holländischen Tageszeitung aber erscheint ein Artikel, in dem die Verhandlung ausführlich beschrieben wird. Dem Bericht ist zu entnehmen, dass Klühs unter dem Druck der Folter ein Geständnis abgelegt hatte, doch vor Gericht widerrief und mit noch ungebrochener und beieindruckend lauter Stimme sagte, »dass seine Erklärungen, abgelegt vor der Geheimen Staatspolizei und im Columbia-Haus, nichts bedeuten könnten, da sie abgelegt worden seien unter geistigem und vor allem auch körperlichem Druck, über dessen Einzelheiten er hier lieber nicht sprechen wolle...«

Franz Klühs, der Sohn eines Landbriefträgers in Neuenkirchen, einem Dörfchen auf der ruhigen, kaum besiedelten Insel Rügen, ist zu diesem Zeitpunkt 59 Jahre alt. Mit Geduld und Fleiß hat er sich allmählich hochgearbeitet bis an die Spitze der SPD, an die Spitze der Redaktion des »Vorwärts«, und bis an die Spitze der Widerständler gegen den Naziterror. Schon als 18jähriger war er begeistert der SPD beigetreten, aus Überzeugung hatte er das Druckerhandwerk gelernt und seine Dienste der Arbeiterpresse und den Parteiorganen der Sozialdemokraten angeboten. Aus Überzeugung schrieb und veröffentlichte der Schriftsetzer ein Buch mit dem Titel »Terror«, in dem er die Hetze des Kaiserreichs gegen die Sozialdemokratie beschreibt. Mehrmals steht er wegen seiner kritischen Haltung vor Gericht, mehrmals geht er für seine Haltung ins Gefängnis.

Die Hartnäckigkeit, mit der Klühs an seinen Überzeugungen festhält, ist der Grundstein seiner beruflichen und politischen Karriere. Schon mit 23 ist der junge Mann vom Maschinenraum in die Redaktion der Volkswacht in Breslau aufgestiegen, mit 30 ist er Redakteur bei der Magdeburger Volksstimme, Anfang der legendären 20er Jahre kommt er nach Berlin. Der Vorwärts erkennt, welche Talente im braven Sohn des Briefträgers aus Rügen schlummerten, und beruft ihn schon bald in die Chefredaktion.

In den folgenden Jahren verfasst er unter anderem die erste umfassende Biografie von August Bebel - neben so prominenten Gestalten wie Karl Marx, Karl Liebknecht und Ferdinand Lassalle eines der Gündungsmitglieder der Sozialdemokratischen Partei. 1929 schreibt er die Geschichte über »Das Werden und Wachsen der Sozialdemokratie«, 1930 folgt »Der Aufstieg«, eine »Führung durch die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.« Als stellvertretender Chefredakteur in der Redaktion des Vorwärts am Halleschen Tor schreibt er zahlreiche engagierte Artikel, auch gegen die drohende Herrschaft der Nationalsozialisten. Als sie an die Macht kommen und der Vorwärts auf den Index gerät, ist nicht nur der Aufstieg der Arbeiterbewegung, sondern auch der unaufhaltsame Aufstieg des Franz Klühs von einem Tag auf den anderen beendet.

Foto: Dieter Peters
Um zu überleben, eröffnet Klühs mit seiner Frau in seinem Wohnhaus in Tempelhof am Kaiserkorso eine Leihbibliothek. Sie wird schon bald zum geheimen Treffpunkt der Sozialdemokraten und gerät ins Visier der Geheimen Staatspolizei, doch trotz ständiger Repressalien und einer dauerhaften Observierung entscheidet sich Klühs, in Berlin zu bleiben. Nur zu den Treffen der Parteiführung reist er ins Exil. So auch om Sommer des Jahres 1833. Als er am 16. August aus Prag zurückkommt, greift die Gestapo zu.

Nach fast einem Jahr in Haft wird ihm am 20. Juni 1934 in Leipzig der Prozess gemacht. Die Anklage: »Vorbereitung zum Hochverrat« und »Verstoß gegen das Gesetz über die Neubildung von Parteien«. Klühs ist von Verhören und Misshandlungen stark gezeichnet, aber er widerruft seine im KZ gemachten Aussagen und bekennt sich zu seiner sozialdemokratischen Überzeugung. Die Amsterdamer Zeitung schrieb: »Klühs machte vor Gericht als sozialistischer Kämpfer einen prächtigen Eindruck. Er erklärte, dass er seit vielen Jahrzehnten Sozialdemokrat sei und seine Überzeugung nicht geändert habe.«

Klühs wird zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Im Sommer 1836 wird er entlassen, doch von den langen Tagen im KZ am Columbiadamm erholte er sich nie wieder. Als man Franz Klühs am 12. Februar 1938 zu Grabe trug, folgten, neugierig beäugt von den Spitzeln der Nationalsozialisten, einige hundert Unerschrockene dem Trauerzug des Antifaschisten, und im Jahre 1971 erinnerten sich auch die Berliner Nachkriegs-Sozialdemokraten an den ehemaligen Genossen und benannten eine kleine Kreuzberger Straße in der Nähe der Vorwärts-Redaktion nach ihm. •

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