Kreuzberger Chronik
Mai 2014 - Ausgabe 158

Open Page

Det is meen Berlin (Teil 2)


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von Astrid Osterland

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Es gab keinen Zweifel: Mein Computer mit allen meinen Geheimnissen war in fremden Händen. Mein einziger Trost: Der Dieb konnte mit den Geheimnissen nichts anfangen, da er mich nicht kannte. Doch eines Abends klingelte das Telefon, eine Männerstimme fragte, ob ich Frau Osterland sei. Ich blaffte auf Berlinerisch, weshalb er das wissen wolle, und er sagte: »Ich glaube, ich habe Ihren Laptop«.

Schlagartig wurde meine Stimme butterweich. Ich fragte, woher er das wisse. Er wies auf die vielen Briefe im Speicher hin. Da sei ihm klar geworden, dass dieser Computer, den er für seine Tochter gekauft habe, nicht zufällig auf dem Flohmarkt gelandet sei. Die Vorstellung, womit seine Tochter beim Blick in die Intimwelt meines Computers konfrontiert worden war, verstärkte den Wunsch, meine Kiste so schnell wie möglich wieder zurück zu bekommen. Es wurde ein »Finderlohn« und der Termin für die Übergabe vereinbart. Wer aber nicht kam, war mein »ehrlicher Finder«.

Eine Stunde später erreichte mich stattdessen ein Anruf. Er entschuldigte sich, ein Pedal seines Fahrrades sei abgefallen. Als ich ihm noch einmal den Weg erklärte, winkte er ab: Er wisse schon, wo mein Haus liege. - Aha! Sollte mein »ehrlicher Finder« Räuber und Engel in Personalunion sein? Oder hatte er einfach gegoogelt? Mir schwanten neue Untiefen dieses schrecklichen Ereignisses.

Mitbewohnerin Ursula war dabei, als endlich die Übergabe stattfand, Finderlohn und PC die jeweiligen Besitzer wechseln sollten. Der »Engel« begann mit der Feststellung, dass er nun ja eine Menge aus meinem Leben wisse, und das sei ja »außerordentlich interessant«.

Auf diese Bestätigung aus diesem Munde hatte ich wahrlich nicht gewartet. Ich dachte nur noch eines: Ich kriege meine Kiste wieder, er kriegt das Geld. Und danach vergessen wir beide, dass wir uns jemals begegnet sind.

»Denkste Puppe«, würde die Berlinerin sagen, wenn sie wüsste, was eine Woche später auf dem nahe gelegenen »Türkenmarkt« geschah. Da tippte nämlich jemand auf meine Schulter, und als ich mich umdrehte, sah ich in die Augen meines »ehrlichen Räubers«, der mich grinsend mit den Worten begrüßte »So sieht man sich wieder«.

Vor lauter Schrecken fehlten mir die Worte, aber sie wären sicher kein Nachweis meiner Höflichkeit gewesen. So verschwand ich wortlos in der Menge auf Nimmerwiedersehen. Hoffentlich!

Inzwischen habe ich meinen Vorgarten eingezäunt. Das hat mich allerdings nicht davor bewahrt, dass ein Jahr später bei mir eingebrochen wurde, dieses Mal allerdings durch die Haustür. Aber so isset nu mal, meen Berlin.•

Die »Open Page« ist eine journalistisch-literarische »Open Stage«. Hier ist Platz für Texte von Lesern, die nicht ins Konzept passen, die wir Ihnen aber dennoch nicht vorenthalten möchten.


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