Kreuzberger Chronik
Mai 2014 - Ausgabe 158

Kanzlei Hilfreich

Die Sache mit den Kachelöfen


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von Kajo Frings

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Der Münchner Anwalt Jens Hilfreich erlebt den ersten Winter in Berlin. In einem Viertel, in dem noch Kachelöfen rauchen.

Jens Hilfreich fand eine neue Wohnung am Chamissoplatz. Doch die Sache hatte mehrere Haken: Zum einen kamen jeden Morgen um 6 die Arbeiter, um an der Fassade zu arbeiten. Zum anderen war die eigentliche Mieterin ausgezogen, was der Vermieter aber nicht wissen durfte, da sie auf einen »Abstand« spekulierte. Dass sie untervermietete, war ebenso geheim. Und deshalb musste Jens Hilfreich jeden Morgen um 6 Uhr ins Büro fahren und den Kachelofen anheizen. Erst gegen 11 Uhr wurde es behaglicher.

Nach getaner Arbeit kehrte er auf seiner allabendlichen Suche nach einer Frühstückspartnerin ins neu eröffnete Restaurant Riehmers, wo er eines Abends Heike traf, die gerade ihre Koffer packte, um für 6 Monate nach Goa auszuwandern. Sie überließ ihm für die Zeit ihrer Abwesenheit das WG -Zimmer in dem Vertrauen, dass man sich bei einem Rechtsanwalt als Untermieter keine Sorgen machen müsse. Also zog Hilfreich für 6 Monate in die Yorckstraße. Dort gab es jedoch gleich drei Kachelöfen, der Winter nahte und Heizmaterial war teuer.

Doch in der WG wusste man sich zu helfen: Man mietete einen Pritschenwagen, fuhr nachts auf eine Baustelle, lud möglichst zügig die Bohlen auf den LKW, lud zu Hause ab und brachte den Pritschenwagen zurück. Der Jurist fragte seine WG-Genossen: Muss denn der Fahrer nicht Ausweis und Führerschein bei dem Vermieter vorlegen? Selbstverständlich. Und wenn einer mal das Kennzeichen notiert? Mit der blauen Robbe auf der weißen Plane war das Fahrzeug auch eindeutig dem Vermieter zuzuordnen.

Und da kam Lydia von der Autovermietung ins Spiel. Lydia war kurzsichtig, hatte eine Konkaktlinsenallergie und hing dem Irrglauben an, ohne Brille besser auszusehen. Wahrscheinlich hätte sie mit Brille nicht besser, aber immerhin intelligenter ausgesehen. Egal: Die Holzbeschaffung jedenfalls fand immer in jenen Nächten statt, in denen Lydia Spätschicht hatte. Ihr konnte man problemlos jeden Namen und jede Führerscheinnummer in den Block diktieren, ohne dass sie diese mit den vorgelegten Dokumenten vergleichen konnte. Auch wenn sie stets so tat als ob. Für den Fall, dass die Täter jedoch auf frischer Tat ertappt würden, stand der Anwalt Jens Hilfreich an besagten Abenden abrufbereit an der Theke im Riehmers, um notfalls als Verteidiger tätig zu werden.

Jens Hilfreich selbst heizte vorsichsthalber mit gegen Quittung erkauften Briketts. Jedenfalls seit dem Zeitpunkt, als sein Zimmernachbar Alex einfach eine ganze Bohle in die Tür des Kachelofens gesteckt und alle 2 Stunden nachgeschoben hatte. Die Schamottsteine überhitzten und platzten, und die schönen Kacheln zerschellten am Boden. Jens konnte seinen Mitbewohner nur noch zu einer erfolgreichen Klage gegen die Haftpflichtversicherung überreden.

Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte.•

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