Kreuzberger Chronik
Mai 2014 - Ausgabe 158

Geschäfte

BagAge


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von Hans W. Korfmann

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Dietmar Kirchhoff ist ein Berliner: Er stand auf dem Flohmarkt, studierte und fuhr Taxi. Jetzt verkauft er Taschen.

Englische Namen über Geschäften in der Bergmannstraße sind keine Seltenheit. Seit Immobilienhändler die Quadratmeter im Bergmannkiez international vermarkten und Mieter und Geschäftsleute aus aller Welt sich in Kreuzberg häuslich einrichten, wirkt der Gebrauch des Englischen durchaus fremdenfreundlich. Auch wenn die Werbeagenturen sich des Englischen nur bedienten, weil es sich gut verkaufen ließ.

Damals aber, als BagAge eröffnete, war Englisch noch etwas Außergewöhnliches, und nicht alle verstanden, warum das »A« in der Mitte des Wortes plötzlich groß geschrieben wurde. Den betagten Kreuzbergerinnen, die damals mit ihren Einkaufstaschen noch wegen 50 Gramm Fleischwurst und zwei Scheiben Emmentaler zum kleinen Edeka in der Bergmannstraße liefen, erschloss sich das Wortspiel zwischen dem anbrechenden »Rucksackzeitalter« und der herumlungernden »Bagage« nie.

Heute verstehen es sogar die Kinder. »Kürzlich«, erzählt Dietmar Kirchhoff »war eine gleichnamige Kita beim mir im Laden.« Die minderjährige Bagage war aus Freiburg angereist, nur um sich anzusehen, was in dieser Bergmannstraße eigentlich für eine Bagage wohnte. Dabei hatte Dietmar seinem Freund von der Werbeagentur nur gesagt: »Such mir mal einen Namen, der am Anfang des Alphabets steht. Damit wir ganz am Anfang stehen, wenn Leute auf der Suche nach Taschen und Rucksäcken im Branchenbuch blättern.«

Niemand, auch nicht der Freund von der Werbeagentur, ahnte vor zwanzig Jahren, dass das »B« am Anfang eines Namens in Google- Zeiten einmal noch viel bedeutender sein würde. Heute werden Touristen aus aller Welt per Smartphone direkt in den Laden geschleust. Die Zeiten, als Dietmar Kirchhoff seinen Laden am Samstagnachmittag abschließen und Feierabend machen konnte, um dann in aller Ruhe noch das Abendessen für sich und seine Frau vorzubereiten, sind endgültig vorbei. Spätestens, seit die Ladenöffnungszeiten in der Bergmannstraße für einige Geschäfte bis in die Nacht hinein verlängert wurden, hat auch BagAge bis zum Abend geöffnet.

Wahrscheinlich ahnte nicht einmal Dietmar Kirchhoff, dass tatsächlich so etwas wie das Rucksackzeitalter anbrach. Dass tatsächlich schon bald auch Manager und Politiker mit Rucksäcken auf dem Rücken herumliefen. Es war ein Zufall, ein Freund gewesen, der eines Tages fragte, ob er nicht Ledertaschen auf dem Kunstmarkt am 17. Juni verkaufen wollte. Und weil der Islamistikstudent Dietmar das ewige Taxifahren allmählich leid war, sagte er zu. Und weil das Geschäft mit den Ledertaschen so gut lief, mietete er in der Bergmannstraße Nummer 13 einen Laden an. Zuerst verkaufte er nur Leder. Er hatte schließlich nicht umsonst jahrelang in Tunis, Kairo und Damaskus studiert. Er war nicht Tausende von Kilometern bis nach Kabul getrampt und in eine Welt eingetaucht, in der die Sattelstaschen noch an Pferden und Kamelen hingen, nur um am Ende Plastiktaschen zu verkaufen. Wenn Kirchhoff mit Ali Hassan 1994 BagAge gründete, dann nicht, um Geld damit zu verdienen, sondern aus Überzeugung.

»Irgendwann gab es dann eine kleine Ecke mit Plastik.« Aber die breitete sich immer weiter aus, und heute ist die kleine Ecke die Leder-ecke. »Entschuldigung...«, sagte ein Motorradfahrer, der mit Sturzhelm, Lederjacke und Jeans plötzlich vor der Theke steht. »Ich habe da einen kleinen Schaden. Ich hab hier vor ein paar Jahren eine Tasche gekauft, und der Verschluss...« Der Mann braucht gar nicht weiter zu reden, längst hat Dietmar Kirchhoff eine Schublade unter der Theke aufgezogen und ein neues Schloss auf den Tisch gelegt. Kurz darauf kommt eine Frau, deren Kofferrollen nicht mehr so richtig rollen wollen. Sie hat kaum zuende gesprochen, da sagt Kirchhoff: »Kann ich bestellen, 26 Euro das Paar. Können Sie Mittwoch abholen.«

Kirchhoff hat jahrelang studiert, ist Taxi gefahren, hat auf dem Flohmarkt gestanden und ist bis nach Afghanistan getrampt. Und er verkauft seit 20 Jahren Taschen. Er kennt sich aus. Nur einer in der Straße versteht so viel von Taschen wie er: Georg. Georg Komsthoeft. Oft saßen die Beiden zusammen hinter der Ladentheke, ein ungleiches Paar: Der eine schnell und ein bisschen unruhig, der andere ruhig und langsam, eine Gestalt wie Gandhi. Die Beiden schienen ein schier unzertrennliches Geschäftspaar zu sein. Doch 2012, nach fast zehn Jahren gemeinsamer Arbeit hinter der Ladentheke, kehrte der Ruhige zurück in die alte Heimat. Das war ein Einschnitt.


Foto: Cornelia Schmidt
Doch sonst ist Dietmar »ganz happy« mit dem Laden. Das »B« am Anfang des Alphabets war ein Glück. Auch wenn das »B« manchmal Nur das Internetproblem bereitet ihm manchmal Sorge. Wenn die Leute reinkommen und fragen und fragen und am Ende sagen: »Das ist genau meine Tasche! Wie heißt die jetzt?« Dann weiß der Taschenverkäufer, dass sie jetzt gleich den Laden verlassen werden, um sich dieselbe Tasche im Internet zu kaufen, weil es da fünf Euro günstiger ist.

Aber es kann auch passieren, dass eine Frau hereinkommt, nur um dem freundlichen Taschen- und Rucksackverkäufer mitzuteilen, dass die lederne Handtasche, die sie vor einiger Zeit bei BagAge gekauft hat, »komplett auseinanderzunehmen und neu zusammenzubauen ist.« Natürlich weiß Dietmar Kirchhoff das längst. Es gibt eigentlich nichts, was Dietmar Kirchhoff nicht weiß. Egal, ob es ums Taxifahren, den Islam, Kabul, die Bergmannstraße, den Flohmarkt am 17. Juni, oder etwa um Taschen und Rucksäcke geht. •







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