Kreuzberger Chronik
Juni 2014 - Ausgabe 159

Kanzlei Hilfreich

Die Sache mit dem Zahn


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich verbrachte die Abende gerne im Riehmers - in den letzten 80er Jahren des letzten Jahrtausends ein angenehmer Ort mit einer kleinen Tanzfläche, ein paar Tischen und einem Tresen, an dem sich Studenten, Referendare, Doktoranden und junge Berufstätige zwischen Zwanzig und Vierzig trafen. Juristen, Soziologen, Mediziner, dazwischen Sekretärinnen, Renos, MTAs, Krankenschwestern, die das wissenschaftliche Mittelmaß aus SW 61 nicht gerade anhimmelten, aber doch zu ihm aufschauten.

Und dann die Wissens-Schnorrer. Hans Landwehr, gerade bei Schering auf dem Weg zum Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, traf es am zweithäufigsten: »Du, ich hätte da mal ne Frage. Ich hab da so’n Ausfluss ...meinst du das könnte?« Hans erwiderte immer ungerührt: »Kann ich so nicht sagen, lass mal sehn«. »Wie hier, am Tresen?« »Na, du hast mich doch auch hier am Tresen gefragt.« Damit war für Hans das Thema durch. Jens Hilfreich hatte es da schon schwieriger. Aus irgendeinem Grunde galten Juristen als Mitglieder einer Berufsgruppe, die nach Feierabend kostenlos arbeitet. Wenn sein Tresennachbar mit den Worten begann: »Jens, du bist doch der Anwalt…«, fiel ihm Jens möglichst schnell ins Wort und beendete den Satz mit: »der von 9 bis 19 Uhr Sprechstunde hat«. Aber es half nichts. Die nächste Frage kam postwendend. Ausweichende Antworten verschlimmerten die Sache noch. Wenn Hilfreich sagte, dass er »ohne Unterlagen überhaupt nichts« machen könne, dann führte das bestenfalls dazu, dass der Klient erst am nächsten Abend mit drei Aktenordnern neben ihm stand. Wenn er nicht gleich losstürmte.

Ab und zu aber gab es Fragen, die in einen tief schürfenden rechtlichen Diskurs mündeten: Tomtom, der einzige Vertreter des kämpfenden Proletariats im Riehmers, kam eines Abends gerade aus dem »Urban«, den rechten Arm in einer schwarzen Schlinge. Nein, nichts gebrochen, auch keine schwere Blutvergiftung, nur nen Zahn gezogen. - »Häh?« - Das war so was von Pech! Also: Klaus hatte was Blödes gesagt über Ines. Ines war die Schwarzhaarige, die immer um Tomtom rumturtelte, aber jeden Abend mit einem anderen abzog, der ihr mehr versprach als nur einen Joint. Tomtom also hatte Klaus eins in die Fresse gehauen und bekam nicht mit, dass Klaus einen Schneidezahn in Tomtoms Unterarm stecken lässt. Und dann kam sie auch schon, die Rechtsauskunfts-Schnorrer-Frage: »Sag mal, du bist doch Anwalt, meinste, ich hätt da ne Chance auf Schmerzensgeld?«

Es wurde hell. Die Tresenjuristen diskutierten immer noch darüber, ob das Steckenlassen eines Zahnes im Unterarm eines Angreifers nun unter »Notwehrexzess« fällt oder nicht. Unausgeschlafen und ungeduscht ging Hilfreich am nächsten Morgen in sein Büro. Und Gloria Gaynor sang: »I will survive«, damals in den 80ern in Kreuzberg. •


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