Kreuzberger Chronik
September 2013 - Ausgabe 151

Geschäfte

Von Urnen und Särgen


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von Werner von Westhafen

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Manche Menschen glauben, Bestatter trügen Grabesmienen. Karsten Fromberg aber ist ein sehr lebenslustiger Mensch.




Den Bestattungsunternehmen geht es nicht gut. Nicht nur, dass sie ständig vor der Schattenseite des Lebens stehen, es wird auch viel zu wenig gestorben, als dass sie noch gut davon leben könnten. »Es gab früher hier in der unmittelbaren Nachbarschaft fünf Bestatter. Jetzt sind wir nur noch drei.«

Foto: Privatarchiv
Der Gründer: Hugo GrüningDoch Herr Fromberg ist zufrieden, und Herr Fromberg erzählt gerne. Von seiner Mutter zum Beispiel, der Urenkelin des Tischlermeisters und Bestatters Hugo Grüning, der schon 1875 Särge zusammenzimmerte, und der später in und um Kreuzberg herum 6 Bestattungsinstitute, eine Tischlerei am Johannistisch und eine Kutsche mit Pferd sein eigen nennen konnte. Den Nachfahren gehört heute ein stattliches Haus. Herr Fromberg, der mit seinem himmelblauen Hemd und der bunten Krawatte so bequem im Sessel sitzt, kann über das berühmte »Sommerloch« seiner Kollegen nicht klagen. »Die Miete kommt immer rein, im Sommer wie im Winter.«

Dennoch ist Karsten Fromberg - »nur mit einem »m«! Ganz so fromm bin ich nicht!« - Bestatter mit Leib und Seele. Er ist, genau wie seine Mutter, zwischen Särgen und Urnen groß geworden. Die Lehre in der Bank gefiel ihm nicht. Als er miterlebte, wie profitgierig die Geldinstitute beim Vergeben von Krediten vorgingen und wie skrupellos sie Privatkunden und Kleinunternehmer ins Verderben laufen ließen, war für ihn klar, dass er nicht bei einer Bank arbeiten würde. Eines Tages übernahm er die Geschäfte seiner Mutter.

Foto: Dieter Peters
Der Erbe: Karsten FrombergJetzt sitzt er vor dem Aquarium mit den kleinen Fischen, die vor einem versunkenen Schiffswrack umherschwimmen– »man kann ja als Bestatter schlecht einen Totenkopf dort einpflanzen...« – sinniert über Leben und Tod, plaudert unterhaltsam über die Trennung der orthodoxen und der christlichen Kirche im alten Rom, doziert über die Bestattungsrituale der Muslims, schwärmt von der besten Pizza Kreuzbergs oder des klimatischen Nutzens des Tempelhofer Feldes. »Die ganze Kaltluft vom Flughafen kommt über die Lilienthaltstraße und die Körtestraße genau bis zu uns.«

Fromberg erzählt gerne. Anekdoten zum Beispiel. Anekdoten, wie sie nur Bestatter erzählen können. Von dem aufgeregten Anruf der Polizei aus Pankow, die in einer Gartenkolonie einen Toten aufgefunden hatte. Wie sie bis ans Ende der Stadt fuhren, die Straßen wurden immer kleiner, die Laternen verschwanden, »nur ab und zu trat der Mond hinter den dunklen Wolken hervor und warf Licht auf eine Landschaft, von der man nicht mehr glaubte, sie gehöre zu Berlin.« Nach über einer Stunde des Umherirrens auf kleinen, namenlosen Wegen wollten sie umkehren. Da kam ihnen die Polizeistreife entgegen: »Na endlich, wir dachten schon, ihr kommt gar nicht mehr.« Sie folgten der Streife durch die menschenleere Mondnacht, bis plötzlich lautes Gelächter herüberdrang. »Was ist denn das?«, fragte Fromberg. »Die trinken gerade die Alkoholvorräte des Toten weg, weil er die ja nicht mehr braucht.«, sagte der Polizist. Alle in der Hütte waren betrunken, und auf dem Bett lag ein riesiger, 130 Kilo schwerer Tätowierter mit Goldkettchen. »Den kriegen wir hier nicht raus«, sagte Fromberg. »Werft ihn doch einfach über den Zaun. Da hinten ist schon Brandenburg. Dann müssen die sich kümmern!«, meinte ein ortskundiger Schrebergärtner. Aber Fromberg erhob Einspruch, zu sechst machten sie sich auf den Weg zurück in die Stadt. Eine junge Frau torkelte voran, vier Männer trugen die Bahre, und Fromberg bemerkte, dass auch die beiden Polizisten während des Wartens nicht untätig gewesen und nicht mehr nüchtern waren. Es dauerte nur wenige Schritte, und der Tote fiel herunter. Sie legten ihn zurück auf die Bahre und trugen ihn ohne weitere Zwischenfälle bis zu der kleinen Brücke. »Vorsicht, hier ist der Bach!«, rief die junge Frau an der Spitze des Trauerzuges, aber da stand einer der beiden Polizisten auch schon im Wasser. Es dauerte Stunden, bis die Bestatter endlich auf dem alten Luisenstädtischen Friedhof ankamen.

Es gibt noch eine andere Anekdote im Repertoire des Bestatters, in der zwei Polizisten die Hauptrolle spielen. Sie kamen eines Tages in den Laden, »das war dann wie Tatort Kreuzberg«, und erklärten mit todernster Miene, sie müssten etwas beschlagnahmen. Fromberg ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, bot den Polizisten einen Platz auf dem Sofa an und fragte, worum es ginge. Es ging um die Leiche einer 95jährigen Frau, die tags zuvor in ihrer Wohnung verstorben war. Ob es ihm denn nicht komisch vorgekommen sei, dass der Arzt, der den Totenschein ausgestellt hatte, ganz allein mit der Toten im Zimmer gewesen sei. Der Herr Fromberg klärte die Beamten über das Bestattungsgesetz des Landes Berlin auf, doch die Kriminalisten waren sich sicher, einem Mord auf der Spur zu sein. Fromberg sagte, er sei eigentlich verpflichtet, die Leiche ins Krematorium zu bringen. »Aber wenn sie freundlich Bitte sagen, werde ich sehen, was ich für Sie tun kann.«

Man wurde handelseinig. Anderntags erschienen zwei Gerichtsmediziner vor der Kapelle des Luisenstädtischen Friedhofs, um gemeinsam mit dem Herrn Fromberg in den Leichenkeller zu steigen, wo die alte Frau aufgebahrt war. Sie war – wie die Obduktion ergab, eines natürlichen Todes gestorben.

Gemütlich sitzt Fromberg in seinem Sessel, nur die Pfeife fehlt in seiner Hand. Und wenn nicht ab und zu seine Mutter mit einer frischen Tasse Kaffee aus der Beletage mit dem schönen Erkerzimmer herunterkäme, und wenn jetzt das Mondlicht durchs Fenster fiele, dann könnte man ihn für einen Erzähler wie Edgar Allan Poe halten, der zwielichtige Geschichten vom Leben und vom Tod erzählt. •







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