Kreuzberger Chronik
Juni 2013 - Ausgabe 148

Cornelia Schmidt Kreuzberger
Siegfried Hölzel

Ich habe mich oft gefragt, warum ich nicht geblieben bin.


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Cornelia Schmidt

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Nomen, sagt man, est omen. Vielleicht war es tatsächlich der Name, der einen so stämmigen, bodenständigen, knorrigen Mann aus ihm gemacht hat. Siegfried Hölzel ist aus einem Holz geschnitzt, schnörkellos und ungekünstelt. Ein Mann, der nicht viele Worte macht – obwohl er beim Erzählen schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt.

Denn wenn Hölzel unter seinem blühenden Apfelbaum steht und die jungen Triebe des Edelreises begutachtet, die er gleich mehrfach an den Stamm gesetzt hat, und wenn er seinen Besuchern die Blüten seines Kirschbaumes zeigt und seine schwere Hand dabei zärtlich über die Äste streichelt, dann kann er gar nicht mehr aufhören mit dem Erzählen. Der Garten ist sein kleines Paradies, ein Paradies mit blühenden Bäumen und Obststräuchern. In einem kleinen Teich steht ein hölzerner Reiher, irgendwo hängt ein haariger Affe aus Kokosnüssen, auf dem Ast des Apfelbaumes sitzt ein hölzerner Vogel, und überall sind die Gartenzwerge unterwegs, unter dem rankenden Wein und unter dem duftenden Flieder gehen sie ihren alltäglichen Beschäftigungen nach, oder sie bleiben ganz einfach auf der Bank in der Sonne sitzen und genießen das Leben: Gartenzwerge mit Brillen auf der Nase, Gartenzwerge mit Badelatschen, Zwerge mit Schubkarren und Zwerge mit der Zeitung vor sich. Zwerge im Zwergenformat und Zwerge in menschlicher Übergröße. Und dann sind da noch diese pausbäckigen Puppengestalten, die sich sonst nur in polnischen Gärten herumtreiben, und die so bunt und feist sind wie die Jahrmarktfiguren der Sechzigerjahre.

Den ganzen Sommer verbringt Hölzel mit seiner Frau in der friedlichen Gesellschaft dieses Stilllebens mit Gartenzwergen. Auch im Frühjahr und im Herbst sind sie da. In der Laube stehen ein Bett, ein Fernseher und ein Kühlschrank. Und in der Vorratskammer stapeln sich die Gläser mit Eingemachtem und mit Marmeladen: Sauerkirschen, Apfelgelee, Pflaumenmus, Erdbeermarmelade. Und auf dem Gasherd steht ein großer Topf. Verhungern muss hier niemand.

Das war nicht immer so. Als Siegfried geboren wurde, war fast schon Krieg. Und da der Vater schon bald an die Front musste und die Mutter außer »dem Großen« noch drei andere Kinder zu füttern hatte, nahm der Großvater den Jungen bei sich auf. Opa Fritz besaß eine Landwirtschaft, und da er überzeugter Kommunist war, hatte er nicht die geringste Lust, die Hälfte seines Schweines an die Nazis abzugeben, die damit ihre Soldaten durchfüttern wollten. Und da die Vorschrift besagte, dass ein Ehepaar mit Kind nichts von dem Schwein abgeben musste, und da die Kinder des Großvaters schon alle aus dem Haus waren, kam ihm der kleine Siegfried als Kind im bäuerlichen Haushalt gerade recht. Er sagte: »Hör zu, Maria! Du schickst mir deinen Ältesten auf den Hof. Der Kleine frisst ja keine halbe Sau! Und helfen kann er mir auch.«

Also wuchs Siegfried nicht in Heroldsberg bei der Mutter auf, sondern in Thalmannsfeld beim Großvater Fritz, »sozusagen am äußersten Rand der Sächsischen Schweiz.« Das einzige Spielzeug war eine Eisenbahn, die der Großvater aus ein paar Holzstücken geschnitzt hatte, zum Spielen gingen die Kinder zum Schmied, wo immer ein Feuer brannte und es wärmer war als draußen. Sie waren nur noch drei Erstklässler im Dorf, bis zur 8. Klasse saßen alle Schüler in einem Raum, nachmittags halfen sie auf dem Feld bei der Ernte und im Stall. »Da war nix mit Spielen. Aber gehungert haben wir nicht. Ich kannte ja die Verstecke der Hühner und tauschte dann die Eier mit den andern Kindern gegen Speck und Brot. Gehungert hab ich erst nach dem Krieg.«

Denn nach dem Krieg, so hatte es die Mutter dem Sechsjährigen versprochen, wollte sie den Siegfried wieder zu sich nach Heroldsberg nehmen. Und nach dem Krieg, der - genau, wie der Großvater es immer vorausgesagt hatte - 1945 endlich vorüber war, standen sie dann tatsächlich eines Tages da, der Heimkehrer aus Sibirien und die Mutter Maria. Aber sie nahmen den Siggi nicht mit. Sie ließen ihn da. Ohne ein Wort der Erklärung. Da sagte sich der Junge: »Wenn ihr mich nicht mitnimmt, dann komm ich eben allein«, und erzählte seinen Freunden, dass er abhauen würde. Und »die haben alle dichtgehalten«, selbst, als der Großvater die Polizei nach ihm suchen ließ. Mit kurzen Hosen und einem kurzärmligen Hemd ist er vom Hof geflüchtet, an einem Sonntag, als alle in der Kirche waren, übers Feld, bis hin zur Bahnstation. Dem Schaffner sagte er, er sei am 5.12. 37 geboren, weil der Fahrschein sonst zu teuer gewesen wäre, und fuhr nach Hause, zuletzt mit der Straßenbahn, die Linien 15, 18 und 21, das wusste er noch, aber er wagte nicht, anzuklopfen, sondern versteckte sich unter der Treppe und wartete.

Als die Mutter ihn entdeckte, »hat die fast der Schlag getroffen«. Maria rief ihren Mann und sagte: »Schau mal, wer da ist!« – Sie hätten ihn am liebsten wieder zurückgeschickt zum alten Fritz, aber sie behielten ihn. »Und dann haben wir gehungert, richtig gehungert. Ich hab mich oft gefragt, warum ich nicht beim Fritz geblieben bin.«

Vielleicht war es der hölzerne Name, der einen so harten Mann aus Hölzel gemacht hat. Vielleicht war es auch der Krieg. Und vielleicht war es der Hunger, der verführerische Duft frischen Brotes, der eines Tages einen Bäckerlehrling in Nürnberg aus ihm machte. Und vielleicht war es die Heimatlosigkeit, die Siegfried Hölzel, als er längst schon keine Brote mehr buk, sondern Blitzableiter montierte, so schnell »Ja« sagen ließ, als der Chef sagte: »Du musst morgen früh um 7 Uhr am Savignyplatz sein.«

Mitten in der Nacht brach er auf, am 26. November 1963, mit einem Opel Kapitän, und weil er den Weg nicht kannte, klemmte er sich immer hinter die Autos mit dem »B« auf dem Nummernschild, bis nach Dreilinden. Dort fragte er den Fahrer eines alten Borgwards nach dem Weg zum Savigny Platz. Der junge Mann sagte, er führe auch dort hin, er brauche ihm nur zu folgen. »Und dann hat der aufgedreht mit seinem Borgward Goliath, 120, 140, 150, ich bin kaum hinterhergekommen mit meinen 80 PS und meinen 6 Zylindern, der hatte die Kiste ordentlich frisiert.«

Die erste Station in Berlin war die Pension Peters an der Kantstraße. Später zog er nach Schöneberg. Immer bescheiden, immer ein Kriegskind. In die riesige Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnung in der Kreuzberger Solmsstraße wäre er wahrscheinlich nie gezogen, hätte nicht eines Tages ein Kollege aus der Hochkirchstraße gesagt: »Komm mal mit!« – und ihn in seinen kleinen Garten am Gleisdreieck entführt.

1975 war das, und Hölzel war so begeistert von der Gartenkolonie zwischen den stillgelegten Gleisen, die zum zerbombten Anhalte Bahnhof führten, dass er sofort mit »Texas Willy«, dem Kassierer der Kolonie am Potsdamer Güterbahnhof, verhandelte und ohne Zögern hundert Mark hinblätterte. »Da war alles noch Brachland, aber die ersten Obstbäume standen schon da. Und ich hab mir erst mal 120 Kubikmeter Erde von den Mäckeritzwiesen ankarren lassen. Ein bisschen was von der Landwirtschaft versteh ich ja. Eine super Erde, sechzig Zentimeter hoch hab ich die auftragen lassen.«

Und dann stellte Hölzel, der sich inzwischen mit »Holz- und Bautenschutz« selbständig gemacht - und sechs Mitarbeiter hatte, innerhalb einer Woche seine Laube auf das Pachtgrundstück. Sein kleines Schloss in dem kleinen Paradies,
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in dem so ziemlich alles wächst, was der Mensch zum Leben braucht. Einen Apfelbaum und drei Spillinge bekam er geschenkt, diese kleinen Berliner Mirabellen, die wie Unkraut überall wachsen. Und hier verbringt er nun die Tage, am Rand der Großstadt, und doch eigentlich mittendrin. Züchtet in kleinen Schälchen Tomaten, Gurken, Kürbisse, packt Samen in Haushaltspapier und hat schon ganze Schubladen voll mit selbstproduzierten Saatscheiben, ordentlich etikettiert mit Datum und genauer Bezeichnung der Art. »Immer, wenn einer wegfährt, nach Bulgarien, Jugoslawien, Kosovo, egal wo, bringen sie mir was mit. Und das sind alles alte Sorten: Grüne Tomaten, Schwarze Tomaten, Zuckertomaten, Strauchtomaten, Eiertomaten, Fleischtomaten.

Siegfried Hölzel steht unter dem blühenden Apfelbaum und streicht die weißen Blütenblätter von den winzigen, grünen Knötchen, aus denen einmal so große, rote Äpfel werden sollen. Ganz vorsichtig, als wäre der Baum ein kleines Kind, streicht er mit seiner alten Hand die winzigen Blätter ab, um die wachsende Frucht darunter nicht zu verletzen. »Wunderbare Äpfel sind das...«, sagt er, »ganz wunderbar.«

Vielleicht war es der Name, der einen so stämmigen Mann aus ihm gemacht hat. Vielleicht war es der Krieg, der ihn so hart machte. Die Heimatlosigkeit, die eines Tages einen Berliner aus ihm machte. Aber mit Sicherheit war es der Großvater, der alte Fritz aus Thalmannsfeld, der Kommunist, der den Hitler nicht leiden konnte, der einen so leidenschaftlichen Gärtner aus Siegfried machte. Damals, noch mitten im Krieg.


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