Kreuzberger Chronik
Juni 2013 - Ausgabe 148

Essen, Trinken, Rauchen

Sas tanzt


linie

von Saskia Vogel

1pixgif
Zwölf Iraner laufen im Kreis. Irgendwo am äußersten Rand Kreuzbergs. In einer der vielen Osterias, die es in Kreuzberg gibt. »Miezenschritt« nennt der angehende Tango-Großmeister den Basic-Step, den er seine Katzen und Kater fleißig üben lässt. Tango ist angesagt in angesagten Vierteln wie Neukölln oder Friedrichshain oder Kreuzberg. Überall finden plötzlich argentinische Milongas statt. »Immer schön anschmiegen. Atmen. Fühlen.« Tango ist ein schwieriger Tanz, man kann Jahrzehnte lang Anfänger bleiben. Also üben einige Anfänger schon seit Jahren, zum Beispiel dienstags in der Sanderstraße. Danach kommen die Profis, dann schlingen Damen lange Beine um Herren.

Der Tangogroßmeister ist ein Iraner. Fast nur iranische Katzen und Kater sind gekommen. Unterrichtet wird in Deutsch und auf Farsi. »Es gibt den Neo Tango«, doziert der Vortänzer, »da halten die Paare sich schicklich auf Distanz.« In Berlin, wo sonst, würde Neo natürlich gerne praktiziert. Inniger aber sei der Tango de Salón – da tanze man Brust an Brust, Herz an Herz, Atem an Atem. So wie in Buenos Aires. Oder im Sippi. Die Männer, so Pedram, seien angehalten, weniger Zwiebeln und keinen Knoblauch zu essen. Und die Frauen, den Befehlen der Männer zu folgen.

Da auf der Milonga Frauenüberschuss herrscht, ist Sas zunächst einmal ein Mann. Ihre Aufgabe: die Miezen führen und verführen. Zu Übungszwecken soll Sas einem zarten Mädel die Hände auf die Brust legen und sie sanft durch den Raum schieben. »Tangeros nämlich«, so der Dozent, »kommunizieren mit den Körpern.« Das Mädchen kichert verlegen und ständig. Sas ist genervt. Sie nimmt sich vor, in Anwesenheit von Männern zukünftig nie wieder zu kichern, und flüchtet an die Bar. Der günstige Hauswein wird in kleinen Glasflaschen mit Bügelverschluss ausgeschenkt und in geschliffenen Gläser serviert. Von einem schlaksigen Kellner, der linkischer und desinteressierter nicht sein könnte. Was Sas sympathisch ist. Listig steht er in der Ecke und lästert über den Tanzstil der unbeholfenen Gäste.

Partnerwechsel. Sas drückt sich an die Brust eines Profitänzers. Die Musik beginnt, die Musik endet – und beide haben keinen einzigen Schritt getanzt. Ihr Tanzmann ist zu kompliziert. Sas solle sich lockern, ob sie seine Signale spüren könne, zischt er ihr ins Ohr. Ja, das könne sie, Herrgott nochmal, es ist doch egal, wie ihre Hüften ausgerichtet sind. Sas ist auf die zärtliche Körpersprache eines Meisters angewiesen. Doch stattdessen verdreht der Partner ihr den Arm.

Sas möchte sich anschmiegen an die warme Brust ihres Tanzkaters. Eindösen, sich durch den Raum treiben lassen, mit Miezenschritten emotional im Kreis schwingen. Langsam und elegant. Die kleine »Acht« oder »Ocho«-Drehung, der Valentino, der Wiegeschritt und Chassé gelingen dann wie von selbst. Und auch die Rechtsspiraldrehung nach gekurvtem Sechserschritt.•


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg