Kreuzberger Chronik
April 2013 - Ausgabe 146

Kreuzberger
Trilogie vom Chamissoplatz - Teil 3:

Uwe Mueller

Wir haben nichts verdient, wie haben alle nur ?berlebt


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Privat

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Zwölf Uhr. Uwe Müller sitzt im Café Zuckerschock in der Bergmannstraße, als das Handy klingelt. Müllers Handy klingelt selten vor zwölf. Müller sagt »Tachchen«, gemütlich, so wie er das seit 40 Jahren sagt, wenn jemand anruft. Müller ist 62, die Redakteurin am anderen Ende der Leitung wesentlich jünger. Sie sagt nur kurz »Hallo« und kommt sehr schnell zur Sache. Sie spricht von »Voice Over und Shooting....« - Müller unterbricht die sprudelnde Anruferin: »Shooting-Was? – Wissen Sie, ich komme mir manchmal schon vor wie ein Analphabet!«

Dabei ist Müller mit der Sprache bestens vertraut. Das weiß auch die Frau vom Radio. Schließlich soll sie ihn als Sprecher engagieren. Weil seine Stimme den Worten noch einmal einen tieferen Sinn verleiht. Weil die schönsten Sätze, schlecht gesprochen, schnell wieder vergessen sind. Deshalb braucht man Schauspieler, Radiosprecher, Leute wie Uwe Müller.

Dabei wollte Uwe Müller eigentlich Lehrer werden. Dann hörte er davon, dass man in Berlin die Hochschulreife auch ohne Abitur und ohne Abendschule erlangen konnte. Man brauchte nur an der Kunsthochschule die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Müller entschied sich für die Darstellende Kunst. Die Schauspielerei. Und da stand er nun: einer von vielleicht 600, die sich auf die exakt »10 Plätze« an der HDK beworben hatten, und sollte drei Rollen vortragen. Da Uwe Müller schon früh in Eichendorffs Leben eines Taugenichts geblättert hatte, unternahm er keine übergroßen Anstrengungen und übte statt der drei verlangten Rollen nur zwei ein. Eine davon erst wenige Stunden zuvor. Robespierres »Rede an den Convent« bekam er noch halbwegs hin, aber bei Shakespeare kam er ins Stottern. Die Sachverständigen waren irritiert: »Die eine Hälfte der Prüfer hielt meinen Vortrag schlicht für eine Unverschämtheit, die andere Hälfte vermutete, dass da etwas Geniales dahinter steckte. Und so entscheidet sich dann ein Leben: Die nahmen mich! Obwohl ich doch eigentlich Germanistik studieren und Lehrer werden wollte.«

Die Chance nämlich auf ein Studium hatte Uwe in Pforzheim eigentlich schon verspielt. Er hatte keine Freunde auf dem Gymnasium gefunden und lieber mit den Arbeiterkindern aus der Straße gespielt. Als er in der Quarta zum zweiten Mal sitzenblieb und den Blauen Brief schon im Schlitz des Briefkastens schimmern sah, schlug er unverzüglich den Weg zum Arbeitsamt ein, wo man ihm gleich drei Lehrstellen anbot. Noch auf dem Heimweg schaute er beim Herrenausstatter »Möser« vorbei, der Uwe stante pede unter Vertrag nahm. »So was ist heute undenkbar!« So kam der Sohn schon mit einem Lehrvertrag nach Hause, noch bevor die Eltern vom ruhmlosen Ende der Schullaufbahn ihres Sprösslings erfuhren.

Uwe machte sich gut im Herrenoberbekleidungsgeschäft. Das Leben verlief in geregelten Bahnen, und vielleicht wäre er als Verkäufer alt geworden, hätte er nicht eines Tages den Jazzclub betreten und erkannt, dass es noch etwas anderes gab als die »kleine Welt« von Pforzheim. Die Siebzigerjahre brachen an, und Uwe beschloss, »berufsmäßig Freak zu werden.« Er »wollte anders leben als die Eltern. Nicht jeden Morgen um sieben aufstehen.« Müller ist diesem ersten zaghaften Lebensentwurf gefolgt, heute wissen selbst junge Redakteurinnen, dass man Alt-Kreuzberger wie Müller besser nicht vor 12 Uhr mittags anruft.

Uwe zog in die erste und einzige Kommune Pforzheims, die, so wie die meisten dieser Enklaven, nicht wirklich eine Kommune, sondern eine Wohngemeinschaft war, in der jede Nacht andere Gäste schliefen, Haschisch rauchten, Musik hörten und von Indien und Marokko schwärmten. Und von Berlin und der Befreiung vom Wehrdienst und der HDK und der fast geschenkten Hochschulreife.

Doch in der ersten Berliner Wohnung zwischen den rußgeschwärzten Fassaden der Sonnenallee hielt es der Mann vom Fuße des Schwarzwaldes nicht lange aus. Schon bald zog er nach Kreuzberg, wo die Luft ein bisschen besser war. Es war die Zeit, als die ersten Nachkriegswohnungen fertig wurden und die Berliner scharenweise die Altbauviertel verließen und nach Gropiusstadt oder ins Märkische Viertel zogen. Die Mieten in Kreuzberg sanken derart in den Keller, dass sich schon bald die ersten Studenten und Künstler in den alten Häusern einfanden. Szenekneipen gab es noch keine in dieser Gegend, und die gesamte künftige Kreuzberger Boheme traf sich noch im Zwiebelfisch, in der Weltlaterne oder bei Herta in der Schlüterstraße. »Die saßen auch alle noch an verschiedenen Tischen: Ecki Siepmann, Wolfgang Krolow, Angelika Thiekötter, Klaus Stuttmann... und wie sie alle hießen.« Später dann, im Chamissokiez, gluckten sie tagelang zusammen.


Der Fotograf Jim Rakete porträtierte den Star
Müller war einer der ersten, der in die Nähe des Chamissoplatzes zog. »Südseite Chamissoplatz - das war eines meiner Lebensziele. Drei mal bin ich umgezogen, aber nur noch im Umkreis von wenigen Metern. Jetzt bin ich da.« Am Anfang wohnte er in der Arndstraße, studierte Germanistik und Schauspielerei, hatte seine ersten Auftritte im Theater am Kurfürstendamm, stand mit Juhnke auf der Bühne. Seine erste große Rolle war die des alten Studienfeundes von Robert Schumann in Schamonis »Frühlingssymphonie«, einem Film, der von der Liebe zweier Männer zur Pianistin Clara Schumann erzählte. Stolz sammelte Müllers Mutter die Ausschnitte aus den Illustrierten, die ihren Uwe an der Seite von Nastassja Kinski und Grönemeyer zeigten. Spätestens, als Uwe dann auch im Traumschiff und in unzähligen Ärzterollen als weißer Gott in den Fernsehern Pforzheims zu bewundern war, war aus dem missratenen Sohn und Kommunarden ein Traumsohn geworden.


Uwe Müller (rechts) mit Busch (links) und Günter Wallraff (hinten) in der Galerie








Auch am Chamissoplatz mochte man den jungen Mann, der immer häufiger bekannte Künstler und Autoren in die Galerie brachte und Hörspiele aufführte. Uwe Müller war es, der Jim Rakete animierte, zur ersten »Krolow-Ausstellung« einen Artikel im TIP zu schreiben, woraufhin die Ausstellung ein riesiger Erfolg wurde. Uwe Müller brachte Heiner Müller dazu, das Hörspiel Fatzer am Chamissoplatz aufzuführen, und Uwe Müller war es, der auf die Idee kam, Ende der Achtziger eine »Woche des DDR-Hörspiels« zu inszenieren und Autoren aus der DDR einzuladen. »Das war nicht einfach, denn wir wollten uns die eigentlich gerne selbst aussuchen. Wir mussten also irgendwie die Zensur unterlaufen.« Aber das war nicht das einzige Problem: »Der Berliner Senat, der die Veranstaltung unterstützte, wollte im letzten Moment nicht zahlen, weil wir auf dem Plakat von Westberlin gesprochen hatten - was es im westdeutschen Sprachgebrauch schlicht nicht gab. Es gab nur Berlin (West)«.

Obwohl diese Veranstaltungen viel Publikum anzogen und auch von der »Zensurbehörde im Heidelberger Krug« durchgewunken wurden, waren sie finanziell eher erfolglos. Die Galerie war nicht mehr und nicht weniger als ein Experimentierfeld, eine Spielwiese. Tammen, Busch, Schade, Müller, Volland und alle anderen, die am Rande mitwirkten, hatten alle irgendwelche Jobs nebenbei, und im Winter wurden die Kohlen in der Galerie knapp. »Wir haben nichts verdient, wir haben nur überlebt.« Dennoch war es eine unbeschwerte Zeit in den Achtzigern am Chamissoplatz. »Wir hatten alle keine Ahnung, aber eine große Liebe zur Bildenden Kunst!«

Irgendwann waren Tammen und Busch dennoch zu Profis geworden, und Uwe Müller konzentrierte sich wieder auf die Schauspielerei. Er spielte auf allen Bühnen Berlins, die freien Schauspielern offen standen. Sogar als Drehbuchautor wurde er aktiv, und alles lief gut, Mario Adorf hatte für eine der Hauptrollen zugesagt, bis es eines Tages im Zimmer des verantwortlichen Redakteurs zum Eklat kam und Adorf das Haus verließ. Das war der Moment, in dem auch Müller genug hatte von dieser ganzen Filmerei.

Tatsächlich sieht man ihn seitdem nicht mehr auf der Leinwand und nicht mehr auf dem Bildschirm. Nur seine Stimme ist noch gegenwärtig, im Radio und auch im Fernsehen. Seit 1990 arbeitet er beim RBB als Synchronregisseur und unterbricht ab und an die Kollegen, wenn sie zu laut werden: »Sprich doch mal leiser. Du hast doch ein Mikrophon vor dir! Stell dir vor, dieses Mikrophon wäre das Ohr deiner Geliebten...«

Auch das ZDF ist vor einigen Jahren auf Müllers Stimme aufmerksam geworden. Sie brauchten einen Sprecher für eine Reihe von Zoofilmchen. Also warteten sie, bis die Uhr 12 geschlagen hatte, und wählten Müllers Nummer. Geplant waren 40 Folgen, es wurden 1034. Täglich hörten etwa 1 Million Zuschauer die Stimme vom Chamissoplatz. Vier Jahre lang brauchte Uwe Müller sich wegen der Kohlen keine Sorgen mehr zu machen. Sogar ein Cabriolet konnte er sich zulegen - mit passender Kangol-Mütze. »Heute könnte ich mir nicht mal mehr einen Kotflügel von dem Auto leisten!« •




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