Kreuzberger Chronik
April 2013 - Ausgabe 146

Reportagen, Gespräche, Interviews

Swinging Kreuzberg


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von Sergeij Goryanoff

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Schon in den Dreißigerjahren wurde im einstigen Vergnügungsviertel an der Hasenheide Swing getanzt. In Kreuzberg erlebt der Tanz gerade eine regelrechte Renaissance.


Eigentlich ist Freitagabend im alten Wasserturm an der Fidicinstraße. Der Parkettfußboden, der in den Achtzigerjahren gegen die Bezirksbauverwaltung mit Hilfe des damaligen Baustadtrates Werner Orlowsky in mehreren heftigen Auseinandersetzungen durchgesetzt wurde, kommt endlich zu seiner eigentlichen Bestimmung. Big-Band-Musik treibt Tanzpaare zu schnellen,
scheinbar mühelosen, vor- wie rückwärts den Raum ergreifenden Tanzschritten. Ein neugieriger Besucher am Rande des Geschehens meint, »hier geht aber die Post ab«. Eine Live-Band spielt alte Swing-Rhythmen, und in den Pausen, sowie nach dem Konzert, liegen die kleinen mit den alten Jazz- und Swinglegenden im CD-Spieler: Chick Webb, Count Basie, Duke Ellington, Benny Goodman, Lionel Hampton und Teddy Stauffer.

Stauffer war in den Dreißigerjahren der Swing-König von Berlin. Spielte im Delphi Palast in Charlottenburg sowie im ehemaligen Ballhaus Resi (Vgl. Kreuzberger Nr. 124) und Odeon an der Hasenheide. Und er brachte den Berlinern das Swingen bei.

Swing war die Musik der Big Bands der Dreißigerjahre. In allen Tanzsälen spielten die Jazzbands den Swing zum Tanz, bis er in den noch wilderen Sechzigern vom Boogie Woogie und Rock´n‘ Roll abgelöst wurde und der Swing allmählich in Vergessenheit geriet. In Berlin allerdings verschwand er schon etwas früher von der Tanzfläche. Seit der Machtergreifung der Nazis, denen missfiel, was da an purer Lebensfreude aus Amerika über den Atlantik hinweg geradewegs in die Berliner Bars und Tanzpaläste schwappte. Die Swingmusik wurde diskriminiert. Schon 1935 durfte die »entartete Musik« nicht mehr im Rundfunk gespielt werden, die öffentlichen Tanzveranstaltungen wurden immer seltener. Der alles nachplappernde Volksmund sprach zunehmend von der »Negermusik«, immer häufiger hingen Anschläge an den Türen der Tanzgaststätten: »Swingtanz und Swing-Musik verboten - Reichskulturkammer«. Dennoch gab es kein generelles gesetzliches Verbot. Aber Jugendliche, die Swing hörten, wurden drangsaliert, verhört und verfolgt. Für die Nazis war dieser Tanz zu individualistisch und zu subversiv.

Doch für immer konnten auch die Nazis den Siegeszug der Lebensfreude nicht aufhalten. Mit dem Kriegsende und dem Ende der Naziherrschaft brachten die Amerikaner die Swingmusik wieder nach Deutschland und entfachten eine neue Tanzlust. Wer heute noch die Livemitschnitte der Konzerte von Benny Goodman, Ella Fitzgerald oder Lionel Hampton aus den Fünfzigerjahren
im ehemaligen Sportpalast hört, spürt die fiebrige Atmosphäre, die damals die Berliner beim Hören dieser Musik erfasste. Doch der Jazz entwickelte sich weiter, hin zu einem freieren Stil, weg von den folgen machen jeden zu einem tollen Step-Tänzer, egal, ob er erst 20 ist oder schon 60. Der Swing zieht sie alle an, die Jungen mit den Blümchen im Haar ebenso wie die Alten mit der Fliege am weißen Kragen über der Weste, die einmal im Monat im Wasserturm noch jene alten Leidenschaften wiederentdecken, die sie in den ersten Nachkriegsjahren entwickelten.

Dass der Swing in Kreuzberg so häufig anzutreffen ist, hat seinen Grund in den vielen Tanzschulen und Gaststätten. Es war die berühmte »Kreuzberger Mischung« von Wohnen und Arbeiten, die in den Nachkriegsjahren auf den vorhandenen Gewerbeetagen in den Quer- und Seitengebäuden der Berliner Höfe und Häuser einen Nährboden für viel Alternatives und Kreatives bot. Wo früher kleine Gewerbebetriebe logierten, ließen sich Kleinkunstbühnen, alternative Werkstätten, Galerien, Tanzsäle und Partyräume nieder.

In der ehemaligen Schultheiss-Brauerei bietet Walzer Linksgestrickt Tanzkurse für Swing-Interessierte an, ebenso wie die Tanzschule Maxixe in der Fidicinstrasse oder das Bebop, das jetzt am Schlesischen Tor residiert. Auch B-swingt in der Ritterstrasse und die Tanzbar an der Warschauer Brücke haben ein Parkett für Kreuzberger Swinger. In Bars und Kneipen wie dem KaterHolzig, der Tanzbar, dem Piatto Forte in der Schlesischen Strasse und der Balboa Disco am Südstern wird ordentlich getanzt. Und dann war da noch das monatliche Highlight der Kreuzberger Swingtänzer im abgewrackten Paketraum des ehemaligen Postamtes am Halleschen Ufer: Swinginghost mit DJ Impulse. Inzwischen findet das Highlight im altbekannten Tresor in der Köpenicker Straße statt.

Doch die steigenden Mieten, die fortschreitende Bedrängung und Verdrängung der Kreuzberger Bevölkerung, sowie die zunehmende soziale Schieflage scheinen nicht das richtige Klima zu sein für den Swing. Selbst unter den viel zitierten Kreuzberger Freischaffenden scheint eher ein Swing-Out als ein Swing-In angesagt zu sein. In den Dreißigerjahren der USA allerdings war Swingmusik
und Swingtanzen die optimistische Antwort auf Wirtschaftsdepression, Börsenkrach, Arbeitslosigkeit, Rassentrennung und Diskriminierung. Die Krise war der gesellschaftliche Hintergrund des Swing. Der legendäre Ballroom Savoy in Harlem, New York war der einzige Tanzpalast, in dem es keine Rassentrennung gab. Schwarze und Weiße tanzten hier als Vorläufer für die Aufhebung der Rassentrennung. Dort kreierten Musiker und Tänzer die Grundfiguren des Lindy Hop. Der Swing half, jenen Optimismus zu schaffen, den man zum Überleben und zum Verändern gesellschaftlicher Verhältnisse dringend benötigte.

Und darum gerade jetzt: »Swing-Tänzer aller Länder vereinigt euch und tanzt!« Kommt am ersten Freitag im April zum Swingen in den Wasserturm an der Fidicinstraße. •



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