Kreuzberger Chronik
Mai 2012 - Ausgabe 137

Strassen, Häuser, Höfe

Die Neue Welt im alten Haus


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von Werner von Westhafen

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Einst trug das Grundstück an der Hasenheide die Nummer 1. Heute sind es die Nummern 108-114.

Als der Oberjägermeister von Lüderitz 1678 ein 100 Hektar großes Stück Wald im Süden Berlins einzäunen ließ und zu seinem persönlichen Hasenzwinger machte, war die so genannte »Hasenheide« noch eine Gegend, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Auch hundert Jahre später noch war sie unbewohnt, lediglich der Ziegelbrenner Braun hatte neben seiner Lehmgrube ein Haus gebaut. Doch dieses Haus wurde seiner reizvollen und entlegenen Lage wegen zum Wirtshaus, und wiederum ein halbes Jahrhundert später konnte man bereits von einer kleinen Ansiedlung an der südlichen Grenze des heutigen Kreuzberg sprechen: 68 Berliner wohnten bereits in der Gegend, und es schien ihnen nicht schlecht zu gehen, denn von den elf Gebäuden am Waldesrand waren vier Gartenlokale oder Kaffeehäuser.

Was hätte anderes aus der Gegend werden sollen als ein beliebtes Ausflugsziel? Und da die Ausflügler durstig wurden, eröffneten immer mehr Bierbrauer ihre Biergärten an der Hasenheide. Unter den Bäumen an der kleinen Straße, die schon damals den Namen Hasenheide trug, standen Jahrmarktsbuden, Leierkastenmänner und Karussells. Und auf dem Grundstück der alten Ziegelei öffnete 1867 die so genannte »Bergbrauerei Hasenhaide« ihre Türen zu einem Schankgarten, der bald zum größten Gartenlokal Berlins wurde. Das Geschäft lief gut genug, um seine ersten Besitzer schon nach wenigen Jahren ins komfortable Rentierdasein zu entlassen. Mehrmals konnte das Unternehmen gewinnbringend weiterverkauft werden, bis sich am Ende eine eigens gegründete Aktiengesellschaft erheblich verkalkulierte und das Bier derart verdünnte, dass die Zeitungen bereits von der »Dividendenjauche« schrieben. Die »Bergbrauerei« musste Konkurs anmelden.

Die Gebäude mit der Mühle, dem Sudhaus, dem Eiskeller, den Pferdeställen, Remisen und den Werkstätten der Stellmacher und Fassbinder blieben ebenso erhalten wie der Schankgarten. Auch der Name der Firma änderte sich kaum, aus der »Bergbrauerei« wurde die »Bergschloßbrauerei«. Und als im Winter 1878 die »Große Eisbahn« auf dem Gelände in Betrieb genommen wurde, blieben auch die murrenden Gäste nicht länger aus.

Zwei Jahre später übernahm der erfolgreiche Gastronom Rudolf Sternecker das Gartenlokal und versprach seinen Gästen eine »Neue Welt«. Am 2. Mai 1880 eröffnete er mit einem großen »Land- und Wasserfeuerwerk«. Die Berliner dürften nicht schlecht gestaunt haben, als sie auf der alten Hasenjagd vor dem indischen Pavillon einen Teich mit Springbrunnen und orientalischen Gondeln vorfanden. Ein »Hippodrom« war gebaut worden, eine Freilicht-Bühne, ein Fachwerksaal für »den ländlichen Ball«, eine Skulpturenallee und eine Vorführstrecke der ersten elektrischen Eisenbahn. Heißluftballone landeten, Seiltänzer überquerten das Gelände in schwindelnder Höhe, und die Orchester spielten beinahe täglich zum Tanz in der Lehmgrube des alten Ziegelbrenners Braun.

Fünfzehn Jahre später wird die Welt noch etwas neuer. Der Feuerwerksspezialist des Pächters wurde zum neuen Chef der Neuen Welt. Er ließ an der Stelle des Fachwerksaales einen gigantischen Ballsaal mit Zwiebeltürmchen auf dem Dach und Pilastern an den Wänden errichten, ausgestattet mit einer rundum laufenden Galerie, Parkett, Podium und Zentralheizung. Die Baukosten sollen 600.000 Goldmark betragen und den neuen Pächter beinahe in den Ruin getrieben haben. Am 1. April des Jahres 1903, dem Tag der feierlichen Eröffnung, blieb die Neue Welt wegen eines Schneesturmes geschlossen, auch der nun folgende Sommer blieb kalt und regnerisch. Doch heute ist der Große Saal das einzige Gebäude der alten Welt, das erhalten geblieben ist. Sogar den Krieg hat der Saal überstanden.

Längst verschwunden sind die großen Attraktionen, die sich von der Hasenheide bis hinauf zum Columbiadamm erstreckten. 20.000 Glühbirnen beleuchteten ein Marionettentheater, eine elektrische Gebirgsbahn, einen Vorläufer der Achterbahn, und natürlich die be-
Foto: Postkarte
rühmte Wasserrutsche, auf der sich sogar so ernsthafte Gestalten wie Hegel und Schleiermacher köstlich vergnügt haben sollen. Über all den Lustbarkeiten schwebte die weithin sichtbare Drahtseilbahn mit ihren Fähnchen und Wimpeln. Die ehemalige Hasenheide Nummer 1, inzwischen längst Nr. 108 -114, war zu einer der bekanntesten Adressen Berlins avanciert.

Irgendwann war sogar der große Saal zu klein geworden für die Menschenmassen, ein zweiter Saal wurde angebaut, ebenfalls ausgestattet mit rundum laufender Galerie und einer eigenen Bühne, verbunden durch hohe Flügeltüren. Im Krieg wurde er fast vollständig zerstört, die Zeit der Ausgelassenheit war erst einmal vorüber. Alle Versuche, dem alten Vergnügungspark neues Leben einzuhauchen, scheiterten. 1956 wurde der Vorbau abgerissen und durch einen schmucklosen Funktionsbau ersetzt, hinter dem die denkmalgeschützten Giebel des großen Saales kaum mehr zu sehen sind. Dröge Bockbierfeste wurden gefeiert, Versammlungen abgehalten, manchmal spielte ein Tanzorchester. In den Siebzigern aber entdeckten Rockfans die große Halle, die Dire Straits, Man, Willy DeVille und Udo Lindenberg betraten die alte Bühne der Neuen Welt. Sogar Jimi Hendrix stattete der Neuen Welt einen Besuch ab. •

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