Kreuzberger Chronik
Juni 2012 - Ausgabe 138

Strassen, Häuser, Höfe

Die Eisenbahnstraße Nummer 15 - Teil 1


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von Waltraud Schwab

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Die Geschichte beginnt 1943 und endet erst mit dem Krieg. Pissarius erzählt sie 60 Jahre lang. Niemand glaubt ihm.

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Nur einmal in ihrem Leben will Evelyn Grossman das Haus Nummer 15 in der Eisenbahnstraße sehen. Am 15. Dezember 2011, einem feuchten, kalten Tag, der die Stadt mit schleimiger Nässe überzieht. Ein Berliner Altbau ist es. Vier Stockwerke. In jeder Etage sechs Fenster. In der Mitte ein Erker. Unten links die Haustür. Die Scheiben verstaubt, blind, mit zusammengeknoteten Vorhängen im ersten Stock. Das Haus birgt ein Geheimnis. Und eine Geschichte. Grossmans Vater kommt drin vor. Erzählt davon hat er nie. Aber Kinder spüren, was Eltern verschweigen. Evelyn wusste immer: Da ist ein Zimmer. In der Eisenbahnstraße. Menschen sind drin. Obwohl sie nicht eingesperrt sind, können sie nicht raus.

Dreißig Jahre zuvor, Ende der siebziger Jahre, steht ein anderer, Paul Pissarius heißt er, im Hof der Eisenbahnstraße 15. Im Hinterhaus wohnt er. Manchmal tauscht er ein paar Sätze mit Nachbarn. Mit der Studentin im vierten Stock, mit dem Fotografen oder der Schauspielerin. Wie es geht. Dass es kalt ist. Dass die Fenster ziehen. Dass die Öfen wieder qualmen.

Pissarius ist alt. 1895 geboren. Ein dünner Mann mit wachen Augen und großen Ohren. Er ist allein, seine Leni tot. Die war besonders. Eine Berliner Pflanze. Geraucht hat sie. Wer ihn im Flur trifft - beim Briefkasten, an der Tür zum Keller beim Kohlen holen oder auf dem Weg zur Toilette - dem erzählt er das. Gleich rechts hinter der Eingangstür ist sein Außenklo. Weil er im Erdgeschoss wohnt, muss er es mit niemandem teilen. Manchmal erzählt er auch die Geschichte von den drei Juden, die er versteckt hat. Drei Leute? „Ja.“ Zweieinhalb Jahre? „Ja. Am 30. Januar 1943 sind sie gekommen.“ Bis zum Ende des Krieges? „Ja.“ So lange versteckt? „Ja.“ Aber wie soll das gehen? Zweieinhalb Jahre? Mit dem Essen, den Bomben und allem?

Evelyn Grossman geht über die Straße. Ihre neunundachtzigjährige Mutter neben ihr. Die wäre gerne Tänzerin geworden, aber die Nazis verhinderten es. Den Holocaust hat sie mit falscher Identität in Dahlem überlebt. In der Eisenbahnstraße 15 war sie nie. Die beiden gehen. Zwei gebückte Gestalten. Sie spüren den rissigen Boden unter den Füßen, berühren den alten Türgriff, das abgesplitterte Holz der Außenklotür, zehn Schritte und dann der Blick die schmutzige, blau gestrichene Treppe hinauf. Niemand kommt.

Wem Pissarius seine Geschichte einmal erzählt hat, dem erzählt er sie immer wieder. „Drei Juden, Vater, Mutter, Sohn.“ Zweieinhalb Jahre. Eine Heldentat! „Man hat es wissen können, das mit den Juden“, sagt er. „Dreieinhalb Zimmer“, sagt er. Das halbe Zimmer für die Juden. Winter, Sommer, Winter, Sommer, Winter? Er nickt heftig. Ein paar Jahre lang hätte er eine Anerkennung bekommen. 150 Mark im Monat. Als seine Frau starb, hätten sie ihm das „weggenommen. Die Rente sei zu hoch.“ Er kämpft mit den Tränen. „Zweieinhalb Jahre, drei Juden. Und jetzt? Als wäre das nicht wahr.“ Dann zeigt er das dunkle Wohnzimmer, mit den alten verstaubten Teppichen, dem Tisch, der Couch und die Tür zum halben Zimmer, zehn Quadratmeter vielleicht, in dem die dreiköpfige Familie versteckt war. Haben die Leute überlebt? Wie heißen sie? Wo sind sie jetzt? „Einer ist gestorben. Wir konnten doch keinen Arzt holen.“

Auf Spurensuche, 70 Jahre später: Evelyn Grossman mit ihrer Großmutter, Foto: Wolfgang Bohrs
Nachts, heimlich, hätten sie ihn in eine Steppdecke eingewickelt, aufs Fahrrad gelegt und die beiden Männer, der Sohn und er, seien die Straße hoch gegangen bis zur Brommybrücke und hätten ihn in die Spree geworfen. „Februar“, sagt er, „Fünfundvierzig“, sagt er. „Die Leni hat immer gesagt, dass keine Bombe aufs Haus fällt.“ Und tatsächlich, die Bomben, die der Fabrik nebenan galten, verfehlten ihr Ziel, rasierten die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite ab.

Was Pissarius erzählt, bleibt fragmentarisch, ohne Fortsetzung, ohne Schluss. Drei Juden hätten er und seine Frau durch den Krieg gebracht. Wie sie heißen, weiß er nicht. Zweieinhalb Jahre mit Außenklo. Mit nur einem Wasseranschluss in der Küche. Mit 28 Mietparteien drumherum. Niemand darf was merken. „Wir waren gegen die Nazis“, sagt Pissarius. „Meine Frau hat gesagt: Wir machen das.“

Den Toten haben sie in eine Decke gewickelt. Und dann in die Spree. Das Geräusch, als der Tote auf das Wasser aufschlägt, lässt sie zusammenfahren, sie ducken sich. In der Wohnung sitzen die beiden Frauen. Jede Sekunde wird ihnen zur Stunde. So geht Ewigkeit.

Man muss Pissarius glauben. Auch deswegen, weil die alte Nachbarin vom dritten Stock nicht gut zu sprechen ist auf Pissarius: „Ah!“, sagt sie, noch viele Jahre danach: „Die Frau Pissarius ging mit der Nase nach oben. Die war was Besseres, bloß weil das mit den Juden war.“ Was war denn mit den Juden? „Ah, das hat man doch nicht gewusst, was mit denen war...“ Auch die Hauswartsfrau erinnert sich, als die Studentin fragt. Daran, dass die Pissarius´ aus dem Erdgeschoss beim Alarm immer die Ersten im Keller gewesen sein sollen. „Die Juden haben die besten Plätze besetzt“. Diese Antwort: ein Ding der Unmöglichkeit. Aber das alles ist lange her. Genau weiß das jetzt alles niemand mehr.

Und so gerät die Geschichte in Vergessenheit. Die alte Nachbarin zieht zu ihrem Sohn. Die Schauspielerin bekommt ein Kind. Die Studentin geht nach London. Und Pissarius stirbt. Im Januar 1986. Doch zwölf Jahre nach seinem Tod, wird die Geschichte noch einmal erzählt. In einem Zeitungsartikel. Die ehemalige Studentin aus dem vierten Stock schreibt ihn. Es ist eine Hommage an den Alten aus der Eisenbahnstraße. „Meine Eisenbahnstraße gehört Paul Pissarius“,
Foto: Dieter Peters
steht da. Eine Hommage an den Mann, der ihr am Briefkasten eine Geschichte erzählt, drei Juden, Winter, Sommer, Winter, Sommer, Winter und einer stirbt. Sie werfen ihn in die Spree. Dann dauert es ein weiteres Jahrzehnt, bis Evelyn Grossman den Artikel über die Eisenbahnstraße im Internet findet.

Evelyn Grossman klingelt an der Tür im Hinterhaus Nummer 15, Ergeschoss. Sprauer wohnt jetzt da. Sprauer macht nicht auf. Sie geht durch den zweiten Durchgang in den kleinen Hof, der das Hinterhaus von der Fabrik trennt. Sie schaut zum Fenster, das einst zum halben Zimmer gehörte. Ein schiefes Stück Stoff aus verwaschenem Pink und

vergilbtem Weiß verdeckt die staubige Scheibe. Grossman saugt alles auf. Sie lebt in New Jersey, USA. Ihr Mann ist Arzt. Sie haben Kinder und Enkelkinder. „Die Familie Joseph gibt es wieder“, sagt sie. Fast wäre sie ausgelöscht worden. Darüber geredet wurde nicht. Das hat sie nicht losgelassen.

Immer wieder hatte sie nach einem Oskar Materne gesucht, dem Mann, der ihren Vater zu Pissarius in die Eisenbahnstraße brachte. Ihm haben die Geretteten geschrieben, ihm haben sie von Amerika aus Pakete geschickt. Pissarius nie. Immer wieder tippte sie „Materne“ ins Internet, umsonst. Eines Tages tippte sie Pissarius und findet den Artikel. „Oh my God!“

Am 21. August des Jahres 2009 schreibt sie an die ehemalige Studentin aus dem vierten Stock. „I am writing to you about your article ‚Die Eisenbahnstraße‘, der in der “Kreuzberger Chronik” erschienen war. Sie schreibt, dass es sich bei den drei Juden um ihre Großeltern und ihren Vater handelte. Und dass ihr Vater es nie verwunden hat, dass er den Toten in die Spree werfen mussten. „It was a story my family knew, but never discussed.“

Die ehemalige Studentin murmelt: „Also war es doch wahr.“ Joseph hießen die Versteckten, schreibt Grossman. Leopold, Bertha und Ernst, eine Import- und Großhandlung für Fischkonserven besaßen sie, die lief unter dem Namen Lippmann. Die Geschichte ist wie ein Puzzle. Da ist ein Teil, da ist ein anderer Teil. Einiges passt.•



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