Kreuzberger Chronik
Juni 2012 - Ausgabe 138

Geschichten & Geschichte

Die Eisenbahnstraße Nummer 15 - Teil 2


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von Waltraud Schwab

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Die Eisenbahnstraße Nummer 15


ZWEiTER TEIL

Das Berliner Landesarchiv ist in einer alter Rüstungsfabrik im Norden der Stadt. Im Lesesaal liegt die Akte Pissarius.Eine abgegriffene Kladde mit ein paar Dutzend Schriftstücken. Signatur B Rep. 078 Nr. 956. Pissarius kannte die Josephs nur als Familie Lippmann, steht in dem Dokument. „Ungefähr im Januar 1943 lernte ich durch einen Bekannten die Eheleute Lippmann kennen. Die Eheleute waren Juden und suchten damals eine Unterkunft.“ In einem anderen: „Wir haben die Familie gottseidank bis zum Kriegsende gut durchgebracht.“ Und: „Seit 1947 ist die Frau mit dem Sohn in Amerika.“ Und: „Nun geht es der Frau und dem Sohn in Amerika gut, aber an ihre Lebensretter denken sie nicht, denn dass uns diese Zeit viel Nerven gekostet hat, ist wohl verständlich. Mein Mann 63. Jhr. geht das ganze Jahr schon stempeln, dadurch geht es uns jetzt auch bedrängt.“ Mit solchen Worten begründen die beiden ihren Antrag auf eine Ehrenunterstützung. Sieben Jahre braucht das Entschädigungsamt, um ihn zu bewilligen.

Die Josephs schätzten ihr Vermögen auf 200.000 Reichsmark, steht in einem weiteren Dokument. Das Meiste am Ende verloren. Es steht da auch, dass Paul und Helene Pissarius kein Geld dafür verlangten, dass sie die Juden versteckten. Erst nach dem Krieg gaben ihnen die Josephs 5.000 Reichsmark. Dass die haftähnliche Situation die Gesundheit aller Beteiligten angriff, steht da auch. „Frau Lippmann war sehr rücksichtlos, so dass es oft Ärger und Aufregungen gegeben hat. Darunter haben mein Mann und ich selbstverständlich sehr mit unseren Nerven gelitten, weil wir ja immer in Angst lebten, dass das ja bloß kein Mensch merkte“, gibt Helene Pissarius am 18.12.1956 zu Protokoll. Und Bertha Joseph schreibt, dass sie 27 Monate nicht an die frische Luft kam, dass sie durch die haftähnliche Situation krank wurde, Schwindel- und Schwächeanfälle hatte, abmagerte, schlecht sah.

Die Akte ist vergilbt. Ausgefranst, brüchig. Nach dem Krieg bekommen Bertha und Ernst Joseph für jeden der 818 Tage, die sie vom 30. Januar 1943 bis zum 28. April 1945 untergetaucht waren, 5 Mark Entschädigung. Abgelehnt wird der Antrag für die restlichen vier Tage bis zur Befreiung Berlins. „weil der Stadtteil von Berlin, in dem sich die Antragsstellerin zuletzt aufhielt, am 28. April 1945 von den sowjetischen Truppen besetzt wurde und somit die Notwendigkeit zu illegalem Leben nicht mehr gegeben war“, heißt die Begründung.

Foto: Dieter Peters
Evelyn Grossman und ihre Mutter stehen schweigend im Hinterhof der Eisenbahnstraße 15. Die Wände sind mit dem blätterlosen Geäst von wildem Wein überzogen. „Warum ist der Kontakt zwischen meinem Vater und Pissarius abgebrochen?“ fragt Grossman. Tags zuvor waren die drei in Andernach am Rhein. Werner Pissarius wohnt da, Pauls Neffe. 1915 geboren. Wie Grossmans Vater. Sein Körper trägt ihn kaum mehr, aber seine Augen so blau und wach, seine Ohren so groß. Als Kind schlief er oft mit Paul, seinem Lieblingsonkel, in einem Bett, erzählt er. Als sein Onkel alt war, hätten sie sich aus den Augen verloren. „Sagen Sie, war der Paul dick?“ fragt er. Nein, war er nicht. „Wir Pissarius werden nicht dick.“

Danach das Thema seiner Generation: Krieg. „Ich war 98 Monate lang Soldat“, erzählt der 96-Jährige. Panzergrenadier in Polen, Frankreich, Holland, Belgien, Russland. Stalingrad. Verwundet. Gefangen. Bis heute eitert der Durchschuss an seinem Bein. Er krempelt das Hosenbein hoch. Einmal sei er bei seinem Onkel in Berlin gewesen. „Ich habe nicht gemerkt, dass da jemand versteckt war“, sagt er.

Seit das Schweigegebot gebrochen ist, versuchte Evelyn Grossman Verwandte von Paul und Helene Pissarius zu finden. Sie will, dass ihre Namen im Yad Vashem, dem Holocaustmuseum in Jerusalem, auf Stein gemeißelt und dass sie unter die Gerechten der Völker aufgenommen werden. Es die höchste Auszeichnung Israels an Nichtjuden. Verwandte müssen die Ehrung stellvertretend entgegen nehmen.

„Den Enkel haben sie nicht gefunden“, sagt der alte Mann, „deshalb jetzt ich.“ Die Ehrung mit dem israelischen Gesandten findet im Rathauscafé der alten Römerstadt statt. Mit Korbmöbeln, roten Papierdecken, goldene Tannenbäumen. Es gibt Kaffee, Cremetorte und ein Foto. Evelyn Grossman, ihre Mutter Elisabeth Joseph, Werner Pissarius, der israelische Gesandte Emmanuel Nahshon. Die Urkunde, die Medaille mit Paul und Helene Pissarius‘ Namen darauf.

Evelyn Grossman und ihre Mutter stehen im Hinterhof der Eisenbahnstraße 15. Und dann gehen sie noch einmal den Weg bis zur Brücke, die es nicht mehr gibt. Vorbei am Haus Nr. 16 mit der großen Fensterfront, dem breiten Tor. Vorbei an Nummer 17, fünf Fenster im Parterre, an 18, sechs Kellerluken, an 19, schmale Fenster mit Brüstungen im Erdgeschoss, an 20, 21, das Tor zuerst, dann die Fenster eines Ladens, 22 die lange Front, 23, die lange Front. Nummer 24, das Eckgrundstück zur Köpenicker Straße fehlt. Jetzt ist es ein verwunschener Spielplatz.

„Meine Großmutter kannte die Adresse nicht, wo sie versteckt war“, sagt Grossman. Einzig ihr Vater, Ernst Joseph, ging raus, um auf dem Schwarzmarkt Essen zu besorgen und um Elisabeth, seine spätere Frau, die in Dahlem in der Illegalität lebte, zu sehen. „Einmal kam er nicht“, sagt Grossmans Mutter auf dem Weg zur Brücke. „Ich dachte: das Ende.“ Und dann wird die immer gleiche Frage gestellt: Ob sich die Josephs und die Pissarius am Ende gehasst haben und deshalb der Kontakt abbrach? „Nein kein Hass“, sagt Grossman. „They were kind people“, sie waren gütige Menschen. Und ihre Mutter sagt: „Pissarius hatte immer eine Wahl. Die Josephs hatten keine.“ Auch sie wollte nicht bei den Leuten in Dahlem bleiben nach dem Krieg, obwohl die sagten: wir schicken dich zur Schule, wie eine Tochter. „Die wussten, meine Eltern sind tot, mein Bruder ist tot, aber ich wollte nicht bleiben. Nicht länger diese Abhängigkeit. Nicht länger dankbar sein.“

Dann überqueren die drei Menschen auf ihrem späten Beerdigungszug die Köpenicker Straße und gehen die Sackgasse hoch, wo früher die Brücke war. An einer Ecke klebt eine Reklame für Berliner Pilsener: „Berlin du bist so wunderbar“, steht darüber. „Wie eine Kuh mit Pferdehaar“, reimt Grossmans Mutter sofort. Das hätten sie früher als Kinder immer gesungen.

Ein paar Schritte weiter geht es über das holprige Kopfsteinpflaster bis zum Gitter, an dem die Straße aufhört. Die beiden Frauen bleiben stehen, halten sich am Geländer fest. Links sehen sie den Fernsehturm, rechts die Oberbaumbrücke, davor den schwarzen Fluss. Das Fundament des alten Brückenpfeiler ragt aus dem Wasser wie eine kleine Insel. Ein paar dürre Birken wachsen zwischen den Fugen der Steine. Ein Sprayer hat „just“ darauf gesprayt. Immer wieder „just“. „Genau“ heißt das. Und „jetzt“. Und „gerecht“. •


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