Kreuzberger Chronik
Juli 2012 - Ausgabe 139

Geschichten & Geschichte

Die Schlacht von Kreuzberg


linie

von Werner von Westhafen

1pixgif
Die Österreicher lagen vor der Stadtmauer. Sie waren in der Überzahl und boten den Preußen an, sich zu ergeben.


Es war der Weltkrieg des 18. Jahrhunderts. Österreich, Frankreich, Russland, Schweden und die Römer standen gegen Preußen und England. Die Großmächte kämpften auf allen Weltmeeren und Kontinenten, doch im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand die österreichische Provinz Schlesien. Friedrich II. hatte sie im Ersten Schlesischen Krieg in einem Handstreich seinem Reich einverleibt, das damit doppelt so groß wurde und bald auch den Sohn des Soldatenkönigs mit der Aura des siegreichen Eroberers bekränzte.

Doch die Österreicher sannen auf Rache. Zwei weitere Kriege um Schlesien folgten, die schlechten Nachrichten von den Fronten nahmen kein Ende. Schon munkelte man, dass die Franzosen und die Österreicher »bis Weihnachten nicht bloß im Besitz von Berlin, sondern auch des größten Teils der preußischen Erblande sein« würden. Und als am 11. Oktober 1757 tatsächlich die »ohnangenehme« Nachricht vom Vormarsch der Österreicher auf Berlin an das Ohr des Königs dringt, der fern der Hauptstadt weilt, ist der siegreiche König »gegen früher nicht wieder zu erkennen. Der Mensch trat immer mehr hervor, und der Held verschwand.«, wie der Graf Henckel von Donnersmarck, der Adjutant des Prinzen Heinrich, in seinen Memoiren schreibt.

Als der Sohn des Soldatenkönigs zu Bett geht, sieht er die Feinde bereits über die »Tuchmanufakturen, Zeughäuser, Kanonengießereien, und Pulvermagazine« Berlins herfallen. Beim Frühstück wechselt der blasse König »nicht vier Worte« mit seinen Tischpartnern, und am nächsten Abend schließlich erklärt der Sohn des Soldatenkönigs tränenreich seinen Abschied: Er habe beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Ganz Europa sei gegen ihn, der »Zustand, in dem ich mich befinde, ist länger nicht zu ertragen und schlimmer als der Tod.« Daraufhin zog er sich in seine Gemächer zurück, »und da er zu ebener Erde wohnte, so konnte man von der Straße aus sehen, mit welcher Leidenschaftlichkeit« er sich in sein trauriges Schicksal fügte.

Doch am nächsten Morgen war der König wieder lebendig und entsandte schleunigst Truppen zur Verteidigung Berlins. Aber es war zu spät, die Österreicher hatten sich bereits hinter den Hecken und Büschen des Schlesischen Tores verschanzt. Wieviele Angreifer sich da verschanzten, konnte niemand sagen, aber man schätzte sie vorsichtshalber auf 16.000 Mann. Gegenüber standen drei Regimenter, die der vor kurzem noch siegessichere Friedrich zur Verteidigung der Stadt an der Spree zurückgelassen hatte, und von denen eines nur zum Teil verfügbar war und ein anderes aus jungen, gerade rekrutierten Soldaten bestand. Das Landregiment von Lüderitz dagegen setzte sich mehr oder weniger aus Invaliden zusammen, im Generalstab sprach man von abgelebten Leuten, die meisten von ihnen »total invalide, daß nicht über 6 dabey« zu gebrauchen seien. Die Offiziere hätten ihnen »in Altersschwäche wenig nachgestanden«, der nach Dienstjahren Jüngste unter ihnen sei gerade mal »77 Jahre jung« gewesen, schreibt der Historiker Wladimir Kusnezow.

Selbst die Uniformen der Truppe seien in schlechtem Zustand gewesen, lediglich die »fürchterlich großen Gewehre« hätten dem Feind imponieren können. Tatsächlich soll einer der verwegensten Krieger dem österreichischen Trompeter mit dem Kolben gedroht haben, falls er nicht aufhöre, so schrecklich zu blasen.

Der Aufmarsch dieser Rekruten blieb in der Stadt nicht unbemerkt. Zu Hunderten strömten die Berliner zum Köpenicker Feld und dem Schlesischen Busch, hinter dem die österreichischen Truppen des Generals Haddick lauerten. Soldaten, die den Schaulustigen den Weg versperren sollten, wurden mit »Biergeld« bestochen. Soldaten kamen ihnen entgegen, »nicht in Reih und Glied, sondern zerstreut«, die ersten, die ihr Pulver verschossen hatten und den Rückzug antraten.

Doch auch in die andere Richtung marschierten noch Soldaten. Ein vierzehnjähriger Gymnasiast, der nicht an den Wachen vorbeikam und an der Breite Straße die Truppenbewegungen verfolgte, beschreibt die bleichen Gesichter eines auf die Schnelle zusammengestellten Himmelfahrtskommandos, das nun in den Kampf geschickt wurde. »In einer Entfernung von etwa 2,5 Kilometern oder 20-30 Minuten Fußmarsch lauerte auf sie der ruhmvolle Tod fürs Vaterland.«

Und am Schlachtfeld zwischen Schlesischem Busch und Kottbusser Tor warteten bereits die Schaulustigen. Einige aus dem Publikum sollen den Österreichern sogar Tabak angeboten haben. Doch was scheinbar als Komödie begann, wurde schnell zur Tragödie. Als gegen halb zwei Uhr mittags das Gemetzel begann, war klar, dass dieser kleine Haufen von 400 Soldaten »ohne Kanonen und ohne Reiterei« keine Chance hatte gegen die vermeintlichen 15.000 Österreicher, die sich hinter den Büschen versteckten.

Geradezu absurd war es, dass der preußische Kommandeur seine Männer nicht ebenfalls in Deckung hinter Gartenzäunen, Lauben und Büschen gehen ließ, sondern sie quer über das Feld laufen schickte, um eine hauchdünne Verteidigungslinie zwischen dem Kottbusser und Schlesischem Tor zu aufzubauen.
Die Österreicher müssen Mitleid empfunden haben beim Anblick dieses Gegners. Ganz ohne Begleitung schickten sie einen General zu den Preußen hinüber, der ihnen empfahl, sich kampflos zu ergeben. Doch der Preuße ließ seine Soldaten vortreten und schoss den General vom Pferd. Die Schüsse, die darauf folgten, waren bis in die Stadt hinein zu hören, doch schon bald trat eine »fürchterliche Stille« ein, »die wohl ein paar Stunden anhielt. Erst nach vier Uhr merkte man wieder, daß man in einer Stadt lebe.« Allen war klar, dass die Soldaten nur geopfert wurden, um Zeit zu gewinnen für den sicheren Rückzug des Hofes.

Die Stadtmauer, an der die letzten Preußen ihr Leben ließen, wurde zur Klagemauer. In den Berlinischen Blättern schrieb man, es sei »für die Berliner sehr rührend gewesen, viele Leute todt zu wissen, die sie noch kurz vorher gesund vor sich gesehen hatten.« •

Literaturhinweis: W. Kusnezow, Der Berliner Husarenstreich, 2011, Kreuzbergmuseum


zurück zum Inhalt
© Auenseiter-Verlag 2018, Berlin-Kreuzberg