Kreuzberger Chronik
Dez. 2012/ 2013 - Ausgabe 143

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kreuzberger Stammtische


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von Hans W. Korfmann

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Sie sind nicht wegzudenken aus dem Stadtbild. Doch die kleine Heimat der Kneipengänger ist bedroht.



Yorckschlösschen
Im Yorckschlösschen
Foto: Sönke Tollkühn
Einst standen Wimpel, Aschenbecher und silberne Schilder mit der Aufschrift »Stammtisch« auf den hölzernen Tischplatten für die ausgewählte Kundschaft. An diesen Stammtischen wurde, so wie eigentlich an allen anderen Tischen auch, geraucht, getrunken und erzählt. Allerdings ein bisschen mehr und ein bisschen lauter als an den Tischen, an denen jeder sitzen durfte. Der Stammtisch genoss Sonderrechte, und wer an ihm einen Platz hatte, der war in der lokalen Hierarchie weit nach oben gekommen.

Doch die Existenz der Stammtische und Eckkneipen, in denen die runden Tische zum unbedingten Inventar gehören, ist bedroht. Die Zeiten, in denen Bier und Korn getrunken wurde anstatt Latte und Riesling, in denen die Wirte berlinerten und Witze erzählten, die den Westdeutschen die Schamröte ins Gesicht trieben, scheinen vorüber. Die Treffpunkte haben ihren Sinn verloren in einer Zeit, in der Menschen mittels elektronischer Geräte kommunizieren. In der das Trinken verpönt und das Rauchen verboten ist.

Es ist kein Zufall, wenn die letzten Stammtische in den Raucherzimmern stehen. Oder im Raucherzelt des Yorckschlösschens. Einst trafen sich die Maler, Musiker und Dichter des Schlösschens am runden Tisch mit dem Sofa. Mit dem Rauchverbot verlegte man den Tisch von der damaligen »Südkurve« ins Raucherzelt. Und als Tina, die schon fast so lange im Schlösschen Bier an die Tische trägt, wie der Stammtisch alt ist, sich eines Abends darüber aufregte, dass ihre altbekannten Gäste nicht zusammen bestellen konnten, sondern alle immer schön nacheinander und jeder einzeln für sich, schuf sie den »Tisch des Grauens.« Dort sitzen sie – während drinnen die Musik spielt und die Gäste tanzen - noch immer, seit Jahren schon: Gerlinde, Jürgen Grage, Wolfgang Rügner, Klavierhelmut, Ulle Bormann, und wie sie alle heißen. Und sie lachen noch immer so laut und so schadenfroh über jeden blöden Blondinenwitz und jede ihrer kleinen Erzählungen aus dem Leben, als hörten sie sie zum ersten Mal.



Heidelberger Krug
Im Heidelberger Krug
Foto: Sönke Tollkühn
Einer der ältesten Tische in Kreuzberg ist der des Heidelberger Krugs. Dort saßen schon im 19. Jahrhundert die Kreuzberger und erzählten sich was. An einem Abend im Juli 1923 war es besonders voll, da der Wirt gerade Vater wurde und versprochen hatte, ein ganzes Fass Freibier anzustechen, wenn es ein Junge würde. Und ein halbes, wenn es ein Mädchen werden würde. Das Kind wurde noch am selben Abend im Schankraum vorgestellt, und sie haben die ganze Nacht getrunken, obwohl es nur eine Elisabeth war, und kein Ernst oder Jakob.

Ein Klavier stand damals auch schon da. Es wird erzählt, dass Soldaten und Offiziere zu den Stammgästen im Krug gehörten, die mit ihren langen Tanzbeinen die Herzen der Damen im Kiez eroberten. In den Jahren der Hausbesetzungen, in den wilden Siebzigern und den fast so wilden Achtzigern, wurde nicht mehr viel getanzt. Da trafen sich die weniger poetisch veranlagten SEWler am Chamissoplatz. Der Stammtisch am Chamissoplatz war schon immer eine Instanz, und Politik war immer ein Thema an diesem Tisch. Doch kamen die Gäste auch hier nicht ohne Klatsch und Tratsch aus. Und wenn im Kiez ein Gerücht die Runde machte, dann kam es mit großer Wahrscheinlichkeit von dem runden Stehtisch vor der Theke, oder aus der Sitzecke mit der Eckbank und der Holzvertäfelung. Auf den hölzernen Plätzen diskutierten die Gäste nicht selten ganze Nächte, in denen sie nicht nur über Politik sprachen, sondern über das Sonnensystem, über die Triangulation, über die Heizkraft von Kohleöfen, über Chopin oder Wagner, über den Winterschlaf der Bären oder das Phänomen des Wetterleuchtens. Nächtelang konnten sich die Trinker im Krug mit einem Thema beschäftigen, nicht, ohne sich immer wieder erheben zu müssen, damit jemand den Deckel der Eckbank aufklappen und den dicken Band einer Enzyklopädie, des Brockhaus, den Rechtschreibeduden oder den Atlas aus dem Bauch der Bank holen konnte, um dem Streit ein Ende zu machen.

Heute, im Zeitalter internetfähiger Handys und Notebooks, steht keiner mehr auf, um nachzuschlagen. Aber diskutieren können die Gäste am Stammtisch im Krug noch immer vorzüglich. Das Publikum ist schließlich noch das alte. Nur die Wirte haben in all den Jahren gewechselt. Zuletzt war es Udo. Er kannte seine Gäste, und er hatte – auch wenn sie ihn nervten – eine gewisse Sympathie für diese ewig quasselnden, ewig nörgelnden Stammtischler. Jetzt haben zwei seiner einstigen Kellnerinnen das Lokal übernommen. Die Gäste aber sind geblieben. Nur einige wenige hielten Udo die Treue und folgten ihm in die Destille an den Mehringdamm.


Destille
In der Destille
Foto: Sönke Tollkühn
Das ist schon die dritte!«, sagt Udo, der jetzt in der Destille zapft und die Leinwand vor die schwere schwarze Eichenholzanrichte aus dem Jahre 1916 zieht. »Dadurch, dass hier alle rauchen, vergilbt die natürlich ganz schnell. Und dann sieht man nix mehr.«

Am Anfang, als in allen Berliner Kneipen noch die monumentalen Stammtisch-Aschenbecher auf den Stammtischen standen, kamen die Väter noch mit ihren Söhnen in die Destille, um gemeinsam den unaufhaltsamen Abstieg der Hauptstadtfußballmannschaft mit zu verfolgen. Doch mit der Ära Wowereit kam das Nichtraucherschutzgesetz, und da eine Destille, in der hochprozentige Destillate getrunken werden, aber in der nicht geraucht werden darf, unglaubhaft ist, mussten seit dem Mai 2009 die Väter allein in die Destille gehen, während die Söhne allein vor dem Fernseher saßen, da die Mutter nicht das geringste Interesse zeigte an Sieg oder Niederlage der Herthaner.

Allerdings konnten die allein gelassenen Väter, von der väterlichen Vorbildfunktion befreit, ihren Tränen nun hemmungslos freien Lauf lassen. Was sie auch taten. »Immer wieder, wenn Hertha verlor, fingen zwei oder drei zu heulen an.« Woraufhin Uwe, der sehr verständnisvolle Wirt, den Unglücklichen tröstend die Hand auf die Schulter legt und sagt: »Nu is aber gut! Willste´n Schnaps aufs Haus?«

Trotzdem sind die Herthafans der Destille keine Hardcorefans. Im Gegenteil. Es macht ihnen nichts aus, wenn ein Bayernfan unter ihnen sitzt. Die Stammgäste in der Destille würden dem Bayernfan sogar tröstend die Hand auf die Schulter legen und ihm ein Bier ausgeben, wenn der Bayernfan zu weinen begänne, nur weil Bayern gegen Hertha verliert. Da sind sich alle sicher. Wahrscheinlich, weil sie sich auch ziemlich sicher sind, dass das niemals passieren wird.

Wenn aber, weil Uwe anlässlich eines Herthaspieles »ausgsteckt« und das Herthafähnchen vor der Tür gehisst hat, ein Herthafan in der Destille auftaucht und Kampfgeschrei anstimmt, dann dauert es nicht lange, und er fühlt sich an diesem friedlichen Kreuzberger Stammtisch einfach nicht mehr wohl. Und geht schon in der Pause dahin, wo die Fußballfans noch richtig grölen.

Voll ist es trotzdem immer am Mehringdamm, egal, ob Hertha auswärts verliert oder in Berlin. Der Unterschied ist nur, dass die Stammrunde bei Heimspielen gleich zweimal auftaucht: Nämlich auf zwei oder drei Bierchen vor, und dann auf sechs oder sieben Bierchen nach dem Spiel. Zwischendurch sind sie auf dem Fußballplatz. Und grölen. So, wie sie in der Destille niemals grölen würden.


Dimokritos
Im Dimokritos
Foto: Sönke Tollkühn
Doch nicht nur in Alt-Berliner Kneipen, auch in einem griechischen Lokal gibt es einen Stammtisch. Unverabredet und spontan treffen sich in der Taverna Dimokritos seit Jahren Menschen, um über Politik, Sport und den ganz normalen Wahnsinn bei Bier, Wein und gutem griechischen Essen zu palavern.

Spontaneität und Solidarität sind ein Merkmal dieser multikulturellen und illustren Runde. Ein anderes ist ihr Tatendrang. Bei Dimokritos zählen nicht nur die Worte, sondern auch Taten: Als kürzlich einer der Gäste es versäumt hatte, eine kleinere Geldstrafe zu begleichen, woraufhin er eines Nachmittags unvermutet verhaftet und zur Justizvollzugsanstalt verbracht wurde, fanden sich alle telefonisch erreichbaren Stammgäste wenige Stunden später am Tisch ein. Bei Bier und Wein wurde beratschlagt und Geld zusammengelegt. Jeder gab, was er konnte, und als am Ende noch immer etwas fehlte, erklärten auch der Wirt und die Kellner ihre Solidarität mit dem Kreuzberger. Während eine Delegation der Taverne zur Bank fuhr, verständigten andere die Staatsanwaltschaft über die erfolgte Zahlung. Wieder andere hielten die Stellung im Lokal, bis gegen 24.00 Uhr tatsächlich das bleiche Stammtischmitglied vor der Taverne einem Mercedes entstieg, um die ganze Geschichte gebührend zu begießen.

Auch im Todesfall hält die kleine Gemeinde aus der griechischen Taverne fest zusammen. Es ist selbstverständlich und bedarf keiner Absprachen, dass der Stammtisch komplett am Grab eines verstorbenen Tischgenossen erscheint. Und dass die Trauerfeier im Dimokritos stattfindet – so, wie es sich der Freund gewünscht hat.

Natürlich wird am griechischen Stammtisch auch geheiratet. Selbst dann, wenn diese Heirat eigentlich heimlich hatte stattfinden sollen. Aber an einem Stammtisch bleibt nichts im Verborgenen, und als sich letztens zwei von ihnen im engsten Familienkreis das Jawort geben wollten, wusste jeder der Stammtischgäste Bescheid. Als die Frischvermählten nichts ahnend nach dem Standesamt in der Taverne erschienen, wurden sie gleich von allen Seiten beglückwünscht. Und wieder wurde es ein langer, fröhlicher und lauter Abend.

Stiller ist es am griechischen Stammtisch nur zu Weihnachten. Da bleiben die Stammtischgäste lieber daheim. Ganz im Gegensatz zu denen des Heidelberger Krugs, der Destille oder des Yorckschlösschens. Dort sitzen sie auch am 24. Dezember noch um die Keksteller, Kerzen und Tannenzweige. All jene, die nicht mit Frau und Kind unter dem Weihnachtsbaum sitzen.


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