Kreuzberger Chronik
November 2011 - Ausgabe 132

Legenden der 60er

Märchen und die Exorzisten


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von Alf Trenk

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Märchen! Diesen Namen schrieb Rosi kurzentschlossen hinter die drei noch zu bezahlenden Pils und den Klaren. Sie hatte vergessen, den Typ, der gerade anschreiben ließ, nach seinem Namen zu fragen. Seine wunderliche Erscheinung – schwarzes, wirres Haar, dunkle, blitzende Augen, die einen anstrahlten, als überbringe er gerade die Botschaft von einem Millionengewinn, dazu seine betont korrekte, blumenreiche Sprache – all das machte ihn in ihren Augen wenig kreditwürdig. Aber er hatte schon einige Male zu später Stunde hereingeschaut, die Laute geschlagen, aberwitzige Verse rezitiert, war aus Ergriffenheit über den eigenen Vortrag teils in Tränen, teils in wildes Gelächter ausgebrochen und dafür – was Rosi mit Wohlgefallen registrierte – vom Leierkasten-Publikum mit laufenden Bierspenden bedacht worden. Weil er so viele verrückte «Märchen» erzählte, wählte sie das Wort als Gedächtnisstütze. Es haftete ihm an wie ein Muttermal und wurde richtungbestimmend für alles, was er künftig in Worten, Bildern und musikalischem Vortrag von sich gab.

Anders als viele Berufs-Kreuzberger war Artur Raake, der spätere Artur Märchen, in Kreuzberg geboren und aufgewachsen. Der Krieg brachte ihn unter die Obhut einer pharisäerhaft-frömmlerischen Familie, die früh sein zeichnerisches Talent entdeckte und ihn am laufenden Band Christusfiguren zeichnen ließ. Dabei vertiefte er sich einmal allzu realistisch in gewisse anatomische Details. Die Frommen wähnten, der Satan habe ihm die Hand geführt. Als Märchen seinerseits versuchte, dem herbeigerufenen Exorzisten den Teufel auszutreiben, flog er kurzerhand auf die Straße. Sein Brot verdiente er auf alle nur mögliche Weise: als Matrose, Bordellkunden-Anlocker mit Ziehharmonika, als Grimassenschneider, Gelegenheitsdichter, Porträtmaler, als Kneipenmusiker und Instandsetzer von Orgeln, und mit tausend anderen Dingen. Am liebsten zog er mit seiner Laute durch nächtliche Kneipen, sang alte Trinklieder mit eigenen Texten und erzählte selbsterfundene Geschichten.

Ab 1962 begann er, seine Porträts »surrealistisch« zu verfremden und auszustellen. Das zog. Die Kreuzberger Prominenz wurde aufmerksam, war begeistert und kaufte. Mit den Worten: »Arturchen, nach mir bist du der Jreeßte!«, sicherte ihm Schröder-Sonnenstern einen Platz in seinem privaten Olymp. Zwei Jahrzehnte später, als im Februar 2004 sein zäher Kampf mit dem Krebs ein Ende fand, ist Märchen vermutlich dieser Einladung gefolgt. •

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