Kreuzberger Chronik
Juni 2011 - Ausgabe 128

Essen, Trinken, Rauchen

Sas auf der Sonnenseite


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von Saskia Vogel

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Auf der Sonnenseite des Lebens, also auf der Körtestraße, im Café-Bistro oetcke & blach, das mit seiner offenen BrutzelTresen-Küche für Cheeseburger wirkt wie eine riesige IKEA-WG-Küche, findet Sas noch ein freies Plätzchen. In der Eisvitrine dampft »feinstes Speiseeis« von Tanne B. vom »Lausi-Platz«, bekannt in ganz Kreuzberg. Mit roter Erdbeere und gelber Vanille. Dazu poppig gestrichene Wände, minzgrüner Apfelsaft und das fruchtige Servier-Team in quietschgrünen und knallgelben T-Shirts. Sas lümmelt sich auf ein Sofa im Sonnenschein.

Dann kommt das Serviermädchen. Zeigt mit spitzem Finger auf das noch nicht abgeräumte Geschirr und dann auf Sas: »Das ist alt, und du bist neu!« Richtig, sagt Sas, schlimmer wär´s andersherum. Sas bestellt sich die erste Berliner Weiße ihres Lebens mit grasgrünem Waldmeister. Dann kommt ein junger Mann mit Wollkopf und Trommel auf dem Rücken. Ob Sas sein Bike gesehen hätte? Gestern hätte er sein Rad an eine junge Frau verliehen, die damit unbedingt vom Südstern zum Tempelhofer Feld fahren wollte. Ob er sich das nicht hätte denken können, fragt Sas. Nein, sagt der Gescholtene, er glaube nicht an die Leistungs- sondern an die Bedarfsgerechtigkeit. Und die junge Frau hätte eben Bedarf gehabt. Hm, sagt Sas. Und schweigt.

Ihr eigener Bedarf besteht gerade in einer zweiten Berliner Weiße, diesmal in Rot. Sowie einer Portion »Eier im Glas« mit frischgrüner Petersilie. Kaum ist die Bestellung aufgegeben, schallt ein »Mist, wie geht das mit dem Eierkocher nochmal?« von hinten. Sas sitzt ganz entspannt auf ihrem Sofa vor der offenen Glasfront des Café-Bistros und lauscht der Servier-Bande, die nicht nur die eigenen Eierkoch-Versuche kommentiert, sondern auch die Gäste. Zu jeder Bestellung, die vom knallgelben Servier-Mädchen am Tresen verkündet wird, kommt eine Bemerkung von der Brünetten im quietschgrünen Shirt zurück, die gerade Kaffee brüht. »Einen Latte Macchiato mit Sojamilch bitte.« - »Was, schon wieder? Das dauert jetzt aber! Ich dachte, dieser Hype um die Hülsenfrüchte-Milch wäre endlich mal vorbei.« Oder: »Ein Glas Weißwein für die Frau rechts bitte.« - »Ist die nicht schwanger? So eine war schon gestern hier, dicker Bauch, aber fröhlich Sektchen gekippt.« Aus der »Frau hinten am Tisch« wird »die mit der Frisur«, und aus dem »vorn rechts« der »Typ mit dem Hut.«

Bösartig sind sie nicht, die Serviermädchen von oetcke & blach -sie lästern halt ein bisschen nach Frauenart. Die Frisur dieser Frau ist ja auch tatsächlich irgendwie exorbitant, und diese Sojamilch schäumt wirklich nie. Sas bestellt sich eine dritte Berliner Weiße - und hält sich vorsichtshalber schnell die Ohren zu. •


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