Kreuzberger Chronik
Juni 2011 - Ausgabe 128

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kreuzberg zu Verkaufen (3):
Der Protest wächst



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von Horst Unsold

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Seit dem Fall der Mauer kaufen Immobilienhändler Grundstücke im Zentrum Berlins. Jetzt steht Kreuzberg audem Plan. Doch die Gegenwehr wächst




Am 2. April, als der Oberbürgermeister dem Bezirk die Ehre erwies und in der Markthalle am Marheinekeplatz eine Ausstellung des Kreuzberger Malers Mühlenhaupt eröffnete, entfalteten Aktivisten ein Transparent, auf dem stand: »Mühlenhaupt liebte seinen Kiez, Wowereit verkauft ihn.«

Während übereifrige Ordnungshüter für Gerangel und Unruhe sorgten und den Aktivisten das Transparent zu entreißen versuchten, blieb der regierende Oberbürgermeister routiniert und gelassen. Sich zum Volkw herblassend sagte er: »Na, nun lasst die doch ihr Transparent zeigen!« Wenig später sprach er dann von Kurtchen und Hannelore, als hätte er täglich mit ihnen zu Abend gegessen, zeigte sich volksnah und blieb hartnäckig beim kollektiven »Wir«, auch wenn es zwischen ihm und Kreuzbergern keine Gemeinsamkeiten mehr gibt.

Denn Klaus Wowereit spielt mit ihrem Lebensraum. Er lässt es zu, dass die Häuser seiner Bürger zum Spekulationsobjekt von Immobilienhändlern und Aktionären verkommen. Die Aktivisten brachten es auf den Punkt: Ein Mann, der seine Stadt und seine Bürger achtet, würde dem unmoralischen Geschäft mit dem Wohnraum einen Riegel vorschieben. Deshalb war es keineswegs übertrieben, was dort für zwei Minuten zu lesen war: Wowereit verkauft Kreuzberg.
Seit Jahren leer: Die Sendelbachhöfe in der Kopischstraße - Foto: Silke Meyer
Der Bezirksbürgermeister Schulz, Parteigegner des oberen Bürgermeisters, sah das ähnlich. Er sprach auch nicht von »Kurtchen«, sondern von Kurt Mühlenhaupt, und er sagte, wenn auch etwas verschnörkelt, dass dieser Kreuzberger Maler, der die kleinen Leute seines Kiezes mit viel Verständnis und Wohlwollen porträtierte, sich über den lautstarken Protest seiner Kreuzberger gefreut hätte.

Am 5. April, drei Tage nach dem Besuch des Bürgermeisters, fand in der Passionskirche eine Veranstaltung zum Thema »Verdrängung« statt. Die Nachfrage nach seelischem und beratendem Beistand in den Rängen des Gotteshauses war stark wie am Heiligen Abend.

Am 12. April fand im Wasserturm, ebenfalls unter regem Interesse, der 6. Salon Undine zum Thema »40 Jahre Häuserkampf« statt. Was in den 70ern mit der Besetzung alter Häuser und günstigen Wohnraums durch den Kreuzberger Widerstand begann, könnte im Jahre 2011 seine Fortsetzung finden. Werner Orlowsky und Sergeij Goryanoff, beide sowohl als Aktivisten als auch als amtierende Politiker in die Geschehnisse der Siebziger verwickelt, verglichen Damals und Heute. Unter dem Strich wurde klar, dass sich wenig verändert hatte, und dass die Instrumentarien eines Kreuzberger Widerstandes nach wie vor die gleichen sein müssen.

Die Kreuzberger Aktivitäten machten endlich auch die Medien auf die Missstände aufmerksam. Schon im Januar sammelten französische Journalistinnen im Wasserturm O-Töne des Widerstandes für eine Radiosendung, Spiegel-Online berichtete zum Thema Tourismus im Szenekiez, der RBB strahlte Diskussionsrunden aus und berichtete von einzelnen Häusern, und auch taz, Morgenpost und Tagesspiegel räumten dem Thema endlich ganze Seiten ein.

Der Widerstand wächst. Doch während in Friedrichshain längst die Autos brennen, weil die demokratischen Formen des Protestes nichts fruchteten und mit der üblichen Arroganz der Politik des 21. Jahrhunderts ignoriert werden, wird in Kreuzberg noch immer informiert und diskutiert. So, als bestünde tatsächlich Hoffnung, dass die Verantwortlichen in Bund und Ländern ihre Fehler einsehen und das Ruder noch einmal rechtzeitig herumreißen könnten, bevor Berlin zu einer jener charakterlosen Großstädte verkommt, die es überall auf der Welt gibt, mit der »City« in der Mitte und den Wohnghettos am Stadtrand.
Der obere Bürgermeister - Foto: Lothar Eberhardt

Diese Stadt hat etwas zu verlieren: ihren Ruf, ihre Identität, ihre Atmosphäre. Berlin hat in den vergangenen Jahren das Wort »Kiez« international bekannt gemacht. Die kleinen funktionierenden Infrastrukturen inmitten einer Metropole des 21. Jahrhunderts haben Seltenheitswert. Es geht demnach um mehr als nur ein bisschen Humanität im Umgang mit der Bevölkerung: Es geht um die Zukunft Berlins. Das haben nicht nur die Kreuzberger am Chamissoplatz erkannt, sondern auch die Bewohner in der Reichenbergerstraße oder des »Graefekiezes«, die eine interessante Variante der Gegenwehr entwickelt haben. Schon seit zwei Jahren organisieren sie »Kiezspaziergänge« und führen Besucher zu betroffenen Häusern, sprechen mit den Mietern, erzählen Geschichten vom Kampf um den Lebensraum. Die Bedrohung des »Homo-Kreuzbergensis« durch Immobilienhändler, ein ständig wachsendes gastronomisches Angebot im sogenannten »Szenekiez« am Landwehrkanal und einen immer stärker werdenden Touristenstrom ist im »Graefekiez« besonders deutlich.

Angeregt vom »Bündnis Mietenstopp«, das bereits im Sommer 2009 mit einer Tour von Neukölln bis zur Reichenberger Straße auf die Fehlentwicklung aufmerksam machte, führte die Mieten-AG des ehemaligen Kiez e.V. etwa 50 Spaziergänger von der Admiralbrücke zu den Schauplätzen des Häuserkampfes. Dazu aufgerufen hatten sie – so wie schon in den 60ern - mit Flugblättern und Zetteln an Häuserwänden. 2010 folgten zwei weitere Spaziergänge: Einer hatte die Auswirkungen des Tourismus auf ein Wohnquartier wie den »Graefekiez« zum Thema, der andere führte die Spaziergänger zu Häusern, in denen Modernisierungen die Mieter mit rasant steigenden Mieten konfrontiere. Bei der letzten dieser alternativen Stadtführungen, die nicht Touristen mit netten Anekdoten aus vergangenen Zeiten versorgten, sondern die Bewohner Berlins mit den wahren Geschichten der Gegenwart konfrontierten, warb ein Bündnis aus mehreren Wohnvierteln für vier dieser Spaziergänge mit einem Plakat. Immer mehr Menschen folgten den aufklärenden Spaziergängern, von der Polizei misstrauisch beobachtet, nach Treptow und Neukölln. Als beim Kreuzberger Spaziergang in der Reichenberger Straße etwa 80 Menschen zusammengekommen waren, schritten die Ordnungshüter ein und erklärten, dass es sich bei der Stadtführung um eine Demonstration handle, die anzumelden sei. Am 19. Mai standen die Stadtführer wegen »Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz« vor Gericht, wurden aber - gegen ein entsprechendes Entgeld selbstverständlich- noch einmal freigesprochen.

Dennoch wurde auch der Kiezspaziergang, der am 28. Mai durch den Kreuzberger Chamissokiez führte, zunächst nicht als Demonstration angemeldet. Auch die Einladung zur Veranstaltung am 30. Mai in der Passionskirche klingt schon etwas kämpferischer: „Sie fühlen sich in Ihrer Wohung sicher? Irrtum!“ Jan Aleith von der »Gesetzlosen Gesellschaft« des Dreigroschenvereins – einer eher friedlichen Abwehrorganisation vom Kreuzberger Chamissoplatz - sagte: »Wir werden uns diesmal nicht nur auf politische Forderungen beschränken, sondern zu aktivem Widerstand und zivilem Ungehorsam aufrufen!« Also dann! •



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