Kreuzberger Chronik
Juni 2011 - Ausgabe 128

Mein liebster Feind

Katja Neumann & Kajo Frings


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von Kajo Frings

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Vor 30 Jahren machte sich das CaDeWe, das Cabaret des Westens, lustig darüber, dass die Zeiten des »autonomen« Kreuzberg vorbei waren. »Wo ich mit Steinen schmiss, steht heut ein Schnellimbiss«. Heute könnte man singen: »Wo einst die Mauer stand, ist jetzt Touristenland«. So jammert der Wrangelkiez. Der typische Kreuzberger, Anfang 60, regt sich auf.

Vor 40 Jahren aus der Enge der westdeutschen Provinz entflohen, hatte die Welt bereist, zum Entsetzen schwarzgekleideter Kreterinnen nackig an griechischen Stränden gelegen, zum Entsetzen der Hindus am Strand von Goa rumgevögelt, dann im multikulturellen Kreuzberg wie Landowski und Konsorten - wenn auch auf niederem Niveau- von den Berlin-Subventionen gelebt, ist er jetzt während der sechsten Umschulung kurz vor der Rente entsetzt über Trinkgelage von Fremden auf der Admiralbrücke: »Sie pinkeln in die Hauseingänge, werfen Bierflaschen und grölen herum«. Eine Zeitung schrieb: »Ihre Wut klingt wie die Empörung eines schwäbischen Dorfbewohners über ein Punkkonzert in den 80er Jahren«.

Hans-Magnus Enzensberger schrieb über das Eisenbahnabteil: Wer drin sitzt verbündet sich mit den anderen Insassen gegen jeden der auch rein will. Und auf einmal hört man aus den Mündern grünalternativer Urgesteine, was schon ihre Väter sagten: »Ich hab ja nichts gegen Fremde, aber müssen die ausgerechnet hier sein?« Das ist nicht rassistisch, dieser Fremdenhass hat genauso was gegen saufende Schweden wie gegen argentinische Lesben und israelische Schwule. Der Kreuzberger mit Wessimigrationshintergrund ist einfach gegen Fremde - und gegen Einheimische, die daran verdienen. Die Vertouristisierung der Bergmannstraße ist ihm ein Dorn im Auge und Ferienwohnungen sowieso. »Da werden ja gar keine Steuern bezahlt!«, empörte sich ein aufrechter Kreuzberger kürzlich auf einer Veranstaltung im Wasserturm und keifte wie eine Wilmersdorfer Witwe: »Wo bleibt denn da das Ordnungsamt?« Der selbe Kreuzberger, der sich immer aufregt, wenn das Ordnungsamt mal tatsächlich was gegen Gefährdung von Menschenleben tut und das Fehlen der Fahrradbeleuchtung moniert, ruft nach dem Staat. Da bleibt nur die Abwandlung eines Spruchs von F.W. Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche werden langsam selber welche.«

Letzten Samstag traf ich in der Markthalle einen ehemaligen Ca-DeWeler. Mittlerweile im Rentenalter, aber von der staatlichen Rente kann er nicht leben. »Ach, ich verdien mir da noch ein Zubrot .... Ich hab da so‘ne Ferienwohnung....« •

Kajo Frings

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