Kreuzberger Chronik
Oktober 2010 - Ausgabe 121

Kreuzberger
Sabine Knauf

Ich bin Ärztin mit Leib und Seele


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von Waltraud Schwab

Titelfoto: Dieter Peters

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Sabine Knauf hat ein Faible für einfache Dinge. Farbige Papierfetzen, Kritzelzeichnungen, Schneckenhäuser und verlorene Handschuhe. Wenn sie sie findet, hebt sie sie auf. »Ich bin jemand, der am Tatsächlichen, am Alltäglichen hängt«, sagt sie. Seit ein paar Jahren gehören auch alte Einkaufszettel zu diesen Dingen, die ihr etwas bedeuten. Für kurze Zeit sind die Zettel nichts anderes als die Stütze des Gedächtnisses von Menschen, die zum Einkaufen gehen. Und dann?

Knauf fand eine dieser Stützen – eine ganz besondere. Im Jahr 2004 soll das gewesen sein. Ganz oben auf der Liste stand »1 x büyük Lack (weiß)«. Damit fing ihre Leidenschaft an. »Büyük« ist türkisch und heißt »groß«. Solche rudimentären Sprachkenntnisse hat, wer schon ein halbes Leben in Kreuzberg wohnt – in der Nähe des Marheinekeplatzes etwa. Sabine Knauf ist Anästhesistin, seit 25 Jahren arbeitet sie als Intensivmedizinerin im Krankenhaus in Neukölln. »Büyük Lack« riss sie aus dem Alltag. Sie war fasziniert von diesem Einkaufszettel. Denn »Büyük Lack« war nicht der einzige Artikel, der babylonisch daherkam. »Camlara band« -Fensterband sollte noch mitgebracht werden. »Leisten, Kleister, dickes Folie und ein Metre« -ein Metermaß dazu.

Auf diesem Einkaufszettel fand kulturelle Integration en miniature statt, dachte sich Knauf. Ein Geben und Nehmen. Nach dem Charme, den Integration im Kleinen haben kann, hatten Leute wie sie, die ihr Leben lang alternativ, friedensbewegt, weltoffen geblieben sind, immer gesucht. Die Ärztin stellt sich den Menschen vor, der zum Einkaufszettel gehört. Was für ein Mensch war dieser Zettelschreiber? Ein Mann wohl. Aber wie mochte er leben? Was für eine Geschichte hat er? Sie zeichnet ihn mit schwarzem Schnurrbart und grünen Augen auf ein Stück Packpapier. Denn die Ärztin zeichnet gern. Und sie sucht gern. Noch lieber findet sie. »Pilze«, sagt sie »und Ostereier.« Die versteckt sie auch mit Vorliebe, damit ihr Lebensgefährte sie findet.

Sie sitzt in einem Liegestuhl im Hof des Jüdischen Museums, zeigt auf ihr Kleid, auf dem viele farbige Kreise sind. Wie Ostereier sehen sie nicht aus. Aber das Leichte, das Verspielte, das Farbenfrohe - sie liebt es. Dabei wirkt sie ernst, wenn sie spricht. Bedächtig. Mit »1 x büyük Lack« allerdings war ihr Sucherblick auf etwas Neues gestoßen: Einkaufszettel. »Zuerst habe ich alle genommen, die
mir in die Hände fielen. Die waren aber nicht immer besonders.« Da wurde sie wählerischer. Sie wollte Zettel, die eine Geschichte erzählen.

Und hatte Glück. »Fisch + Broccoli, Rama, Wurst, Bollenpiepen, Dill, Milch, Pfefferminz, Gurken« stand auf einem. Bollenpiepen? »Manchmal, wenn man sich auf das Wort einlässt, kann man es erraten.« Manchmal auch nicht. Aber »Bollenpiepen«, so nennen alte Berlinerinnen und Berliner den Lauch bis heute noch. Auf einem anderen Zettel stand neben Knoblauch, Spüli, Wasser und Mülltüten: »ø Alkohol!« Knauf stellte sich die Pein des Trinkers vor und malte ihn mit Augen, die wie Spotlichter auf das Flaschenregal gerichtet waren. Andere Leute wollten »ain mal minitekma« -einmal Mini Dickmann -oder eine »Kranstange« zur »Forelle«. Die Kranzstange, die sich vermutlich dahinter verbarg, hängt bei Knauf am Angelhaken. Wieder andere wollten »Mkate« zu Sausage und Bulette oder »Latte« zu »Würstel«. Knauf fand Einkaufszettel in allen möglichen Sprachvermischungen. Eine besondere Herausforderung neben der »Slagsahne« und »kecep flase« -Schlagsahne und Ketchup Flasche -waren die »fistepcen« - die Fischstäbchen, für die noch »crveni luk« - Zwiebeln - gebraucht werden.

Knauf fischt die Zettel aus Einkaufswagen heraus oder liest sie vom Boden auf. Eines ihrer liebsten Jagdreviere war der alte Kaiser´s am Marheinekeplatz. Es gibt ihn nicht mehr. »Da standen die Wagen draußen vor der Tür«, und wenn sie einen Zettel darin sah, war Sabine Knauf nicht mehr zu halten. Als sich herumgesprochen hatte, was die ruhige, blonde Frau suchte, die über die Einkaufswagen kletterte, erhielt sie Unterstützung: Eine Frau, die vor Kaiser´s manchmal die Obdachlosenzeitung verkaufte, ließ sich von ihrer Sammelleidenschaft anstecken, schon waren sie zu zweit.

Fünfundvierzig Einkaufszettel illustrierte die Ärztin. Meistens benutzte sie gefundene Papierreste und zeichnete darauf. Es entstanden eigenwillige Collagen, in denen sie durch die Notizen auf den Papierfetzen versuchte, den Alltag der Einkaufenden zu erfinden. »Ich bastle mir Bilder von den Schreibenden zusammen. Eigentlich wie in der Medizin. Da hat man oft auch nur Stichworte, um auf die Spur der
Krankheit zu kommen.« Freunde überredeten sie, einen Verlag für die Bilder zu suchen. Denn schon bevor sie auf die Einkaufszettel kam, illustrierte Sabine Knauf ein Kinderbuch über die Götter der griechischen Sagen. »Wer ist der Mann im Löwenfell? Und wer die geflügelte Dame?« Mit einfacher Sprache machte sie aus den mächtigen Göttern dem Leben zugewandte Personen. Zeus, der Oberste der Götter, herrschte nicht nur über das Schicksal der Menschen und mit Blitz in der Hand über das Wetter. Im Knauf‘schen Verständnis sorgte er auch dafür, dass das Wetter für die Menschen erträglich blieb. Und Hera war nicht die vom zornigen Zeus hintergangene Frau mit den Kuhaugen. Kuhaugen seien ein Zeichen von Schönheit in der Antike gewesen, erklärt die Zeichnerin und rät dem Kind, das ihr Buch liest: »Schau dir mal selber die Augen einer Kuh an, dann wirst du es verstehen.«

Genau hinschauen, das ist Sabine Knauf wichtig. Deshalb reist sie so gerne. Nicht, um touristische Highlights abzuhaken, sondern um etwas zu verstehen. »Ich bin gern an anderen Orten geblieben.« Workcamps in Frankreich, medizinische Praktika in Irland, ein halbes Jahr in Nicaragua - schließlich ist sie Kreuzbergerin! Und einen Monat in einer Familie in Leningrad zu Zeiten des Kalten Krieges, solche Sachen hat sie gemacht. Und dabei gelernt, dass sich Wahrnehmungen verschieben, wenn man den eigenen Standpunkt verlässt. Dazu muss man nicht unbedingt die Welt umrunden. Afrika habe sie nicht in Afrika kennen gelernt, sondern durch ihren Mitbewohner. Und in den Einkaufszetteln, da findet sie die Vielfalt der Welt ebenfalls wieder. »Man muss sich nur darauf einlassen können«.

Einlassen – das ist das Schlüsselwort. Sabine Knauf lässt sich ein. Deshalb auch arbeitet sie nun schon ein Vierteljahrhundert lang im gleichen Krankenhaus. Über einige Jahre zeichnete die malende Medizinerin dabei das Tagebuch ihrer Arbeit auf der Intensivstation. »Immer mein bewegendstes Ereignis.« Die Ärztin hat mit Schwerkranken zu tun. Auf den Bildern sieht man Figuren, die in Betten liegen, die mit Schläuchen verbunden sind, die leblos erscheinen, denen die Arme herunterhängen, die mit großen Augen etwas sehen, was niemand sonst sieht. Diese Bilder sind ihr Gedächtnis. Zu jeder Zeichnung kann sie eine Geschichte erzählen. Wenn sie erzählt, spricht sie in der Gegenwart. Sie sagt nicht: »Als die Frau auf die Station gebracht wurde, atmete sie nicht mehr.« Sie sagt: »Sie bringen die Frau auf die Station, aber sie atmet nicht.« Über hundert Bilder sind entstanden, die die Last einer Arbeit spiegeln, bei der es oft um die großen Fragen geht, um Leben und Tod. Die Last einer Arbeit auch, die über die Jahre zusehends stressiger wird, weil die Arbeitsbedingungen immer schwieriger werden. In Sekunden sollen die Ärzte erkennen, welche Organe versagt haben und entscheiden, welche Medikamente gespritzt, welche Katheter gelegt, welche Ersatzverfahren eingeleitet werden sollen.

Selbst das gemalte Tagebuch dazu war der Ärztin irgendwann zu schwer. Es gibt da einen Spruch des Malers Bernd Pfarr, der bei ihr in der Küche an der Wand hängt: »Im Morgengrauen nach der Nachtschicht hatte Dr. Elsner für die großen Fragen der Menschheit - Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was wollen wir? - alle Antworten: Er kam von der Intensivstation, ging nach Hause und wollte nur noch schlafen.« Trotzdem: Sabine Knauf ist »mit Leib und Seele Ärztin«. Zum Aufatmen allerdings fiel ihr »1 x büyük Lack« in die Hände. Im richtigen Augenblick. Alles schien gerade so schwer. Und diese Zettel .... - sie wirkten so leicht. •


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