Kreuzberger Chronik
Oktober 2010 - Ausgabe 121

Essen, Trinken, Rauchen

Das Pavlovs liegt in Kreuzberg


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von Michael Unfried

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Charlie und Alan Harper sitzen meistens zu Hause in der Küche und reden meistens über sexuelle Probleme, zumindest über Frauen. Nur manchmal gehen die Junggesellen aus der amerikanischen Kult-Serie in Pavlov´s Bar, um auch dort, umgeben von dreißigjährigen, großbusigen Blondinen, wieder nur über ihre Probleme mit Müttern, Freundinnen, Haushälterinnen, Ehefrauen, Studentinnen und Töchtern zu reden. Das Pavlov´s in Amerika hat eine Musicbox und einen Billardtisch, an den holzvertäfelten Wänden hängen kitschige Bilder von Delphinen und ein Steuerrad, aber die Luft ist rein, von Aschenbechern keine Spur im prüden Amerika.

Im Kreuzberger Pavlov´s stehen auf jedem Tisch Aschenbecher. Dafür hängt kein Steuerrad an der Wand, die Männer sprechen über Fußball und stehen nicht am Billardtisch, sondern an der Tischtennisplatte im Hinterzimmer. Oder sie hängen in den blumigen Stoffen der Sessel und Sofas unter schummrigen Stehlampen, schauen Fußball.

Auch die weiblichen Gäste in der Eylauer Straße sind sympathischer als ihre amerikanischen Konkurrentinnen. Sie sind kleinbusiger, dunkelhaariger und jünger. Sie kommen nur selten im Bikini herein, tanzen nicht in weiblichen Zehnerrudeln und sprechen auch nicht so laut über Sex. Sie reden eher leise über ihre Diplomarbeiten, ihre Wohnungen und ihren Sommerurlaub in Südfrankreich.

»Kommst du auch am Sonntag«, fragt eine dieser sympathischen jungen Frauen am Tresen, nuckelt an ihrem Drink und schaut besorgt zu ihrer Freundin, die gerade in einer waghalsigen Aktion auf dem wackeligen Hocker die Beine übereinander schlägt. »Was´n fürn Sonntag?«, fragt sie. »Am 31., da ist Pavlov´s erster Geburtstag. Kurt Krömer spielt.« »Kurt Krömer, dieser Neuköllner Komiker? Der hat ne Band?«

Da kommt Pavlov. Pavlov heißt in Kreuzberg Mathias und ist der Mann hinterm Tresen.

»Noch was trinken?«, fragt er. Die Mädchen lächeln und nicken. Mathias sieht so cool aus wie die Junggesellen im Film. Aber er ist es. Die Jeans hängt tief, das Hemd sitzt locker, nichts bringt ihn aus der Ruhe. Vor einem Jahr hat er den Laden aufgemacht – am Ende der Welt. Da, wo früher eine dunkle Herthakneipe war. Keiner gab ihm eine Chance. Aber dann waren sie auf einmal alle da. Wegen der Tischtennisplatte, wegen der Fußballspiele, wegen der Frauen, die an ihren Strohhalmen nuckeln. Weil hier alles einfach viel charmanter und viel echter war als im Pavlov´s in Amerika.

Mathias schiebt den Mädchen zwei Caipis rüber.

»Und? Kommt ihr auch zum Geburtstag?«

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