Kreuzberger Chronik
Mai 2009 - Ausgabe 107

Kreuzberger
Saziye Yildiz

Ich glaube, ich habe mein Fernweh verloren


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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SCHON IHRE Eltern reisten viel. Bis ans Nordkap, um die Mitternachtssonne zu sehen. Sie wollten in den Gondeln von Venedig schaukeln und den Eifelturm besteigen, und wenn sie in den Ferien mit dem Auto nach Izmir fuhren, brauchten sie vier Tage, weil der Vater nie die gleiche Strecke wählte, sondern jedes Jahr eine andere Route einschlug und bei jeder Kirche, jedem Rathaus, jeder vermeintlichen Sehenswürdigkeit anhalten musste.
Auch die Tochter zog es immer wieder in die Ferne. Sogar ans Auswandern dachte sie, an Melbourne, Mailand, Paris. Sie war fasziniert von den Pariserinnen, die vor den »unendlich langen Garderoben der Pariser Kaufhäuser« stundenlang neue Kleider ausprobierten, und aus London kam sie mit einem Rucksack voller Knöpfe, Stoffen und Nieten zurück. Selbst in Berlin war sie ständig unterwegs. Alle zwei Jahre zog sie um. »Doch jetzt bin ich angekommen. Ich glaube, ich habe hier mein Fernweh verloren!«
Seit vier Jahren wohnt und arbeitet Saziye Yildiz jetzt in den Sarottihöfen am Mehringdamm. Ihr Modeatelier im Hinterhof hat etwas Anheimelndes, es strahlt eher Ruhe als Geschäftigkeit aus. Manchmal sitzen Touristen auf der Bank neben ihrer Tür in der Sonne und lesen ein Buch. Die dicht zusammengerückten Blumenkästen mit ihren wuchernden Pflanzen sehen aus wie ein blühender Vorgarten.
Wenn die Gäste des Sarottihotels lange genug auf der Bank gesessen und die Windspiele vor der Tür betrachtet haben, und wenn sie hinter der Fensterscheibe Saziye Yildiz zwischen ihren Tischen und Arbeitslampen hin-und herlaufen sehen, dann klopfen sie an und fragen: »Können Sie mir sagen, was das hier ist?« Die Männer vermuten angesichts der roten Glasherzen an den roten Bändern vor der Tür mitunter Verführerisches, die aber Frauen fragen die vermeintliche Blumenhändlerin gleich nach dem Preis des Hibiskus.
Doch Saziye Yildiz verkauft keine Blumen. Die Pflanzen in den Blumentöpfen, die sie in einem großen Kreis zusammengestellt hat, die kleinen nach vorn, die großen in die Mitte, so dass das ganze wie ein blühender Berg aussieht, sind unverkäuflich. Sie sind Geschenke ihrer Mutter. Auch die großen Orchideen im Fenster sind von ihr. Und die Engelstrompeten, von denen sich die Kinder immer wieder die blühenden Äste abbrechen. Vergangenes Jahr ist die Mutter gestorben. Zum Abschied hat sie für alle ihre Freunde noch einmal etwas genäht. »Sobald es ihr besser ging, hat sie sich hingesetzt und losgelegt. So hat sie gegen den Krebs gekämpft.« Und so hat sie jedem zum Abschied noch etwas mitgegeben. Zu Saziye aber hat sie gesagt: »Wenn Dir die Stoffe gefallen, dann nimm sie mit.«
Die Tochter der Schneiderin hat alle Ballen mitgenommen. Sie war vier Jahre alt, als ihr die Mutter eine Schere und ein Stück Stoff reichte. Später wollte sie Pilotin werden, wegen des Fernwehs. Noch später Archäologin. Weil es unter dem Schleier aus Staub so vieles zu entdecken gab. Sogar Latein hatte sie gelernt, denn eines Tages war ein Professor aus Istanbul zu Besuch, der den Leiter der Ausgrabungen von Troja kannte, und der ihr versprochen hatte, sich um einen Praktikumsplatz zu kümmern. Doch der Vater der Tochter der Schneiderin war der Meinung, dass die Archäologie eine brotlose Kunst und außerdem Männersache sei.
Deshalb stehen jetzt sieben schwere, grau-silberne Industriemaschinen im Atelier. Sie tragen silberne Namensschilder, heißen Adler, Pfaff, Dürkopp oder Textim. Sie können Knopflöcher nähen, die sehen aus wie Sternschnuppen. Auf der Galerie unter der Decke stapeln sich Kästen mit Bordüren, Bändern, Gummizügen, Knöpfen, Garn und allem erdenklichen Zubehör einer Schneiderwerkstatt. Und Stapel von Stoffen. Auch die lange Bank, die sie hat schreinern lassen, um mit Freunden an dem großen Tisch zu sitzen und ihr vierjähriges Jubiläum zu feiern, ist von Stoffballen belegt. Darunter verborgen liegen Scheren, Zeichnungen, Kugelschreiber, Bücher, Schulterpolster, Erinnerungszettel…. »Ich müsste mal aufräumen«, sagt die Schneiderin. »Aber dann finde ich nichts mehr!«
Die Werkstatt von Saziye Yildiz ist eine Idylle. Immer wieder klopfen Fotografen an, um ein Bild von der Hinterhofkulisse zu machen. Von dem strahlend weißen Brautkleid über der kopflosen Kleiderpuppe, oder von den Papierrosen, die aus den Heizungsrohren blühen, oder von den vielen Vasen, Muscheln und Bildern inmitten dieser Künstlerwerkstatt. Denn Saziye Yildiz ist eine Künstlerin. Sie sorgte dafür, dass die Jeans, Samthosen und Lederjacken für Moritz Bleibtreu perfekt saßen. Auch dann noch, wenn Andreas Bader in Action war. Sie steckte Johanna Wokalek in ein Paar Schlaghosen, die sich auch bei der Flucht der Gudrun Ensslin nicht in den Ritzen der Rolltreppe verfangen konnten. Und sie verpasste der Ulrike Meinhof einen Mantel, der so gut passte, dass sogar Martina Gedeck sagte: »Ich brauche keine zweite Anprobe, ich vertraue Saziye«.
Eigentlich waren alle sehr zufrieden mit der Schneiderin. Nur, dass sie niemanden von den Schauspielern kannte. »Jeder am Set kannte die, nur ich nicht!« Und als die Schneiderin sich in der Mittagspause über ihr Bügeleisen beugte und plötzlich jemand über ihre Schulter nach der Kostümbildnerin fragte, da sah sie kurz auf, bügelte weiter und sagte: »Die sind gerade zu Tisch.« – »Und wo sind die andern?« Wie er das so lang und gedehnt fragte, kam ihr der Mann plötzlich bekannt vor, und sie rief die Kostümbildnerin an: »Du, hier ist der Moritz Bleibtreu, der möchte zur Anprobe kommen« – Die Frauenstimme am andern Ende der Leitung aber sagte, dass der doch schon längst da gewesen sei. Jan Josef Liefers grinste die unwissende Schneiderin an und zwinkerte wie der Gerichtsmediziner des Tatortkommissars, wenn er wieder einmal alles besser weiss.

Saziye Yildiz ist, wie sie ist. Und das ist charmant. Deshalb kommt sie mit allen klar. Sogar mit den Schwulen vom Schwulen Museum und den Transen vom Café Sundström nebenan, auch mit den Männern aus der Heilen Welt. »Die meisten um mich herum sind schwul«, kichert sie. Und viele von ihnen sind Kunden. Denn die Schneiderin weiß, worauf es ankommt auf der Bühne. Dass der Mann aus dem Fummel so schnell wieder raus muss wie er rein kommt. Dass »Kette und Schuss«, die beiden Fäden einer Naht, aus elastischem Garn sein müssen, damit das Ganze nicht platzt, wenn der Mann in der Hektik aus dem Kleid nicht mehr rauskommt. Mit ihren Transen plaudert die Schneiderin von Frau zu Frau, sie erklärt, worauf sie bei Stoffen und Kostümen achten müssen, was aufträgt und was schlank macht.
Die anderen Kunden sind Frauen. Echte Frauen allerdings. Schöne Frauen. Blond wie die Engel, die zu Weihnachten in rauschendem Weiß
Foto: Dieter Peters
auf der Friedrichstraße umherschwebten. Nur vier Tage hat Saziye Yildiz für die 18 Kostüme gebraucht, »mit Flügeln und Lämpchen und der ganzen Engelausstattung!«
Die Arbeit ist nicht einfach, »ich mache ja keine Dreiteiler, meine Kleider bestehen manchmal aus 36 Einzelteilen. Da musst du schon überlegen, womit du anfängst. Oder du hast plötzlich mitten im Kleid einen Streifen, der versteckt werden muss.« In ganz schwierigen Fällen setzt sich Saziye Yildiz auf die kleine Bank vor ihrer Werkstatt, klemmt sich eines der Sitzkissen aus dem Fundus ihrer Mutter in den Rücken, steckt sich eine Zigarette an oder trinkt eine Tasse Kaffee. Wenn sie die Lösung gefunden hat, verschwindet sie wieder zwischen ihren Tischen mit den Stoffballen, dem Taschenrechner, den bunten Nähnadeln, den Nadelkissen, sucht nach Notizzetteln, Papierschnitten, Kreidestücken…
Nur eine hat sie immer griffbereit: die Goldene Deltex. Die »beste Schere der Welt«. Vor zwanzig Jahren hat Saziye sie zur Abschlussprüfung von den Eltern bekommen. Wenig später eröffnete sie gemeinsam mit Freunden und mit ihrer Schwester Hayriye im Souterrain in der Gneisenaustraße eine Boutique mit Bar. Das Café nannten sie Zeppelin, das Modelabel Cherish. Hayriye, die Betriebswirtschaft studiert hatte, kümmerte sich um das Geschäftliche, Saziye kreierte Mode. Alles ging gut, die Zeitungen wurden aufmerksam auf die türkischen Designerinnen aus der Gneisenaustraße, Schauspielerinnen posierten in ihren
Modellen, und hin und wieder ließen sich die zwei hübschen Schwestern auch selbst einmal fotografieren: in eleganten Stoffen, schwarzen Strümpfen und glänzenden Schuhen vor heruntergekommenen Industriekulissen. Kreuzbergerinnen mit Stil.
Doch nach fünf Jahren war der Spaß vorbei. Der Mietvertrag war ausgelaufen, und der Hausbesitzer erhöhte den Einsatz. Die Frauen gaben auf. Aus dem Zeppelin wurde die Junctionbar, und Hayriye arbeitet heute als Beraterin für den Bundestag, Saziye ist noch immer an der Volkshochschule und unterrichtet Deutsch für Ausländer. Sie wird das weitermachen. Aus Überzeugung. Egal, wie viel sie im Atelier zu tun hat.
Sie weiß, wie wichtig Sprache ist. Sie selbst hatte das merkwürdige Glück, im Märkischen Viertel groß geworden zu sein, und nicht im türkischen Ghetto von Kreuzberg. Sie war die einzige Türkin in der Klasse, und als ein Mädchen sich weigerte, an ihrem Tisch zu sitzen, gab es eine ordentliche »Keilerei«. Es war nicht alles gut an diesem Stadtrand, aber es war OK. Die harte Schule des Märkischen Viertels mit seinen
Mit dem Vater im Hof Foto: Dieter Peters
Hochhäusern und seinen deutschen Sozialhilfeempfängern war ihr behilflich auf dem Weg in die Integration. Saziye musste die Sprache ihrer Mitschülerinnen lernen, wenn sie sich durchsetzen wollte.
Dass die schmucklose Hochhaussiedlung einmal ein Glück sein könnte für seine Kinder, daran hatte der ehemalige Polizeioffizier Saim Yildiz nicht gedacht, als er 1969 Frau und Kinder nach Berlin in Sicherheit brachte. Immer wieder wurde die Familie des hartnäckigen Fahnders von der Mafia bedroht, und Saziye Yildiz kann sich noch gut erinnern, wie auf sie geschossen wurde, als sie im Jeep ihres Vaters saß. Im Märkischen Viertel, wo keine Türken wohnten, würden Menschenhändler und Rauschgiftschmuggler die Familie kaum vermuten.

40 Jahre später ist Saziye Yildiz doch in Kreuzberg. Nur Sonntags kommt der Vater und holt die Tochter zum Familientreffen im Märkischen Viertel ab. Saim Yildiz ist ein kleiner, freundlicher Mann mit großen Ohren und einer großen Brille. Die Tochter sagt, er sei ein strenger Vater gewesen, doch der strenge Mann lächelt. Es ist ein wissendes Lächeln, ein Lächeln der Erleichterung darüber, dass alles noch einmal gut gegangen ist.
Auch Saziye Yildiz lächelt. Nur, wenn sie von den Orchideen, vom Hibiskus, vom letzten Jahr erzählt, dann scheint es, als läge über dem kleinen Hinterhofglück noch eine Staubschicht Traurigkeit. Dann wirkt das Atelier wie ein kleines Museum. Und die vielen Blumen vor der Tür und die roten Glasherzen, all die kleinen Dinge, die sie aufbewahrt, und die bunten Stoffballen, die sich bis unter die Decke stapeln, sie alle scheinen nur eines zu sagen: Danke, Mama! •

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