Kreuzberger Chronik
Mai 2009 - Ausgabe 107

Essen, Trinken, Rauchen

Kaffee auf der Tourimeile


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von Horst Unsold

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Die Suche nach dem Frühstück, morgens um Sieben in Kreuzberg

»DU GLAUBST doch nicht, dass Du in dieser Straße was zu essen bekommst?«, sagte der Altkreuzberger mit dem silbergrauen Zopf.
Der andere, ein Surflehrertyp mit blondem Pferdeschwanz und Sonnenbrille, sah ihn schief von der Seite an. »Ey, das ist doch die Bergmannstraße. Die besteht doch nur aus Cafés!«
»Oh Mann!«, brummte der Altkreuzberger in seinen Bart und nahm die Nickelbrille von der Nase, um die verschmierten Gläser mit einem verschmierten Taschentuch zu reinigen: »Du bist echt zu lange auf der Insel gewesen. Das ist ne Tourimeile geworden hier. Das ist nicht mehr Kreuzberg mit dem Edekaladen, wo Du morgens nen Kaffee und ne Stulle bekommst. In dem Edeka ist jetzt auch son Milchkaffeeverkäufer drin, und der macht frühestens um zehn auf. Morgens um sieben ist in der Bergmann tote Hose, da haben die ganzen Cafés so was von zu, dass Du mitten auf dieser verdammten Fressmeile verhungern könntest. Und tagsüber isses so voll, dass du keinen Platz mehr findest zwischen all den Typen, die auf ihren Laptops herumhacken!«
»Dann gehn wir eben zur Markthalle!«, sagte der Sportler. »Die macht weder um sechs auf noch um sechs zu«, sagte der Graue. »Ein paar machen um Acht auf. Die andern noch später.
Trotzdem schlugen der Sportliche und der Intellektuelle den Weg zur Bergmannstraße ein. Kaum waren sie die ersten Meter gegangen, rief der Sportler: »Na, siehste: Offen!«
Verblüfft nahm der Grauzopf abermals die Brille von der Nase und begann mit dem Putzen. Tatsächlich, der Laden an der Ecke »Am Tempelhofer Berg« hatte offen. An einem Sonntag! Morgens um Sieben! Die ersten Kunden waren auch schon da.
»Ist das nicht Erhan? Und war das nicht früher so ein Ramschladen mit Zeitungen, Zigaretten, Batterien, Bier und som Kram?« fragte der Surflehrer.
»Jaja, aber die machen doch jetzt alle auf schick.« Alles in dem Laden war neu, vorne stand eine große Theke mit Kuchen, Gebäck und Getränken, hinten waren Stühle und Tische.
»Ich hätte gern nen Espresso und zwei Croissants«, sagte der Surflehrer. »Haben Sie W-Lan?« Erhan nickte. Die ungleichen Freunde setzten sich. Der Surflehrer surfte nicht mehr durchs Mittelmeer, sondern durch den Äther, rief Emails ab, suchte nach einem Rückflug, und trank bereits seinen zweiten Kaffee. »Phantastisch, der Kaffee!« – »Vom Café Einstein«, sagte der Geschäftsbesitzer und lächelte stolz. »Immer frisch geröstet!«
Um 11 Uhr verließen sie Erhan. »Ich weiß gar nicht, was du hast! Der Kaffee war super, der Typ ist immer noch OK, und eine Ruhe hier drin! So was bin ich gar nicht mehr gewohnt. Du musst mal zu uns auf die Insel kommen. Damit du mal siehst, was ne Tourimeile ist.« •

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