Kreuzberger Chronik
März 2009 - Ausgabe 105

Strassen, Häuser, Höfe

Die Köpenicker Straße Nr. 68


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von Werner von Westhafen

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VIELE VERSUCHTEN IN DEN SÄLEN DER KÖPENICKER STRASSE IHR GLÜCK, IMMER GAB ES ANLASS ZUR HOFFNUNG. DOCH DAS GLÜCK FAND NIEMAND.



ES GIBT nur wenige alte Häuser, die nicht auch ihre Glanzstunden gehabt hätten. Doch Grundsteinlegungen, Richtfeste und die ersten stolzen Mieter sind schnell vergessen. Schon bald wird gestorben, ausgezogen und abgerissen, Menschen kommen und gehen. Es gibt jedoch Häuser, über denen steht von Anbeginn kein guter Stern. Das Haus in der Köpenicker Straße Nummer 68 war ein solches Haus. Wer immer in diesem Hinterhof sein Glück suchte, er fand es nicht.

Das eher schmucklose Haus war eines von vielen Mietshäusern, die noch im 19. Jahrhundert in der aufblühenden Großstadt entstanden. Das Adressbuch von 1899 verzeichnet 20 Mietparteien, ein Jahr später sind es nur noch acht. Wahrscheinlich hatte der Eigentümer den Seitenflügel und das Hinterhaus abreißen lassen, um Platz für eines jener Tanzlokale und Ballhäuser zu schaffen, die in der Stadt gerade in Mode kamen und den Südosten Berlins allmählich zum Vergnügungsviertel machten. Historische Quellen berichten von verschiedenen Sälen und Bühnen, die sich danach im Hinterhof der Köpenicker Straße Nummer 68 befanden. Doch muss die Lust an abendlichen Tanz-Vergnügungen im Viertel der Handwerkerbetriebe und Arbeiterquartiere nicht sonderlich groß gewesen sein, zwei Jahre später standen die meisten der neuen Säle noch immer leer.

So wurde abermals abgerissen. Ein Theater sollte entstehen. Mit dem Umbau wurde August Endell beauftragt, ein Vertreter des Jugendstils, der sich als Herausgeber der Zeitschrift Pan und als Architekt der bunt glasierten Hackeschen Höfe, des ersten Speisewagens der Deutschen Reichsbahn oder der Trabrennbahn in Mariendorf einen Namen gemacht hatte.
Womöglich war es die etwas schwülstige, blumenreiche Art des Innenausstatters Endell, die man beim Bau eines so genannten »Bunten Theaters« anvisierte. Denn das neue Theater sollte nicht nur ein buntes Programm auf die Bühne bringen, es sollte auch äußerlich ein Farbtupfer in der grauen Hinterhoflandschaft des Berliner Südostens werden.
Noch im Juni des Jahres 1901 begannen die Umbauten, denn obwohl kein großes Theater, sondern nur eine kleine Bühne entstehen sollte, waren die Arbeiten äußerst aufwendig. Der Hauptsaal des Gebäudes musste komplett »verschoben« werden, da die Bühne für Theateraufführungen zu klein war. Die in verschiedenen Stockwerken gelegenen Nebensäle mussten zu Foyers und Theaterrängen umgebaut werden. Man überlegte sogar, den Grundriss des Gebäudes zu verändern, um einen jener typischen, lang gestreckten Theatersäle entstehen zu lassen, entschied sich jedoch für eine sparsamere Variante und schuf einen Theatersaal, »dessen Breite die Länge übertraf«.
Die erste Kleinkunstbühne Deutschlands entstand.
Endell betreute nicht nur die Umbauten, er sorgte auch für die Innenausstattung des Schmuckkästchens. Wobei er es sich nicht nehmen ließ, alles bis ins kleinste Detail zu planen. Weder die Auswahl der Seidenstoffe und Stickereien, mit denen die Logen bespannt wurden, noch die Gestaltung von Türen und Fenstern, von Türklinken und Kleiderhaken überließ der Pedant den Mitarbeitern. Selbst die legendären Smyrna-Teppiche wurden nach den Entwürfen Endells in der Stadt am Mittelmeer gewoben, auch die Tapeziernägel wurden eigens nach Zeichnungen des Herrn Endell angefertigt.

Bereits am 28. November und nach nur sechs Monaten war das Werk vollendet. Über dem Haus schien ein glänzender Stern aufzugehen. Das Berliner Tageblatt vom 29. November 1901 beschreibt die Ausstattung des neuen Theaters akribisch: »Was zuerst ins Auge fällt, ist die sehr originale und feine Farbenwirkung. Die Wandflächen zeigen hellweinrothe Flecken auf einem blaulichen Grundton. Sie sind durch schlanke Halbpfeiler gegliedert, die als Stämme ins Phantastische gewachsener Untermeeresbäume gestaltet sind, und spielen wie das Rahmenwerk der Bühne zwischen Braun und Blau. Oben werden sie durch einen Fries abgeschlossen, auf dem riesige Insekten krabbeln...« Der Autor rühmt die Detailarbeit und den Fleiß des Architekten, jedes Stück sei »besonders angefertigt«, und die Stoffe würden »sicherlich zum großen Theil in Mode kommen, die Läuferstoffe und Möbelbezüge gehören zum Besten, was wir haben«.

Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Die Noblesse scheint im Viertel der Arbeiter, das mit 300.000 Einwohnern zwar das größte, aber auch das einkommensschwächste Berlins ist, nicht gut anzukommen. Die Anwohnerschaft bleibt dem Hinterhof trotz des hohen Unterhaltungswertes des Hauses fern, und auch die vom Pomp der kulturellen Mitte verwöhnten Theatergänger fanden den Weg in das hinter der Fassade eines vierstöckigen Mietshauses versteckte »Bunte Theater« nicht. Schon nach einem Jahr gab der Theaterdirektor Ernst von Wolzogen zu: »Ich bin der größte Idiot des Jahrhunderts.« Und trat ab.
Bis in den Sommer des Jahres 1903 hielt sich das Theater mit kleinen Lustspielen über Wasser, dann war auch dieses Hinterhofunternehmen gescheitert. 1905 zog das »Deutsch-Amerikanische Theater« in den Hof und spielte eine Saison lang erfolgreich. Allerdings versäumte der Amerikaner, die Gagen an seine Künstler zu zahlen, und setzte sich 1908 kurzerhand nach Amerika ab. Ein Mann namens Philipp Spandow ist der nächste, der sein Glück im Hinterhof versucht. Er gründet das »Theater an der Spree«, es spielt ein Jahr lang.

Dann allerdings taucht noch einmal ein Name auf, den Berlin bis heute mit der Theaterlandschaft verbindet. Am 30. August 1910 mietete sich die »Neue Freie Volksbühne« in den Sälen der Köpenicker Straße ein und eröffnete das »Neue Volkstheater« mit Ibsens »Stützen der Gesellschaft«.
Da die Theatergruppe jedoch intensiv mit dem Bau eines eigenen Hauses in guter Lage beschäftigt war, bespielte man die Bühne im Hinterhof nur nebenbei. Als das »Volkstheater« auszog, versuchte sich die »Versuchsbühne e. V« in den unglückseligen Sälen, später noch ein »Nationaltheater«, und am Ende ein »Lichtspieltheater«. 1931 schloss auch dieses Kino seine Türen.
So fand in all den Jahren niemand sein Glück zwischen den Mauern der Nummer 68. Das traurige Schicksal des Hauses wurde besiegelt, als das Gebäude im Bombenhagel des 2. Weltkrieges endgültig komplett zerstört wurde. •

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