Kreuzberger Chronik
März 2009 - Ausgabe 105

Briefwechsel

Ausschnitte des Lebens


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von Gertrud Vogel

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MIT ECKHARD Siepmanns Reportage über die »Trödelmeile« in der Bergmannstraße hat die Chronik sich in andere Sphären katapultiert. Das ist kein Journalismus mehr, das grenzt an Philosophie.

Vielleicht ist es diesem Beitrag zu verdanken, dass ich wenig später auf der Bergmannstraße in einigen Schuhkartons wühlte. Es gibt ja nun eine ganze Menge Unbrauchbares auf so einem Flohmarkt. Manchmal aber auch das ganze Leben. Und zwar für 50 Cent!
Zumindest Ausschnitte davon. In einem muffigen Aktenordner. Der Inhalt: Ein erbitterter Briefwechsel zwischen Herrn B. und seinem Vermieter. »Leider kann ich Ihnen die Wohnung in der Waldemarstraße auf keinen Fall länger überlassen. Sie befinden sich seit ca. drei Jahren von morgens früh bis abends spät in ständiger Volltrunkenheit und sind eine Gefahr für das ganze Haus.«
So schreibt der Vermieter am 2. Oktober 1979. Zuvor gingen dem 70-jährigen Herrn B. schon diverse Räumungsklagen zu. Durch einen Rechtsanwalt zum Beispiel. »Die Wohnung wird von Ihnen weder ordnungsmäßig beheizt noch belüftet, sodaß eine Verrottung eintreten muss.« Auch Herr B. ist scheinbar am verrotten. Von ihm ist nur ein einziger Brief zu finden: »Ich erkenne die Kündigung nicht an«. Hingekritzelt auf vergilbtem Karopapier.
Als »Trunkenbold« betitelt ihn daraufhin der »hochachtungsvolle« Vermieter. Der Hauptanklagepunkt: Herr Bs. Hund verunreinigt das Treppenhaus. Weil das Herrchen keine Kraft mehr zum Gassigehen hat. Für das Amtsgericht haben darüber sogar die Nachbarn Zeugnis abgelegt: »Hiermit erkläre ich, daß ich gesehen habe, daß der Hund des Herrn B. einen Kothaufen hat fallen lassen.« Unterschrieben von Frau M. Nur ein Mieter teilt mit, dass er keine Aussagen gegen Herrn B. machen möchte, »und schon gar nicht an Eides statt.« Aber nicht aus Solidarität. Denn natürlich wäre es auch ihm »sehr angenehm«, wenn Herr B. nicht mehr im Haus wäre. »Damit wieder Ruhe und Ordnung einkehren kann.«
Herr B. ist inzwischen gestorben, da bin ich sicher. Es fragt sich nur, wohin das Schicksal ihn verschlagen hat? Musste er die Wohnung verlassen? Kein Dokument im Ordner kann darüber informieren. Ich war betroffen. Ich habe noch einmal fünfzig Cent investiert. Und eine Kerze gekauft. In stillem Gedenken an Herrn B. •

Mit freundlichen Grüßen – Gertrud Vogel

Sehr geehrte Frau Vogel Wir danken für Ihren wirklich schönen Brief, den wir gerne abdrucken. Die zwei Freikarten für das Mehringhoftheater sind Ihnen sicher.

Die Redaktion PS: Das »Mehringhoftheater« und die »Kreuzberger Chronik« vergeben jeden Monat zwei Freikarten für den Schreiber des originellsten Leserbriefes.


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